Big Data begann nicht im Silicon Valley
FAU-Forschungsprojekt untersucht chinesische Datenpraktiken über mehr als
zwei Jahrtausende – und eröffnet neue Perspektiven auf KI, Big Data und
digitale Macht. Daten gelten heute oft als neutrale Grundlage für politische
Entscheidungen genauso wie für künstliche Intelligenz. Doch Daten
entstehen nicht von selbst – sie werden gesammelt, geordnet, gedeutet und
gewichtet.
Ein neues Forschungsprojekt an der Friedrich-Alexander-
Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) untersucht, wie China schon lange vor
dem digitalen Zeitalter mit Daten regiert hat – und was sich daraus für
heutige Debatten über KI, Big Data und digitale Macht lernen lässt.
Wer heute über künstliche Intelligenz oder Big Data spricht, denkt meist
an Algorithmen, Rechenzentren und Co. Das neue Forschungsprojekt „Towards
a Chinese History of Data“ setzt viel früher an: Es nimmt in den Blick,
wie in China über mehr als zwei Jahrtausende hinweg Informationen
gesammelt, geordnet und genutzt wurden, um Daten als Herrschaftsinstrument
zu nutzen. Gefördert wird das Projekt, angesiedelt am Lehrstuhl für
Sinologie mit Schwerpunkt Geistes- und Kulturgeschichte Chinas, von der
Volkswagenstiftung mit knapp 325.000 Euro. Die Laufzeit beträgt 18 Monate,
von April 2026 bis September 2027.
Verantwortlich sind Dr. Chun Xu als Projektleiter und Sijia Cheng als Co-
Projektleiterin. Im Zentrum ihres Vorhabens steht eine Frage, die
aktueller kaum sein könnte: Sind Daten wirklich neutrale Abbilder der
Wirklichkeit? Die FAU-Forschenden sagen: nein. Allein die Entscheidung,
was als Daten ausgewählt wird, welche Kategorien gelten und wofür
Informationen genutzt werden, prägt politische und gesellschaftliche
Wirklichkeit mit.
Frühe Formen staatlicher Datenerfassung
„Viele Debatten über Big Data tun so, als seien datengetriebene
Gesellschaften ein völlig neues Phänomen“, sagt Dr. Chun Xu. „Dabei
arbeiteten Staaten schon vor Jahrhunderten mit hochkomplexen
Informationssystemen. In chinesischen Quellen finden wir
Haushaltsregister, Landvermessungen, Steuerlisten und
Bevölkerungszählungen in großer Dichte. Die spannende Frage ist: Was
passiert, wenn wir diese Materialien als Daten verstehen?“
Der Impuls für das Projekt entstand auch aus der Gegenwart. Während seiner
Arbeit mit in vormodernen Quellen überlieferten Datensätzen, stellte er
fest, dass historische Beamte oft ähnliche Probleme bearbeiteten, wie
heutige Dateningenieurinnen und -ingenieure: alte Register bereinigen,
widersprüchliche Angaben zusammenführen, Formate anpassen, lückenhafte
Datensätze nutzbar machen.
Wie Daten Wirklichkeit formen
Ein besonders anschauliches Beispiel ist das chinesische System der
Haushaltsregistrierung, das so genannte Huji-System. Bereits in der Qin-
Dynastie im 3. Jahrhundert v. Chr. erfasste der Staat, wer wo lebte, wie
viele Menschen zu einem Haushalt gehörten, welchen sozialen Status sie
hatten und welche Pflichten daraus entstanden. Solche Register entschieden
darüber, wer Steuern zahlte, zum Militär eingezogen werden konnte oder
seinen Wohnort wechseln durfte.
„Solche Systeme beschrieben Gesellschaft nicht einfach nur, sie formten
sie aktiv mit“, sagt Xu. „Wenn ein Staat Menschen in bestimmte Kategorien
einteilt, erzeugt er damit auch politische Wirklichkeit.“ Das Projekt
untersucht mehrere Phasen, in denen Datenpraktiken in China besonders
wichtig wurden: frühe Verwaltungsdaten im 3. und 4. Jahrhundert v. Chr.,
groß angelegte Vermessungen und statistische Projekte der Song-Dynastie
sowie moderne Formen quantitativer Erfassung im 19. und 20. Jahrhundert.
Historische Fragen für die digitale Gegenwart
Sijia Cheng erforscht vor allem die Moderne. Sie hat unter anderem zur
Geschichte von Intelligenztests und zur statistischen Erfassung sozialer
Probleme in der Republik China gearbeitet. „Daten sind gemacht, nicht
einfach gegeben“, betont sie. Die FAU-Wissenschaftlerin weiter: „Sie
entstehen durch Technologien, Verwaltungsroutinen, politische Interessen
und kulturelle Vorstellungen darüber, was überhaupt als messbar oder
relevant gilt.“
Damit berührt das Projekt zentrale Fragen der Gegenwart: Wer und was wird
gezählt – und nach welchen Regeln? Was fällt durch ein Raster? Welche
Annahmen stecken in Kategorien, die später objektiv wirken? Und wer
kontrolliert die Infrastruktur, mit der Daten erzeugt und ausgewertet
werden? Die Forschenden sehen deutliche Parallelen zu heutigen digitalen
Systemen.
Was die Vergangenheit über unsere Zukunft verrät
Auch algorithmische Bewertungen, automatisierte Klassifikationen oder
digitale Verwaltungen machen bestimmte Informationen sichtbar und andere
unsichtbar. Zugleich zeigt der historische Blick, dass große
Datensammlungen immer auch an Grenzen stoßen: Schon kaiserliche
Verwaltungen kämpften mit zu vielen Informationen, unübersichtlichen
Datenströmen und Zahlen, deren Bezug zur Wirklichkeit vor Ort schwer zu
prüfen war.
„Unser heutiges Datensystem ist nicht das natürliche Ende einer einzigen
Entwicklung“, sagt Cheng. „Es ist eine Möglichkeit unter vielen. Frühere
Datensysteme sind entstanden, haben sich verändert und sind teilweise auch
wieder zerfallen. Genau deshalb lohnt der historische Blick.“ Das Projekt
will damit nicht nur eine Lücke in der Chinaforschung schließen, sondern
auch Debatten über KI, Überwachung, digitale Verwaltung und Big Data
historisch erweitern. Die Geschichte zeige, dass unsere heutigen Systeme
weder selbstverständlich noch alternativlos seien.
