Röntgenlicht belegt Übermalung faschistischer Symbole in Gemälde von Erich Mercker
Während der NS-Zeit und auch danach war Erich Mercker ein erfolgreicher
Maler. Nach 1945 hat er in mindestens einem seiner Werke NS-Symbole
übermalt. Dies zeigen Röntgenfluoreszenzanalysen eines Mercker-Gemäldes.
Mit einem interdisziplinären Team berichtet die Physikerin Dr. Ioanna
Mantouvalou im Nature-Journal Heritage Science über diese Studie.
Der Münchner Maler Erich Mercker (1891 – 1973) war zu seiner Zeit recht
erfolgreich. Zwischen 1933 und 1945 malte er auch Bilder, die NS-Symbolik
enthielten, so zum Beispiel „Die Stätte des 9. November“, ein Bild des
Denkmals an der Münchner Feldherrnhalle, das an den NSDAP-Putschversuch
von 1923 erinnerte. Nach dem Krieg setzte Mercker wie viele andere
deutsche Künstler seine Karriere einfach fort.
Auch das Motiv „Die Stätte des 9. November“ malte Mercker weiterhin,
jedoch ohne die Nazi-Symbole und unter alternativen Titeln wie
„Feldherrnhalle“ oder „München am Odeonsplatz“. Mercker behielt denselben
Blickwinkel bei, ließ jedoch die Soldaten weg und ersetzte die Nazi-Flagge
durch eine blau-weiße bayerische Flagge. Der Produzent und Filmemacher Dr.
Thomas Schuhbauer entdeckte dieses Motiv in seinem Elternhaus. Es war den
Eltern 1966 als Hochzeitsgeschenk übergeben worden. Das Bild zeigt die
bayrische Flagge und wie bei der Nachkriegsversion sind weder Soldaten
noch Kränze abgebildet. Allerdings ist der obere Teil des Denkmals noch
sichtbar. Dies war ein starkes Indiz dafür, dass dieses Gemälde aus der
NS-Zeit stammen könnte, da das Denkmal gleich nach Kriegsende zerstört
wurde. Zudem befinden sich am Rand der bayerischen Flagge rötliche
Farbspuren.
Zerstörungsfreie Untersuchung
Thomas Schuhbauer nahm Kontakt zum HZB auf und begann die Zusammenarbeit
mit der Physikerin Dr. Ioanna Mantouvalou, die in der Forschungsgruppe
SyncLab (TU und HZB) arbeitet. Mantouvalou ist Expertin für
Röntgenfluoreszenzspektroskopi
Elemente in Materialien zu identifizieren, ohne das Material zu
beschädigen. Dabei ist es möglich, auch tiefere Schichten zu untersuchen,
also einige Millimeter tief unter die oberflächlich aufgetragene
Farbschicht zu blicken.
Die XRF Analyse zeigt eindeutig, dass Bereiche des Originalgemäldes
übermalt wurden, um Nazi-Symbole zu verbergen. Insbesondere befindet sich
unter der blau-weißen bayrischen Flagge eine rote Nazi-Flagge. Außerdem
übermalt wurden die Kränze am Denkmal, Soldaten und zwei erhobene Arme von
Passanten. Für die Übermalung wurden Ölfarben verwendet, die erhebliche
Mengen an Titanweiß enthielten. Titanweiß kommt an keiner anderen Stelle
des Gemäldes vor, doch befand sich eine Tube Ölfarbe „Titanweiß 10103
Schmincke“ in der Farbtubensammlung aus Merckers Nachlass.
Viele weitere Indizien deuten darauf hin, dass Mercker dieses Bild selbst
überarbeitet hat, allerdings entweder in Eile oder ohne Liebe zum Detail.
Im Nature-Fachjournal Heritage Science erinnern die Autoren daran, dass
viele Künstler bis weit in die 1960er Jahre für ihre Mitwirkung in der NS-
Zeit kaum kritisiert wurden. Das Gemälde befindet sich inzwischen in der
Sammlung des NS-Dokumentationszentrums München (https://www.nsdoku.de/en
/memory-is).
„Diese Zusammenarbeit war sehr spannend“, sagt Mantouvalou. „Wir hatten
sehr unterschiedliche Expertisen und Hintergründe.“ So hat der
Kunsthistoriker Professor Patrick Jung mehrere Bücher über Erich Mercker
geschrieben, Thomas Schuhbauer hat diese persönliche Story in einen
Dokumentarfilm zu Legenden des deutschen Wirtschaftswunders aufgenommen,
und Magnus Bauer, der Großneffe von Erich Mercker, konnte durch seine
Einblicke in die familiäre Geschichte wichtige Erkenntnisse beitragen.
„Das war eine großartige Erfahrung, auch, weil wir gemerkt haben, welche
Hürden die jeweiligen Fachsprachen sind. Wir mussten sehr kreativ werden,
um uns wirklich zu verstehen.“
