Praktische Werkzeuge für den Umgang mit dem Klimawandel
Wer mit der Natur arbeitet, ist dem Klimawandel ausgesetzt: Wälder,
Gewässer und landwirtschaftliche Nutzflächen werden als Ressourcen
unzuverlässiger. Im Rahmen des Forschungsprogramm NCCS-Impacts stellt ein
Forschungsteam, geleitet von der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee
und Landschaft WSL, neue Werkzeuge bereit, um Risiken besser einzuschätzen
und die Planung anzupassen.
* Das Forschungsprogramm beschreibt für die Sektoren Wald, Landwirtschaft
und aquatische Ökosysteme die Auswirkungen des Klimawandels auf Leistungen
der Natur.
* Mehrere Webapps zeigen zukünftige Entwicklungen standortspezifisch auf.
* Die im Programm entwickelten Werkzeuge sollen die Planung in den von der
Natur abhängigen Sektoren unterstützen.
Der Klimawandel trifft alle Bereiche, die direkt von natürlichen
Ressourcen abhängen. Wälder geraten unter Druck, Gewässer verändern sich,
und landwirtschaftliche Erträge werden unsicherer. Im Rahmen des
Forschungsprogramms National Centre for Climate Services NCCS ist nun
eine Wissensplattform entstanden, um den Sektoren Forstwirtschaft,
Wassermanagement und Landwirtschaft ihre Planung im Klimawandel zu
erleichtern.
Eine Reihe von Webapps macht dafür die Auswirkungen des Klimawandels auf
wichtige Leistungen der Natur sichtbar und stellt Entscheidungsgrundlagen
bereit:
Wälder stärken
Trockenheit, Stürme und Schädlingsbefall sind in den Schweizer Wäldern
häufiger geworden. Die wirtschaftlich wichtigen Fichten sterben vielerorts
im Mittelland oder müssen früher als geplant gefällt werden. Viele
Schutzwälder sind zu einförmig und überaltert, was sie anfällig für Stürme
und Schädlingsbefall macht. Förster und Fachstellen wollten besser
verstehen, wie sich Wälder unter dem Klimawandel verändern – sowohl im
Detail vor Ort als auch im grossen Zusammenhang. Hierbei hilft die von der
ETH Zürich entwickelte ForClim-App.
Sie beruht auf einem dynamischen Modell, zeigt also nicht nur einen
Zustand, sondern die Entwicklung eines Waldes über die Zeit. Nutzerinnen
und Nutzer geben einige Angaben zu ihrem Waldbestand ein. Daraus berechnet
das Modell, wie sich dieser unter verschiedenen Klimaszenarien entwickeln
würde. «Mit unserer App können Forstbetriebe oder Waldplanende das
Schicksal ihrer Bestände sehen. Es gibt Bestände, wo der heutige
Holzvorrat bereits in 20 oder 30 Jahren zusammenbrechen könnte», sagt
Harald Bugmann von der ETH Zürich. Ziel ist es, Entscheidungen im Wald
besser zu planen, etwa welche Baumarten gefördert werden sollen oder wann
Eingriffe sinnvoll sind.
Die App FORTE liefert dagegen einen grossräumigen Überblick. Sie zeigt auf
Karten, wie sich Wälder und ihre Ökosystemleistungen unter dem Klimawandel
verändern könnten. Dabei geht es nicht nur um einzelne Baumarten, sondern
auch um die vielen verschiedenen Funktionen des Waldes. Die Entwicklung
der App geht auf konkrete Bedürfnisse aus der Praxis zurück. So wollte zum
Beispiel die Kantonsoberförsterkonferenz wissen, wie sich die
Multifunktionalität der Wälder durch den Klimawandel verändert. Damit ist
gemeint, dass Wälder mehrere Leistungen gleichzeitig erfüllen – etwa Holz
liefern, Lebensraum bieten und vor Naturgefahren schützen. Die App richtet
sich besonders an Politik und Planung, die solche Entwicklungen auf
regionaler Ebene beurteilen müssen.
Landwirtschaft im Klimawandel
Der Klimawandel verändert die Grundlagen der Landwirtschaft schon heute.
