Zum Hauptinhalt springen

KIT-Experten zur Düngemittelknappheit: „Eine konsequente Umsetzung der Energiewende stärkt die Ernährungssicher

Pin It

Infolge der militärischen Eskalation in der Golfregion und der Blockade
der Straße von Hormus sind globale Lieferketten gestört. Betroffen ist
auch der weltweite Handel mit Düngemitteln: Insgesamt passieren nach
Angaben der Vereinten Nationen (UN) rund ein Drittel der auf dem Seeweg
gehandelten Düngemittel, rund 16 Millionen Tonnen, die Straße von Hormus.
Die UN warnt nun vor erheblichen Risiken für die globale
Ernährungssicherheit.

Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie
(KIT) arbeiten an Technologien für nachhaltige Energie- und
Ressourcenkreisläufe und untersuchen zugleich, wie sich globale Krisen und
Ressourcenknappheit auf Landwirtschaft und Ernährungssicherheit auswirken.

„Die Herstellung von Düngemitteln rechnet sich, wenn günstige Energie
verfügbar ist – vor allem Erdgas als Wasserstoffquelle“, sagt Professor
Thomas Jordan, Experte für Wasserstofftechnologien am Institut für
Thermische Energietechnik und Sicherheit des KIT. „Im hier in Karlsruhe
entwickelten Haber-Bosch-Verfahren wird aus dem fossilen Wasserstoff
zusammen mit Stickstoff aus der Luft Ammoniak erzeugt – die Basis fast
aller mineralischen Dünger. Steigen die Energiepreise oder brechen
Lieferketten weg, wirkt sich das unmittelbar auf die Produktion aus. In
Europa ist diese aufgrund der Energiepreise deutlich teurer. Ein Ausfall
fossiler Ressourcen aus der Golfregion lässt sich zudem kurzfristig kaum
kompensieren.“

Die Abhängigkeit der Landwirtschaft von mineralischem Dünger ist weltweit
enorm. „Rund die Hälfte der globalen Nahrungsmittelproduktion hängt direkt
von synthetischem Stickstoffdünger ab“, erklärt Dr. Richard Fuchs, Experte
für Nahrungsmittelsicherheit am Institut für Meteorologie und
Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung (IMKIFU), dem Campus Alpin
des KIT. „Gerade Länder des globalen Südens können im Bieterwettstreit um
teurere Düngemittel schwer mithalten. Wird Dünger knapp oder unbezahlbar,
drohen massive Ernteausfälle. Blockierte Lieferketten können innerhalb
kurzer Zeit zu Ernährungskrisen und Hunger führen.“

Jordan sieht jedoch Ansatzpunkte, diese Abhängigkeit zumindest in Europa
zu verringern. „Ein Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft auf Basis
erneuerbarer Energien kann helfen, die Düngemittelproduktion unabhängiger
von fossilen Importen zu machen, Lieferketten zu stabilisieren und somit
auch geringere Ernten in Europa abzufedern“, sagt der Experte.
Voraussetzung sei allerdings die ausreichende Verfügbarkeit von grünem
Wasserstoff und erneuerbarer Energie. „Eine konsequente Umsetzung der
Energiewende macht uns also nicht nur unabhängiger von fossilen
Energieimporten, sondern stärkt gleichzeitig die Ernährungssicherheit in
Europa.“

Ergänzend betont Fuchs die Verantwortung der Landwirtschaft selbst: „In
vielen Regionen wird mehr Dünger eingesetzt, als Pflanzen tatsächlich
aufnehmen können. Effizientere Ausbringung, präzisere Dosierung und
geschlossene Nährstoffkreisläufe – etwa durch die Rückführung organischer
Reststoffe – können den Bedarf deutlich senken.“ Auch veränderte
Ernährungsweisen spielten eine Rolle, so Fuchs weiter: „Weniger
ressourcenintensive Ernährungsweisen, insbesondere ein geringerer Anteil
tierischer Produkte, können den Bedarf an Futtermitteln und damit an
Düngemitteln deutlich senken.“ (mhe)