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Tag der Frauengesundheit: Herzchirurgin im Interview über geschlechtersensible Medizin und Frauen in der Herzchirurgie

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Das Thema „Gender“ hat in den letzten Jahren sowohl in der
geschlechtssensiblen Medizin als auch in Bezug auf den medizinischen
Nachwuchs zunehmend an Bedeutung gewonnen; auch in der Herzchirurgie. Über
die neuen Erkenntnisse, positiven Entwicklungen und die Notwendigkeit
weiterer Aktivitäten spricht Professorin Anna Meyer, Leitende Oberärztin
an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsklinikums Heidelberg und
Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und
Gefäßchirurgie.



Frau Prof. Dr. Meyer: Medizinische Unterschiede zwischen Patientinnen und
Patienten sind erwiesen. Welche gibt es konkret in der Herzchirurgie?

Ein Beispiel dafür ist die Koronare Herzkrankheit (KHK) bzw. der akute
Herzinfarkt. Bei Frauen können sich die Brustschmerzen in ihrer
Charakteristik unterscheiden. Zudem haben sie häufiger Rücken-, Nacken-
oder Kieferschmerzen als Männer. Die Studienlage zeigt zudem, dass die
Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt bei Frauen im ersten Jahr 1,5-fach
höher ist als bei Männern. Ein weiteres Beispiel sind die aortokoronaren
Bypass-Operationen. Hier haben mehrere Studien gezeigt, dass Frauen
häufiger eine schlechtere Prognose haben als Männer und bei ihnen öfter
unerwünschte Ereignisse im Kontext der Operationen auftreten. Zudem gibt
es einige Herzerkrankungen, die überwiegend Frauen betreffen –
beispielsweise das „Broken-Heart-Syndrom“ oder die sogenannte HFpEF, eine
Form der Herzinsuffizienz.

Werden genderspezifische Unterschiede wie diese aus Ihrer Sicht bereits
ausreichend im klinischen Alltag berücksichtigt?

Hier hat sich auf jeden Fall seit den ersten Veröffentlichungen Mitte der
80er Jahre sehr viel getan! Als ich beispielsweise Medizinstudentin war,
war die Gendermedizin praktisch kein eigenes Thema. Seit geraumer Zeit
verändert sich dies zunehmend und es gibt diverse Forschungsansätze, sich
der Problematik zu nähern – auch speziell in der Herzmedizin. An vielen
Universitäten wird geschlechtersensible Medizin mittlerweile stärker in
die Lehre integriert.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ja, dazu möchte ich gerne auf die Behandlung der KHK bei Frauen mittels
einer Bypass-OP zurückkommen und auf die internationale ROMA Studie
verweisen. Ziel dieser Studie ist es, die Operationsmethode auszumachen,
die speziell für Frauen langfristig die besten Ergebnisse liefert.

Würden Sie sagen, dass es für die Behandlung von Frauen auch mehr
weibliche Ärztinnen braucht?

Das würde ich pauschal nicht sagen. Es ist eher entscheidend, wie intensiv
sich jemand mit Gendermedizin beschäftigt hat – unabhängig vom Geschlecht.
Natürlich könnte man vermuten, dass sich Ärztinnen mit manchen Aspekten
der Frauengesundheit stärker auseinandersetzen, weil sie selbst betroffen
sind. Aber selbstverständlich können sich männliche Kollegen dasselbe
Wissen aneignen. Unabhängig davon ist es jedoch sehr wichtig den
Frauenanteil in der Herzchirurgie weiter zu steigern. Früher war das
Fachgebiet eine echte Männerdomäne – hier hat sich glücklicherweise schon
viel getan. Im optimalen Fall entsteht eine Balance – also Teams sowohl
aus Männern und Frauen, in die jeder und jede seine eigene Stärke
einbringen kann. Wenn wir all unsere positiven Eigenschaften
zusammenbringen, lernen wir voneinander – und davon profitieren auch
Patientinnen und Patienten am meisten. Daran arbeiten wir.

Noch ist es nicht so weit. Der Männeranteil in der Herzchirurgie ist noch
deutlich höher. Wie lässt sich die „Frauenquote“ in der Herzmedizin
erhöhen?

Da gibt es mehrere Ansätze und Aktivitäten der DGTHG: Beispielsweise
schafft das jährlich stattfindende Seminar „Frauen trainieren Frauen“
einen vertrauten Raum, um sich zu vernetzen und mit weiblichen Vorbildern
in Kontakt treten zu können. Hier setzen auch das Netzwerk
Herzchirurginnen und die Kommission für Diversität der DGTHG an. Zudem ist
es wichtig, auch auf Kongressen die beiden Themen „Gendermedizin“ und
„Frauen in der Herzmedizin“ zu platzieren. Hier sind bereits deutliche
Fortschritte erzielt worden. Dennoch muss dieser Weg konsequent
fortgesetzt werden!

Originalpublikation:
https://dgthg.de/aktuelles/tag-der-frauengesundheit-interview-mit-prof-
anna-meyer/