Zum Hauptinhalt springen

Endgame: Russlands Kriegswirtschaft stößt an ihre Grenzen

Pin It

Vier Jahre nach Russlands großangelegter Invasion in der Ukraine zeigt die
russische Wirtschaft deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung. Die
Hinweise darauf, dass sich die russische Wirtschaft im Endstadium
befindet, verdichten sich. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Kiel Report,
den das Kiel Institut für Weltwirtschaft und das Stockholm Institute of
Transition Economics veröffentlicht haben.



Der Kiel Report Endgame: The State of the Russian Economy
(https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/endgame-russlands-
wirtschaft-unter-druck-19856/), verfasst von führenden internationalen
Expertinnen und Experten zur russischen Wirtschaft, kommt zu dem Schluss,
dass Moskaus fiskalische Reserven weitgehend aufgebraucht sind. Damit
eröffnet sich die Möglichkeit für ein entschlossenes Handeln des Westens.

„In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische
Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten,
doch nun sind die Reserven aufgebraucht“, sagt Moritz Schularick,
Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und Co-Autor des
Überblickskapitels des Berichts. „Die wirtschaftlichen Grundlagen haben
sich deutlich abgeschwächt. Die fiskalischen Reserven sind weitgehend
aufgebraucht, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die
Abhängigkeit von China wird immer ausgeprägter. Gleichzeitig dürften
höhere Ölpreise infolge des Krieges am Golf vermutlich nur vorübergehende
fiskalische Effekte haben“, warnt Schularick.

Die Ausgaben steigen, doch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
schrumpft, da finanzielle und reale Zwänge greifen

Der Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass die liquiden Vermögenswerte des
russischen Staatsfonds von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu
Beginn des Krieges auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026 gesunken sind.
Gleichzeitig hat das Defizit des Bundeshaushalts bereits in den ersten
drei Monaten des Jahres 2026 das für das gesamte Jahr angestrebte Ziel der
Regierung bereits überschritten, während die Öl- und Gaseinnahmen im
ersten Quartal 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent
eingebrochen sind.

Der Bericht argumentiert jedoch, dass Russlands Herausforderung nicht mehr
nur finanzieller Natur ist. Die Autorinnen und Autoren dokumentieren, wie
sich der Kreml zunehmend auf außerbudgetäre Finanzierungen, eine rasche
Kreditausweitung und indirekte Unterstützung durch das Bankensystem
stützt, um die Militärausgaben aufrechtzuerhalten. Seit Kriegsbeginn ist
die Verschuldung russischer Unternehmen dramatisch gestiegen, da Banken
Ressourcen in kriegsbezogene Sektoren lenken.

„Die grundlegende Einschränkung, mit der Russland heute konfrontiert ist,
ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Arbeitskräften,
Technologie und Produktionskapazitäten“, warnt Matthew C. Klein, Autor des
Ökonomie-Blogs „The Overshoot“ und des Kapitels über Russlands
Kriegsfinanzierung. „Die Regierung kann zwar zusätzliche finanzielle
Ressourcen mobilisieren, doch angesichts eines Arbeitskräftemangels auf
Rekordniveau und Sanktionen, die den Zugang zu wichtigen Importgütern
einschränken, birgt eine höhere Ausgabenpolitik zunehmend das Risiko,
Inflation zu erzeugen, anstatt die militärische Leistungsfähigkeit zu
steigern.“

Moskau ist in den Bereichen Handel, Technologie und Finanzen von Peking
abhängig

Eine zentrale Erkenntnis des Berichts ist die zunehmende wirtschaftliche
Abhängigkeit Russlands von China. China macht mittlerweile etwa 35 Prozent
des gesamten russischen Außenhandels aus und liefert den überwiegenden
Teil der kritischen, zivil und militärisch nutzbaren Güter sowie der
militärrelevanten Komponenten, die ins Land gelangen.

Dem Bericht zufolge ist China für rund drei Viertel des Anstiegs der
russischen Importe von sanktionierten, kritischen militärischen
Komponenten seit 2022 verantwortlich. Während die Partnerschaft Russland
dabei geholfen hat, die Auswirkungen westlicher Sanktionen abzumildern,
argumentieren die Forscherinnen und Forscher, dass die Beziehung zunehmend
asymmetrisch wird. Wobei China stetig an Einfluss auf den russischen
Handel, die Finanzwirtschaft und die industriellen Lieferketten gewinnt.

