Zum Hauptinhalt springen

Wohnen im Einwanderungsland: Mehr als ein Dach über dem Kopf

Pin It

Der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum ist ein zentrales Element für
gesellschaftliche Teilhabe. In Deutschland trifft allerdings in vielen
Städten eine wachsende Nachfrage auf ein stagnierendes Angebot. Der
Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) hat in seinem
Jahresgutachten 2026 „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der
Einwanderungsgesellschaft“ untersucht: Wie wohnen Menschen mit und ohne
Migrationshintergrund? Wie wirkt sich die Wohnsituation auf den Zugang zu
Arbeitsmarkt und Bildung und auf das soziale Miteinander aus? Und welche
Handlungsempfehlungen lassen sich daraus für die Migrations-,
Integrations- und Wohnungspolitik ableiten?



Deutschland ist ein Mieterland: Über die Hälfte aller Menschen leben in
Mietwohnungen. „Wer einen Mietvertrag hat, ist durch das starke Mietrecht
gut geschützt. Diejenigen aber, die neu auf den Wohnungsmarkt kommen, weil
sie nach Deutschland zuwandern oder umziehen wollen, haben es schwerer,
bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das gilt besonders für einkommensschwache
Personen und Familien; dazu zählen überdurchschnittlich oft Menschen mit
Zuwanderungsgeschichte“, sagt Prof. Winfried Kluth, Vorsitzender des SVR,
anlässlich der Vorstellung des Jahresgutachtens 2026. „Dieser Mechanismus
wird verschärft durch den Mangel an Wohnraum und hemmt Mobilität.“

Ende 2024 lebten in Deutschland rund 83,6 Millionen Menschen, das sind 3,8
Millionen mehr als zum Jahresende 1990. Dieses Bevölkerungswachstum ist
ausschließlich auf Zuwanderung aus der Europäischen Union sowie aus
Drittstaaten zurückzuführen. Zudem ist der Trend zu Einpersonenhaushalten
gestiegen. Das Wohnraumangebot in Deutschland hat mit diesen Entwicklungen
jedoch nicht Schritt gehalten, besonders in Ballungsräumen und
wirtschaftlich starken ländlichen Regionen. „Die Lücke zwischen Angebot
und Nachfrage führt zu Verteilungskonflikten. Für Menschen mit
Zuwanderungsgeschichte wirken sich diese Engpässe oft besonders stark aus,
weil sie über weniger finanzielle Mittel verfügen oder als Neuzugewanderte
neu in den Markt eintreten“, sagt der SVR-Vorsitzende Prof. Kluth.
„Darüber hinaus beeinträchtigt Wohnraumknappheit inzwischen auch die
Gewinnung von Arbeits- und Fachkräften.“ Das SVR-Jahresgutachten widmet
sich daher dem Zusammenhang zwischen Wohnen und Migration im
Einwanderungsland Deutschland, es beschreibt Befunde zur Wohnsituation von
Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und analysiert Hintergründe
und Ursachen für die aufgezeigten Ungleichheiten, etwa die geltenden
Regelungen für die Unterbringung von Geflüchteten.

Unterschiedliche Wohnmuster: Sozioökonomische Faktoren wichtiger als
Herkunft

Das SVR-Jahresgutachten 2026 zeigt, dass sich die Wohnsituation von
Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterscheidet: Zugewanderte
und ihre Nachkommen haben im Schnitt weniger Wohnfläche pro Person zur
Verfügung und leben häufiger in überbelegten Wohnungen; sie leben seltener
in Eigentum und müssen zugleich einen größeren Anteil ihres Einkommens für
Wohnkosten aufwenden. Außerdem sind Ausländerinnen und Ausländer
überproportional von Wohnungslosigkeit betroffen. Menschen mit
Zuwanderungsschichte leben zudem oft in Städten, wo der Wohnungsmarkt oft
sehr angespannt ist. Daher spielen urbane Räume als Ankunfts- und
Lebensorte für Zugewanderte eine besondere Rolle. „Gründe für die
unterschiedlichen Wohnmuster sind vor allem sozioökonomische Faktoren wie
Einkommen, Bildung und berufliche Stellung“, erläutert die
Stellvertretende SVR-Vorsitzende Prof. Birgit Glorius. „Für Familien und
einkommensschwache Personen ist es eine besondere Herausforderung,
bezahlbaren Wohnraum zu finden – und dazu zählen überdurchschnittlich oft
Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Sie werden zudem bei der
Wohnungssuche häufig diskriminiert – auch rassistisch, wie Studien gezeigt
haben.“ Neuzugewanderte stehen nicht selten vor weiteren Hürden, die es
erschweren, eine Wohnung anzumieten: Dazu zählen ein unsicherer
Aufenthaltsstatus, begrenzte Sprachkenntnisse und fehlende Netzwerke.

