Versorgung mit Psychotherapie ist bedroht – Demonstration der Psychotherapie-Verbände in Berlin
In Berlin demonstrierten heute mehr als 500 Psychotherapeutinnen und
-therapeuten gegen Kürzungen ihrer Leistungen und Honorare. Es drohen
längere Wartezeiten und weniger Therapieplätze – dabei steigt der Bedarf
an Psychotherapie. Zu der Demonstration hat die Deutsche Gesellschaft für
Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)
e.V. aufgerufen, gemeinsam mit knapp 30 anderen psychotherapeutischen
Berufs- und Fachverbänden.
Chronifizierung, teure Aufenthalte im Krankenhaus, Arbeitsausfälle,
Frühverrentung: Das sind Folgekosten psychischer Erkrankungen, die
Psychotherapie nachweislich vermeidet. Jeder in Psychotherapie investierte
Euro zahlt sich dreimal aus, zeigen Studien. Trotzdem werden die Honorare
von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten seit April um 4,5 Prozent
gekürzt, weitere Kürzungen sollen mit dem GKV-
Beitragsstabilisierungsgesetz folgen. „Wenn Honorare in der Psychotherapie
begrenzt werden, wird auch die Versorgung begrenzt – in Zeiten, in denen
psychische Erkrankungen zunehmen. Das ist ein fatales Signal“, sagt
Diplom-Psychologe Ronald Schelte. Der Psychoanalytiker ist
Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse,
Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. Die DGPT
hat gemeinsam mit knapp 30 weiteren psychotherapeutischen Berufs- und
Fachverbänden zu bundesweiten Demonstrationen gegen die Pläne des
Bundesgesundheitsministeriums aufgerufen. Heute fand in Berlin gegenüber
dem Deutschen Bundestag eine Großdemonstration mit mehr als 500
Teilnehmenden statt.
Die Kürzungen trifft eine Berufsgruppe, deren Vergütung sich bereits im
unteren Bereich aller ambulanten Fachgruppen bewegt. Die Psychotherapie-
Verbände weisen darauf hin, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten
trotz Vollzeittätigkeit nur halb so viel verdienen wie zum Beispiel
Hausärzt*innen oder andere Facharzt-Gruppen. Gleichzeitig sei das
Einsparpotenzial für die Krankenkassen gering: Ambulante Psychotherapie
macht lediglich etwa 0,7 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen
Krankenkassen aus. „Die geplanten Einschränkungen werden dazu führen, dass
Psychotherapeutinnen und -therapeuten insgesamt weniger Leistungen
anbieten können“, so Schelte. „Dabei ist es jetzt schon für viele Menschen
schwierig, einen Therapieplatz zu bekommen, insbesondere für Kinder und
Jugendliche sowie alte Menschen und für diejenigen, die in ländlichen
Gebieten wohnen.“ Die Wartezeit auf einen Therapieplatz beträgt zurzeit
durchschnittlich 14 Wochen.
Ein Argument für die Kürzungen sind steigende Ausgaben für Psychotherapie.
„Doch die Steigerung beruht nicht auf einem Zuwachs an Honorar pro
Therapiestunde, sondern hat damit zu tun, dass mehr Patientinnen und
Patienten versorgt werden müssen“, betont Schelte. Während in 2014 noch
4,61 Millionen Patient*innen mit Psychotherapie behandelt wurden, waren es
zehn Jahre später bereits 7,24 Millionen. Das offenbaren Honorarberichte
der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. „Der Bedarf wächst zum einen, weil
psychische Erkrankungen nicht mehr so verpönt sind, zum anderen, weil die
psychischen Belastungen für viele junge Leute in der Corona-Zeit so groß
waren, dass sie später deutlich häufiger Depressionen und
Angsterkrankungen entwickeln“, berichtet der Psychoanalytiker. Diese
Dynamiken werden von der derzeitigen Bedarfsplanung für Psychotherapie gar
nicht erfasst, weil sie im Wesentlichen noch auf Zahlen von 1998 basiert,
so Schelte weiter. Alle Psychotherapie-Verbände fordern deshalb eine
Aktualisierung, die auf neuen empirischen Untersuchungen beruht.
Die Demonstration fand am Deutschen Bundestag statt, wo zeitgleich der
Petitionsausschuss über eine Petition gegen die Kürzungen beraten hat. Die
Petition „Gebührenordnung für Heilberufe – Sicherstellung der ambulanten
psychotherapeutischen Versorgung durch angemessene Vergütung“ haben über
140.000 Menschen unterzeichnet.
Über die DGPT:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik
und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V. vertritt die Standes- und
Berufsinteressen ihrer über 3.700 psychologischen und ärztlichen
Mitglieder gegenüber der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen und
gegenüber der Politik auf Bundesebene. Die DGPT versteht sich als
wissenschaftliche Fachgesellschaft und Berufsverband zugleich. Sie stellt
Grundanforderungen für die Weiterbildung an 62 staatlich anerkannten Aus-
und Weiterbildungsinstituten auf. Die DGPT ist der Spitzenverband der
psychoanalytischen Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für
Analytische Psychologie (DGAP), Deutsche Gesellschaft für
Individualpsychologie e.V. (DGIP), Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft
(DPG), Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) sowie des Netzwerks
Freier Institute (NFIP).
