Siedlungsstrukturen aus der Urgeschichte
FAU-Forschende finden neue Hinweise auf frühe soziale Organisation
Forschende der Friedrich-Alexander-Universitä
haben neue Hinweise darauf gefunden, wie große Siedlungen in der
Urgeschichte organisiert waren. Im Zentrum steht ein besonderer
Gebäudetyp: sogenannte Megastrukturen.
Grabungen in Rumänien zeigen, dass
dieser Bautyp auch in kleineren Siedlungen vertreten ist. Damit liefern
die Megastrukturen neue Erkenntnisse darüber, wie Gemeinschaften mit
tausenden Menschen ohne erkennbare Hierar-chien funktionieren konnten.
Archäologinnen und Archäologen der FAU haben bei Ausgrabungen in der Nähe
von Stăuceni im nordost-rumänischen Kreis Botoșani eine Megastruktur der
Cucuteni-Tripolje-Kultur entdeckt. Das Gebäude ist mit rund 350
Quadratmetern mehr als dreimal so groß ist wie die umliegenden Wohnhäuser
und gibt Hinweise auf die soziale Organisation der Gemeinschaft.
Der Befund gehört zu den ältesten bekannten Beispielen in der Region.
Vergleichbare Gebäude sind bereits aus größeren Siedlungen in der Ukraine
bekannt. „Unsere Forschung zeigt, dass dieses Bauele-ment schon sehr früh
Teil des Siedlungskonzepts war und auch in viel kleineren Siedlungen
auftritt, wo eine besondere Organisationsform noch nicht nötig erscheint",
sagt Prof. Dr. Doris Mischka, Inhaberin des Lehrstuhls für jüngere
Urgeschichte mit dem Schwerpunkt Neolithikum und Ältere Metallzeiten. Denn
obwohl die Siedlung in Stăuceni mit 45 Hausgrundrissen viel kleiner ist
als die Siedlungen in der Ukraine, verfügt auch sie über eine solche
Megastruktur. Gleichzeitig deuten die Befunde darauf hin, dass die
Megastruktur nicht am Anfang der Siedlung errichtet wurde, sondern erst im
Verlauf ihrer Ent-wicklung.
Tausende Menschen, keine Anführer?
Vor allem in der Ukraine entstehen im 5. und frühen 4. Jahrtausend v. Chr.
Siedlungen mit bis zu 3.000 Häusern und schätzungsweise 15.000 bis 30.000
Bewohnern. Die Häuser dieser Siedlungen sind nicht nur sehr ähnlich
gebaut, sondern oft geometrisch angelegt, häufig ringförmig mit breiten
unbebauten Gassen oder in parallelen Hausreihen.
Hinweise auf eine zentrale Herrschaft oder klar erkennbare Machtzentren
fehlen: Paläste oder große Speicherbauten konnten bisher nicht gefunden
werden. „Wenn man sich vorstellt, dass hier tausende Menschen
zusammengelebt haben, ist das überraschend", sagt Doris Mischka,
Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der FAU. „Megastrukturen gelten
bisher als einzige Hinweise darauf, wie sich diese Gemeinschaften
organisiert haben könnten. Welche Funktion sie hatten, diskutieren wir in
der For-schung allerdings noch.“
Eigenständige Bauweise, unklare Funktion
Die Bauweise der Megastrukturen unterscheidet sich von normalen
Wohnhäusern. Unter dem Fußboden – einem Belag aus halbierten Holzstämmen
mit einer Lehmschicht – fanden die Forschenden in Stăuceni einen
umlaufenden Fundamentgraben mit mächtigen Pfosten. „Das spricht für eine
eigenstän-dige Konstruktion", sagt Mischka.
Im Inneren entdeckten sie allerdings nur vergleichsweise wenige Artefakte:
Keramikscherben, Überreste der Steinbearbeitung sowie vereinzelte
botanische Reste, darunter verkohlte Getreidekörner und einen Samen des
Schwarzen Bilsenkrauts, einer Pflanze mit psychoaktiver Wirkung. „Die
Funde unterschei-den sich kaum von denen gewöhnlicher Wohnhäuser“, erklärt
Mischka. „Wir können noch nicht sicher sagen, ob das ein Versammlungshaus,
ein ritueller Ort oder vielleicht beides war.“
Siedlungspläne ohne Spatenstich
Grundlage der Untersuchungen sind geomagnetische Messungen und gezielte
Ausgrabungen. Mithilfe von Magnetometern lassen sich Siedlungsstrukturen
sichtbar machen, ohne den Boden großflächig zu öffnen. Verbrannter Lehm
und Keramik hinterlassen Spuren im Boden, die sich mit den Messgeräten
sichtbar machen lassen. „Wir können so ganze Grundrisse erfassen und
gezielt dort graben, wo sich besondere Gebäude befinden", erklärt Mischka.
Für die Forschung sind die Ergebnisse aus Stăuceni ein weiterer Baustein,
um frühe Großsiedlungen besser zu verstehen. Sie deuten darauf hin, dass
zentrale Elemente des Zusammenlebens bereits in kleineren Gemeinschaften
angelegt waren. „Um wirklich zu klären, welche Funktion diese Gebäude hat-
ten, brauchen wir weitere Ausgrabungen und Vergleichsdaten", sagt FAU-
Archäologin Mischka. Die Ar-beiten in Stăuceni sollen fortgesetzt werden.
Ein Großteil der Struktur ist bislang nicht freigelegt.
Bildmaterial zum Download:
https://www.fau.de/2026/05/new
urgeschichte/
