Internationaler Tag der Frauengesundheit: Pionierarbeit für geschlechtsspezifische Gesundheitsversorgung
In der Medizin galt der männliche Körper lange als Standard, während
Frauen bis in die 1990er Jahre aus vielen klinischen Studien
ausgeschlossen wurden – unter anderem aus Sorge, hormonelle Schwankungen
könnten Forschungsergebnisse „verkomplizieren“. Die Folge ist eine bis
heute spürbare Datenlücke, die Diagnostik, Therapien und
Gesundheitsversorgung von Frauen maßgeblich beeinflusst. Der
Internationale Tag der Frauengesundheit weist alljährlich am 28. Mai
darauf hin, dass das Recht auf sexuelle und reproduktive Gesundheit für
viele Frauen nach wie vor keine Selbstverständlichkeit ist.
Die Wissenschaftlerinnen Prof. Dr. med. Julia Sacher und PD Dr. Veronica
Witte legen in ihrer Forschung im Exzellenzcluster Leipzig Center of
Metabolism – LeiCeM der Universität Leipzig einen besonderen Schwerpunkt
auf Geschlecht und Gender, um die Gesundheitsversorgung von Frauen zu
verbessern und der biologischen Vielfalt aller Geschlechter gerecht zu
werden.
Bis heute sind Frauen in der biomedizinischen Forschung unterrepräsentiert
– mit ganz konkreten Folgen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung:
Krankheiten zeigen sich bei Frauen oft anders, werden später erkannt und
zum Teil nicht adäquat behandelt. Prof. Sacher und PD Dr. Witte arbeiten
im Exzellenzcluster LeiCeM daran, diese Lücke in der Gesundheitsversorgung
zwischen Männern und Frauen schrittweise zu schließen. Sacher ist
Professorin für Kognitive Neuroendokrinologie an der Tagesklinik für
Kognitive Neurologie des Universitätsklinikums Leipzig und der Abteilung
Neurologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.
Witte ist Gruppenleiterin an der Tagesklinik für Kognitive Neurologie der
Leipziger Universitätsmedizin und in der Abteilung Neurologie am Max-
Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.
Sie beide wissen: Hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern
lassen sich in der modernen medizinischen Forschung nicht außer Acht
lassen, denn sie wirken sich auf nahezu alle Bereiche der Gesundheit aus –
vom Stoffwechsel über das Herz-Kreislauf-System bis hin zum Gehirn.
„Biologisches Geschlecht, aber auch die Art, wie wir gesellschaftlich mit
Frauen und Männern umgehen, beeinflussen nachweislich, wie Gehirn und
Körper auf Stress, Medikamente oder Erkrankungen reagieren. Wenn wir diese
Faktoren ignorieren, übersehen wir wichtige biologische Zusammenhänge und
Signale. Die Berücksichtigung von Komplexität und Vielfalt macht Forschung
präziser und genau darum sollte es in der modernen Medizin gehen“, sagt
Sacher. Sie erforscht die Wechselwirkungen zwischen dem Nerven- und dem
Hormonsystem. Im Exzellenzcluster LeiCeM untersucht sie unter anderem, wie
unterschiedliche metabolische Risikoprofile die Gehirngesundheit von
Frauen und Männern über die Lebensspanne hinweg beeinflussen.
Dabei nimmt sie insbesondere die hormonellen Übergangsphasen in
Frauenkörpern wie den Menstruationszyklus, die Schwangerschaft und die
Wechseljahre in den Blick. „Hormone gehören zu den wichtigsten
biologischen Signalen der Neuroplastizität. Sie beeinflussen, wie sich das
Gehirn organisiert, anpasst und altert, und spiegeln die enorme
Anpassungsfähigkeit des Gehirns wider“, sagt Sacher. So konnten sie und
ihr Team mithilfe eines besonders effektiven MRT-Verfahrens zeigen, dass
sich zentrale Gedächtnisregionen des Gehirns synchron zu hormonellen
Schwankungen über den Menstruationszyklus hinweg strukturell verändern.