„Der Begriff einer ‚grenzenlosen Partnerschaft‘ verschleiert eine
wachsende Asymmetrie“, sagt Alicia García-Herrero, Senior Fellow bei
Bruegel und Co-Autorin des Berichts. „Russland hat einen wirtschaftlichen
Rettungsanker erhalten, aber China hat an Einfluss gewonnen. Moskau ist in
den Bereichen Handel, Technologie und Finanzen zunehmend von Peking
abhängig, während China weiterhin frei ist, die Bedingungen der Beziehung
zu diktieren. Dies entwickelt sich zu einer Partnerschaft der Abhängigkeit
statt zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe.“

Der Bericht argumentiert, dass Russlands Hinwendung zu China eher aus
Notwendigkeit statt aus freien Stücken geschieht. Da der Zugang zu
westlichen Märkten, Technologien und der Finanzinfrastruktur eingeschränkt
wurde, ist Moskau zunehmend auf die chinesische Nachfrage nach seinen
Exporten und auf chinesische Unternehmen für wichtige Importe angewiesen.
Diese Abhängigkeit hat zwar kurzfristig dazu beigetragen, Russlands
Kriegswirtschaft aufrechtzuerhalten, schmälert jedoch langfristig die
wirtschaftliche Autonomie und die Verhandlungsmacht Russlands.

Die politische Agenda: Verschärfung der Sanktionen, Exportkontrollen und
Einführung von Zöllen

Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass Russlands wachsende
wirtschaftliche Verwundbarkeit ein Zeitfenster für wirksamere politische
Maßnahmen des Westens eröffnet. Der Bericht identifiziert die
Exporteinnahmen aus Öl und Gas als den Schlüsselfaktor für die
Aufrechterhaltung der russischen Kriegsanstrengungen und empfiehlt eine
strengere Durchsetzung bestehender Sanktionen. „Die Durchsetzung von
Preisobergrenzen muss im Mittelpunkt der Sanktionspolitik stehen. Dazu
gehören erneute Bemühungen, Russlands Schattenflotte einzuschränken“,
argumentiert Torbjörn Becker, Direktor des Stockholm Institute of
Transition Economics und Co-Autor des Berichts. Außerdem schlagen die
Autoren strengere Exportkontrollen – insbesondere in Bezug auf chinesische
Lieferanten – sowie neue Maßnahmen zur Verringerung der russischen
Exporteinnahmen vor.

Ein weiterer zentraler Vorschlag ist ein „Ukraine-Unterstützung-Zoll“ für
den verbleibenden Handel mit Russland, insbesondere für LNG, Chemikalien,
Düngemittel und andere Güter, die noch immer auf die europäischen Märkte
gelangen. Ein solcher Zoll könnte gleichzeitig die russischen
Exporteinnahmen schmälern und eine zweckgebundene Finanzierungsquelle für
die Verteidigung und den Wiederaufbau der Ukraine schaffen. „Die
vergangenen Monate haben gezeigt, dass die Durchsetzung von Sanktionen
Wirkung zeigt“, sagt Schularick. „Die Herausforderung für Europa besteht
darin, die wachsenden wirtschaftlichen Schwachstellen Russlands in
dauerhafte strategische Hebel umzuwandeln.“

Über den Bericht

Endgame: The State of the Russian Economy
(https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/endgame-russlands-
wirtschaft-unter-druck-19856/) ist Kiel Report Nr. 9 (Juni 2026) und
enthält folgende Einzelbeiträge, von denen der erste in einer deutschen
Version vorliegt:

Russlands Wirtschaft im Endstadium – Torbjörn Becker und Moritz Schularick

Why economists get the Russian economy “wrong” and how we can think about
sanctions – Torbjörn Becker

The limits on Russia's war financing and the energy windfall – Matthew C.
Klein

The China-Russia asymmetric partnership: Implications for Europe – Alicia
García-Herrero, Elina Ribakova, and Lucas Risinger

China's role in supplying Russia with sanctioned products – Konstantin
Egorov

Regional convergence in Russian regions during the war – Iikka Korhonen

Kiel Report jetzt lesen: Endgame: The State of the Russian
Economy/https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/endgame-russlands-
wirtschaft-unter-druck-19856/