Das Jahresgutachten zeigt, dass ethnische Segregation, also die räumliche
Konzentration von Zugewanderten und ihren Nachkommen, in Deutschland im
internationalen Vergleich geringer ausgeprägt ist, mit in den letzten
Jahrzehnten sinkender Tendenz. „Zugenommen hat aber die soziale
Segregation, also die räumliche Konzentration von Personen bestimmter
Einkommensschichten: Arm und Reich leben tendenziell jeweils unter sich.
Das hängt auch mit einer verstärkten Zuwanderung in ärmere Stadtteile oder
Kommunen zusammen, da Neuzugewanderte im Durchschnitt vor allem kurz nach
ihrer Ankunft ökonomisch schlechter gestellt sind. Hier verschränken sich
Armut und Zuwanderung zunehmend“, so Prof. Kluth.

Quartiere in den Fokus rücken, in denen sich Zuwanderung und Armut
verschränken, und sozialer Segregation vorbeugen

„Grundsätzlich können von Zuwanderung geprägte Quartiere ihren
Bewohnerinnen und Bewohnern gute Bedingungen für das Ankommen und soziale
Teilhabe bieten. Sie sind nicht – wie oft angenommen – per se
integrationshemmend. Eine Konzentration von Zuwanderung und Armut
beeinträchtigt dagegen nicht nur die Teilhabechancen der betroffenen
Personen, sie kann auch das soziale Zusammenleben erschweren und im
ungünstigsten Fall eine Abwärtsspirale in Gang setzen. Solche Quartiere
können und müssen aktiv gestaltet werden und gehören in den Fokus der
Sozial- und Integrations- wie der Stadtentwicklungspolitik“, so die
Humangeographin Prof. Glorius. „Wohnen ist mehr als nur ein Dach über dem
Kopf. Der Wohnort ist häufig Lebensmittelpunkt und auch Ort des sozialen
Austauschs, etwa wenn Menschen sich in Nachbarschaften begegnen, sich
gegenseitig unterstützen oder wenn Konflikte entstehen. Für Personen und
Familien, die von Armut betroffen sind, ist das direkte Wohnumfeld
besonders wichtig. Sie sind stärker darauf angewiesen als Menschen, die
sich in vielfältigen sozialen Räumen bewegen“, so Glorius weiter.

„Gerade in solchen Quartieren ist eine funktionierende Verwaltung und
Daseinsvorsorge mit einer entsprechenden sozialen Infrastruktur besonders
wichtig. Investiert werden sollte in gut ausgestattete Kitas, Schulen,
Gesundheits- und Freizeiteinrichtungen. Davon profitieren alle im
Quartier“, betont Glorius. Damit es nicht zu Verteilungskonflikten und
sozialen Spannungen kommt, ist hier außerdem ein Quartiersmanagement
sinnvoll, das staatliche und zivilgesellschaftliche Akteurinnen und
Akteure vernetzt, Angebote koordiniert und Begegnungsmöglichkeiten
schafft. Wohnungsunternehmen, Bildungseinrichtungen und lokale Vereine,
darunter auch Migrantenorganisationen, tragen zum nachbarschaftlichen
Zusammenleben bei und sollten in die Quartiersarbeit einbezogen werden,
empfiehlt der SVR.

