Stillen zwischen Empfehlung und individueller Realität
Stillen ist die natürliche Form der Säuglingsernährung und ist mit
vielfältigen gesundheitlichen Vorteilen für Mutter und Kind assoziiert,
weshalb Stillen empfohlen und gefördert wird. Gleichzeitig sorgt eine
kürzlich veröffentlichte deutsche Leitlinie zur Stilldauer für kontroverse
Diskussionen. Sie empfiehlt, Säuglinge in Deutschland in den ersten sechs
Lebensmonaten ausschließlich oder überwiegend zu stillen und das Stillen
insgesamt bis zum Ende des ersten Lebensjahres fortzuführen.
Fachleute und
Fachorganisationen betonen jedoch, dass diese Empfehlungen auf
unzureichenden wissenschaftlichen Grundlagen beruhen. Familien sollten
sich von den Leitlinien nicht unter Druck setzen lassen.
Viele Jahre galt in Deutschland die Empfehlung, Säuglinge für die ersten
vier bis sechs Lebensmonate ausschließlich zu stillen, anschließend
schrittweise Beikost einzuführen und dabei das Stillen fortzuführen
solange Mutter und Kind dies wünschen. Auf weltweiter Basis empfiehlt die
Weltgesundheitsorganisation (WHO) seit den 2000er Jahren sechs Monate
ausschließliches Stillen, ergänzende Beikost erst ab dem siebten Monat
sowie weiteres Stillen bis zum zweiten Lebensjahr oder länger. Diese WHO-
Empfehlung stützt sich vor allem auf Daten aus armen Ländern mit hohem
Risiko für schwere Infektionen und unsicherer Gesundheits- und
Nahrungsmittelversorgung. Für Länder wie Deutschland oder andere Staaten
Westeuropas fehlen Daten, welche die gleiche Empfehlung begründen können.
Muttermilch: ein biologisch hochangepasstes Versorgungssystem
Muttermilch ist mehr als Nahrung. Sie enthält Bestandteile, die das
Immunsystem und die Darmflora des Babys fördern und ihre Zusammensetzung
passt sich dynamisch an den Entwicklungsstand und den Bedarf des Kindes
an. Zu den möglichen gesundheitlichen Vorteilen des Stillens gehören:
Für das Kind:
• Geringeres Risiko für Atemwegs-, Magen-Darm- und Mittelohr-
Infektionen, besonders in armen Ländern
• Reduziertes Risiko für Übergewicht und Diabetes im späteren Leben
• Förderung der Mutter-Kind-Bindung und der Entwicklung
neurologischer Funktionen
Für die Mutter:
• Förderung der Gebärmutter-Rückbildung nach der Geburt
• Langfristig geringeres Risiko für Brust- und Eierstockkrebs
• Niedrigeres Risiko für Typ-2-Diabetes
Für viele dieser Wirkungen zeigen sich Dosis-Wirkungs-Effekte, d.h. mehr
bzw. längeres Stillen ist mit größeren Vorteilen assoziiert. Allerdings
gibt es keine erkennbaren Schwellen zur Begründung einer Mindestdauer. Die
Datenlage kann also keine bestimmte Dauer für ein ausschließlichen Stillen
oder für die Gesamtdauer des Stillens begründen.
Neue Leitlinie: starke Empfehlung bei begrenzter Evidenz?
Die kürzlich veröffentlichte deutsche Leitlinie empfiehlt für Säuglinge in
Deutschland ausschließliches oder überwiegendes Stillen (ohne jede
Zufütterung von energiehaltigen Tees, Flaschennahrung oder Beikost) sowie
eine gesamte Stilldauer von zwölf Monaten. Expertinnen und Experten weisen
jedoch darauf hin, dass keine belastbaren wissenschaftlichen Belege für
gesundheitlichen Vorteile dieser Empfehlungen im Vergleich zur bisher
etablierten Empfehlung (vier bis sechs Monate ausschließliches Stillen und
anschließendes Weiterstillen solange Mutter und Kind dies wünschen)
vorliegen. Tatsächlich gibt es Hinweise für mögliche Nachteile eines
ausschließlichen oder überwiegenden Stillens für 6 Monate, wie
beispielsweise für das Risiko der Entwicklung eines Mangels an Eisen und
anderen Mikronährstoffen, und vor allem auch für ein häufigeres Auftreten
von Nahrungsmittelallergien bei späterer Einführung von Beikost erst im 7.
Monat. Eine Gesamtdauer des Stillens für 12 Monate und länger ist mit
deutlich erhöhtem Risiko für Zahnkaries assoziiert.