Längere Wachstumszeiten, mehr Hitze und häufigerer Wassermangel
beeinflussen Pflanzen, Tiere und die Arbeit auf dem Hof. Die Sicherheit
von Erträgen und Einkommen sinken: In besonders trockenen Sommern kommt es
zu Ernteausfällen, während einzelne Kulturen – etwa Wintergerste –von
wärmeren Wintern profitieren. Gleichzeitig verändern sich ökologische
Wechselwirkungen, etwa zwischen Pflanzen und Bestäubern wie Wildbienen.
Die App CLIMAGS, die Forschende von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des
Bundes für die landwirtschaftliche Forschung, entwickelt haben, macht
diese Veränderungen sichtbar. Sie zeigt, wie sich in verschiedenen
Regionen der Schweiz wichtige Ökosystemleistungen der Landwirtschaft
künftig verändern könnten. Dazu gehören Erträge von Ackerkulturen und das
Grünland und deren Schwankungen, das Bestäubungspotenzial und der
Kohlenstoff im Boden. Nutzerinnen und Nutzer können sehen, wie sich ihre
Region im Vergleich zu anderen entwickelt und wie sich die Bedingungen in
Zukunft verändern könnten.
Die App liefert keine konkreten Handlungsempfehlungen für einzelne
Betriebe. Sie entstand auf Wunsch von Ämtern als Grundlage, um die
Auswirkungen des Klimawandels auf die Umwelt, die Wirtschaft und die
Gesellschaft besser zu verstehen und einzuordnen. «Der Klimawandel kommt
zum allgemeinen Strukturwandel hinzu», sagt Pierluigi Calanca von
Agroscope. «Unsere App kann Grundlagen liefern, um neue Wege einzuschlagen
und Diskussionen in der Praxis wie auch in Politik und Gesellschaft
anzustossen.»
Gewässernutzung planen
Der Klimawandel verändert die Niederschlagsmuster in der Schweiz: weniger
im Sommer und mehr im Winter, und dies öfter als Regen statt Schnee.
Trockenheit beeinträchtigen die Trinkwasserversorgung, die Ernteerträge
und die Energieproduktion. Hochwasser hingegen spülen Sedimente und
Nährstoffe weg, was zum Beispiel Seen überdüngen und Kraftwerke verstopfen
kann.
Forschende der Universität Genf haben die App AquaREL entwickelt, die
diese Veränderungen aufzeigen und prognostizieren kann. Sie zeigt, wie
sich drei zentrale Aspekte der Gewässer verändern:
* die verfügbare Wassermenge (Abfluss),
* die Nährstofffracht (Eintrag von Stickstoff und Phosphor),
* die Sedimentfracht (Eintrag von Bodenmaterial).
AquaREL stellt diese Informationen auf Karten dar – für die ganze Schweiz
und für verschiedene Regionen. Nutzerinnen und Nutzer können sehen, wo
sich die Situation künftig verbessert oder verschlechtert. Die Ergebnisse
basieren auf wissenschaftlichen Modellen und liefern eine erste
Einschätzung möglicher Entwicklungen.
Die App richtet sich sowohl an Fachleute aus Verwaltung, Planung und
Forschung als auch an die interessierte Öffentlichkeit. Sie soll helfen,
Risiken früh zu erkennen und die Wasserbewirtschaftung an den Klimawandel
anzupassen, und unterstützt so fundierte Entscheidungen für den Umgang mit
unseren Gewässern.
NCCS: das Netzwerk für Klimadienstleistungen
Als nationales Koordinations- und Innovationsorgan und Wissensdrehscheibe
unterstützt das NCCS klimakompatible Entscheidungsfindungen, um Risiken zu
minimieren, Chancen zu maximieren und Kosten zu optimieren. Im NCCS-
Programm «Entscheidungsgrundlagen zum Umgang mit dem Klimawandel in der
Schweiz: Informationen zu sektorenübergreifenden Themen» («NCCS-Impacts»)
wurden von 2022 bis 2026 in mehreren sektorübergreifenden Projekten
praxisnahe Klimadienstleistungen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft
erarbeitet. Diese sollen Akteuren aus Politik, Verwaltung,
Privatwirtschaft und Forschung als Entscheidungsgrundlage für Massnahmen
zur Vermeidung von Treibhausgas-Ausstoss und zur Anpassung an den
Klimawandel dienen. Das Programm «NCCS-Impacts» wird von allen Mitgliedern
des NCCS gemeinsam getragen. Mit einer Gesamtschau stehen ab Herbst 2026
sämtliche Ergebnisse gebündelt zur Verfügung. www.nccs.ch