„Kommunen können sozialer Segregation auch mit kluger
Stadtentwicklungspolitik und der Förderung von sozialem Wohnungsbau
entgegenwirken“, ergänzt der SVR-Vorsitzende Prof. Kluth. Das Beispiel der
Stadt Wien zeigt, dass auch gemeinwohlorientierter staatlicher Wohnungsbau
Segregation vorbeugen kann. Die seit Januar 2025 in Deutschland geltende
neue Wohngemeinnützigkeit schafft hierfür eine Voraussetzung. „Probleme
auf dem Wohnungsmarkt wie der ungleiche Zugang und das knappe Angebot an
bezahlbarem Wohnraum sind ganz überwiegend allgemeine soziale Probleme und
lassen sich nur zu einem sehr geringen Teil durch Migrationspolitik
lösen“, so Kluth.

Bezahlbaren Wohnraum als Standortfaktor begreifen, um ausländische
Fachkräfte anzuwerben

Wohnraumknappheit kann auch die Gewinnung von Arbeits- und Fachkräften aus
dem Ausland hemmen, die Deutschland aus demografischen Gründen benötigt.
„Internationale Fachkräfte selbst nennen Unterstützung bei der
Wohnungssuche inzwischen als vordringlichen Bedarf“, sagt Kluth. Zugleich
kann die Zuwanderung von Fachkräften auch dazu beitragen, dass die Preise
steigen und das Angebot an bezahlbarem Wohnraum knapper wird. „Hier sind
auch die Arbeitgeber gefragt. Sie könnten mit Wohnungsbauunternehmen
kooperieren oder sich an genossenschaftlichen Wohnprojekten beteiligten,
um gemeinsam zusätzlichen Wohnraum für Beschäftigte zu schaffen. Dabei ist
darauf zu achten, dass das sozialverträglich geschieht, damit keine
Verdrängungseffekte entstehen.“

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in wirtschaftsstarken Regionen oder
Städten hindert im Übrigen auch bereits hier lebende Familien mit
Zuwanderungsgeschichte, dorthin zu ziehen, wo ihre Jobchancen besser
wären. „In sehr ländlichen oder strukturschwachen Regionen ist zwar
Wohnraum in der Regel günstiger, aber dafür sind Qualifizierungsangebote
und qualifikationsadäquate Arbeitsstellen begrenzt. Außerdem sind sie mit
dem öffentlichen Nahverkehr oft schlecht erreichbar. Das wiederum
erschwert es etwa Geflüchteten, erfolgreich in den Arbeitsmarkt
einzusteigen“, so Prof. Glorius.

Weitere Empfehlungen aus dem SVR-Jahresgutachten 2026:

•       Neuen Wohnraum schaffen, auch um Verteilungskonflikte zu
reduzieren
•       Startchancen von Kindern und Jugendlichen von der Wohnlage
entkoppeln, etwa indem Kitas und Schulen in herausfordernden Lagen anhand
geeigneter Sozialindizes gefördert werden
•       Zugewanderte und ihre Nachkommen effektiv vor Diskriminierung auf
dem Wohnungsmarkt schützen
•       (Arbeitsmarkt-)Integration von Geflüchteten fördern, etwa durch
passgenaueres Verteilsystem
•       Standards bei der Unterbringung von Geflüchteten sicherstellen

Das SVR-Jahresgutachten 2026, ein Faktenpapier sowie weitere Informationen
können Sie hier herunterladen: www.svr-
migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/

---

Über den Sachverständigenrat:
Der Sachverständigenrat für Integration und Migration ist ein unabhängiges
und interdisziplinär besetztes Gremium der wissenschaftlichen
Politikberatung. Mit seinen Gutachten soll das Gremium zur Urteilsbildung
bei allen integrations- und migrationspolitisch verantwortlichen Instanzen
sowie der Öffentlichkeit beitragen. Dem SVR gehören neun
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und
Forschungsrichtungen an: Prof. Dr. Winfried Kluth (Vorsitzender), Prof.
Dr. Birgit Glorius (Stellvertretende Vorsitzende), Prof. Dr. Dr. Rauf
Ceylan, Prof. Dr. Havva Engin, Prof. Dr. Marc Helbling, Prof. Dr. Irena
Kogan, Prof. Sandra Lavenex, Ph. D., Prof. Dr. Annekatrin Niebuhr, Prof.
Dr. Hannes Schammann.

Weitere Informationen unter: www.svr-migration.de

Originalpublikation:
www.svr-migration.de/publikationen/jahresgutachten/2026/