Gleichzeitig wird zunehmend deutlich, dass hormonelle, metabolische sowie
Herz- und Gehirngesundheit eng miteinander verbunden sind.
Hormonelle Übergänge können aber auch mit einem erhöhten Risiko für
bestimmte Erkrankungen wie depressive Episoden oder Demenz verbunden sein.
Eine schützende Rolle für Gehirn und Gedächtnis scheint dabei das
weibliche Sexualhormon Östrogen zu spielen – insbesondere im Zusammenspiel
mit Risikofaktoren für Stoffwechselerkrankungen wie einer erhöhten
Einlagerung von Organfett. „Für die Frage, wie wir kognitiv altern, werden
daher in den Wechseljahren wichtige Weichen gestellt. Trotzdem
berücksichtigt bislang weniger als ein Prozent der bildgebenden
neurowissenschaftlichen Literatur das Thema Frauengesundheit. Genau darin
liegt aber eine enorme Chance, Gehirngesundheit sowie das individuelle
Risiko für neurologische und psychische Erkrankungen besser zu verstehen“,
erklärt Sacher.
Auf hormonelle Übergangsphasen legt auch von PD Dr. Veronica Witte in
ihrer Forschung ein besonderes Augenmerk. Sie untersucht unter anderem,
wie Darmbakterien unser Essverhalten und unsere Ernährungsentscheidungen
beeinflussen – und wie wir entsprechend mit unserer Ernährung und unserem
Lebensstil auf die Struktur und Funktion des Gehirns Einfluss nehmen
können. „Es gibt Hinweise, dass bestimmte Bakterien im Darm über
verschiedene Signalwege die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke
verringern könnten. Dies wiederum hätte positive Auswirkungen auf die
Versorgung und Funktion von Nervenzellen, die ja unserem Denken zugrunde
liegen“, erläutert Witte. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten: Mit
bestimmten Nährstoffen lassen sich die „guten“ Bakterien stärken und so
die Struktur und Funktion des Gehirns auf Dauer erhalten.
Mit der INFLAME-Studie, die Witte leitet, möchte sie genau das für Frauen
in der Perimenopause untersuchen. „Während dieser hormonellen
Übergangszeit kommt es bei Frauen zu einer Reihe an komplexen hormonellen
Veränderungen und Anpassungen, die sich auf nahezu alle Organe, also auch
auf das Gehirn, auswirken. Vermutet wird, dass der schützende Effekt von
Östrogen auf Gefäße, Insulinsensitivität und Fettverteilung wegfällt und
so Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas, Bluthochdruck und Diabetes
begünstigt. Für die INFLAME-Studie werden noch Teilnehmerinnen gesucht.
Warum geschlechtsspezifische Medizin zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist
auch Thema des UKL-GesundheitsForums 2026 am Samstag, 30. Mai. Dort
diskutiert Prof. Dr. med. Julia Sacher gemeinsam mit Prof. Dr. med. Ulrich
Laufs die Frage: „Muss Medizin für Frauen und Männer unterschiedlich
gedacht werden?“
Das Leipzig Center of Metabolism – LeiCeM ist ein Exzellenzcluster der
Universität Leipzig im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern
(gefördert seit 1. Januar 2026 für die Dauer von sieben Jahren).
Forschende im Cluster untersuchen, wie Stoffwechselprozesse Körper und
Gehirn vernetzen und wie daraus personalisierte Ansätze für Prävention und
Therapie entstehen können. Der interdisziplinäre Ansatz verbindet
molekulare, zelluläre und systemische Grundlagenforschung mit klinischen
Studien sowie datengetriebenen Methoden, einschließlich Künstlicher
Intelligenz. Ziel ist es, Erkenntnisse aus der Forschung schneller in die
klinische Praxis zu überführen und neue Behandlungsansätze für Diabetes,
Adipositas, Fettstoffwechselstörungen oder Fettlebererkrankung zu
entwickeln.
Text: Karolin Breitschädel