Grundsätzlich gilt: Auch Teilstillen oder kürzeres Stillen kann positive
Effekte haben. „Für gesunde Kinder in Deutschland haben die befassten
Fachorganisationen bislang einmütig empfohlen, zwischen der 17. und 26.
Lebenswoche mit Beikost zu beginnen und danach weiterzustillen. Im
Hinblick auf die Allergieprävention zeigt sich in großen Studien, dass die
frühzeitige Einführung potenziell allergieauslösender Lebensmittel
ungefähr zwischen dem vierten und sechsten Lebensmonat das Risiko für
Nahrungsmittelallergien im Kindesalter um mehr als die Hälfte senken
kann“, betont Professor Dr. Berthold Koletzko, Kinder- und Jugendarzt und
Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit.
Zwischen Motivation und Überforderung
Stillen aktiv zu fördern ohne unrealistische Erwartungen zu erzeugen,
stellt eine Herausforderung dar. Zu hoch angesetzte Empfehlungen, die
viele Familien nicht erreichen können oder möchten, bergen das Risiko,
Schuld- und Versagensgefühle auszulösen, die auch die Beziehung zum Kind
ernsthaft belasten können. Deshalb sollte hier sorgfältig zwischen Nutzen
und möglicher Belastungen und Risiken abgewogen werden.
Besonders kritisch ist dies im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit.
Frauen mit depressiven Symptomen oder Angstbeschwerden beginnen seltener
mit dem Stillen, stillen häufiger kürzer und berichten öfter von
Schwierigkeiten. Umgekehrt können belastende Stillerfahrungen wie starke
Schmerzen, Entzündungen der Brust, Probleme beim Anlegen oder anhaltende
Erschöpfung das Risiko für eine postnatale Depression erhöhen.
„Empfehlungen sollten Orientierung geben, aber immer im individuellen
Lebenskontext betrachtet werden“, erklärt Prof. Dr. Berthold Koletzko.
„Körperliche Gesundheit, psychische Belastung, familiäre Situation und
persönliche Wünsche spielen eine wichtige Rolle und sollten immer
Berücksichtigung finden.“
Wenn Stillen belastend wird
Gerade die ersten Tage nach der Geburt sind häufig herausfordernd.
Schwierigkeiten beim korrekten Anlegen, Schmerzen, empfindliche
Brustwarzen oder Unsicherheit beim Stillbeginn gehören zu den häufigsten
Problemen. Viele dieser Herausforderungen lassen sich durch gute Beratung
und Unterstützung meistern. Stillberatung z. B. durch Hebammen,
Kinderkrankenpflegekräfte und Kinderärztinnen und Ärzte sowie praktische
Hilfe im Wochenbett können Beschwerden lindern und helfen, dass Probleme
nicht frühzeitig zum Abstillen führen. Ein erheblicher Anteil der Frauen,
die innerhalb des ersten Monats aufhören zu stillen, nennt Schmerzen oder
Verletzungen der Brust als wesentliche Gründe.
Entscheidend ist hier auch die sogenannte Selbstwirksamkeit – also das
Vertrauen einer Mutter in die eigene Fähigkeit, ihr Kind erfolgreich
stillen zu können. Wer zusätzlich unterstützt wird, hilfreiche Begleitung
erhält und sich nicht unter Druck gesetzt fühlt, erlebt häufig mehr
Sicherheit und hat eine bessere Chance für erfolgreiches und längeres
Stillen.
Jede Form des Stillens zählt
Nicht jede Familie kann oder möchte für viele Monate ausschließlich
stillen. Manche Mütter entscheiden sich bewusst dagegen, andere erleben
medizinische, psychische oder praktische Hürden. Viele Fachkräfte betonen
deshalb, dass jede Muttermilchmahlzeit wertvoll ist. Auch kurzes Stillen
oder Teilstillen bringt gesundheitliche Vorteile für Mutter und Kind. Zu
strikte Vorgaben können abschreckend wirken und dazu beitragen, dass
Familien sich ganz vom Thema Stillen abwenden.
„Stillen bleibt die optimale Ernährungsform für Säuglinge und sollte von
medizinischen Fachkräften aktiv gefördert und unterstützt werden.
Gleichzeitig braucht es eine Beratung mit einer gewissen Gelassenheit, die
Familien stärkt und nicht verunsichert. Empfehlungen können wichtige
Orientierung bieten, sie dürfen jedoch nicht als starre Regeln verstanden
werden. Entscheidend bleibt ein individueller Blick auf Mutter und Kind“,
fasst Prof. Dr. Berthold Koletzko zusammen.
