Wirksame Grenzen bei der Arbeitszeit sind wichtiger denn je, um Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zu erhalten
Die Bundesregierung will die tägliche Höchstarbeitszeit abschaffen und auf
diese Weise Arbeitszeiten weiter flexibilisieren und zeitweilig noch
längere Arbeitstage ermöglichen, als es heute bereits möglich ist (mehr
dazu im unten verlinkten Forschungsüberblick). Ein erklärtes Ziel ist es,
dadurch trotz des demografischen Wandels ein hohes Arbeitsvolumen zu
erhalten. Doch die Deregulierung könnte durchaus kontraproduktiv wirken –
und zwar insbesondere sowohl mit Blick auf die wachsende Zahl älterer
Beschäftigter als auch bei jüngeren Arbeitsnehmer*innen in der
Familienphase.
Davor warnt Dr. Elke Ahlers, Expertin für Arbeit und Gesundheit im
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-
Stiftung. Dabei sind beide Gruppen auf dem alternden und gleichzeitig
zunehmend digitalisierten deutschen Arbeitsmarkt sehr wichtig. „In einer
Gesellschaft, in der viele Menschen schon heute kaum noch abschalten
können, wird das Recht auf Erholung zu einer zentralen sozialen
Ressource“, betont die Forscherin in einer neuen Analyse.* Diese Ressource
zu nutzen sei eine Voraussetzung, um Produktivität und wirtschaftliche
Leistungsfähigkeit zu erhalten und zu stärken. „Genau deshalb ist das
Arbeitszeitgesetz heute wichtiger denn je“, schreibt Ahlers.
„Zukunftsfähige Arbeitszeitpolitik muss Produktivität, Gesundheit,
Fachkräftesicherung und Lebensqualität gemeinsam denken. Andernfalls droht
die paradoxe Situation, dass ausgerechnet jene Beschäftigten, die länger
arbeiten sollen, unter Bedingungen arbeiten, die längere Erwerbstätigkeit
gesundheitlich erschweren.“
Viele Menschen erlebten ihren Alltag inzwischen als Daueranspannung
zwischen Arbeit, Krisennachrichten, familiären Anforderungen und
permanenter Erreichbarkeit, schreibt Ahlers. Jede*r dritte Beschäftigte
habe laut Umfragen inzwischen das Gefühl, nach der Arbeit nicht mehr
richtig abschalten zu können. Die meisten Menschen brauchten keine
wissenschaftlichen Studien, um zu wissen, dass sie erschöpft sind. Sie
merkten es morgens beim Blick aufs Handy, abends beim Gefühl, nie wirklich
fertig zu sein, oder an dem schlechten Gewissen, selbst freie Zeit noch
„effizient“ nutzen zu müssen.
Der Index Gute Arbeit 2025, eine repräsentative Befragung im Auftrag des
DGB, zeigt, dass bereits heute 43 Prozent der Beschäftigten häufig länger
als acht Stunden pro Tag arbeiten. „Meistens tun sie das nicht freiwillig,
sondern weil die Arbeitsmenge sonst nicht zu bewältigen wäre“,
unterstreicht WSI-Expertin Ahlers. Fast die Hälfte dieser Beschäftigten
fühle sich nach der Arbeit regelmäßig leer oder ausgebrannt. Besonders
problematisch seien zudem verkürzte Ruhezeiten: Wer häufig weniger als die
gesetzlich vorgesehenen elf Stunden Erholung zwischen zwei Arbeitstagen
hat, berichtet deutlich häufiger von Erschöpfung und Überlastung.
Dass die Debatte um längere Arbeitszeiten an der Lebensrealität vieler
Beschäftigter vorbeigeht, zeigen laut Ahlers auch Befunde aus der WSI-
Erwerbspersonenbefragung von 2024. Über die Hälfte der befragten abhängig
Beschäftigten berichtet in ihrem Tätigkeitsfeld von
Arbeitskräfteengpässen. Besonders hoch ist der Anteil im Gesundheits- und
Sozialwesen, im Baugewerbe, in Bildungseinrichtungen und im Gastgewerbe.
Personalengpässe sorgten dort längst dafür, dass Überstunden, Mehrarbeit
und Arbeitsverdichtung zum Normalzustand geworden seien. Viele
Beschäftigte berichteten zugleich, dass nicht nur ihre eigene Belastung
steigt, sondern auch die Qualität der Arbeit und das Betriebsklima litten.
Die Folge: sinkende Arbeitszufriedenheit, emotionale Erschöpfung und eine
zunehmende innere Distanz zur Arbeit.
„Damit zeigt sich ein zentraler Widerspruch der aktuellen
Arbeitszeitdebatte: Während viele Beschäftigte bereits heute an
Belastungsgrenzen arbeiten, wird politisch gleichzeitig über längere und
flexiblere Arbeitszeiten diskutiert“, analysiert Gesundheitsexpertin
Ahlers. Auch die parallel geführte Debatte über Fehlzeiten durch Krankheit
greife deshalb häufig zu kurz. „Erschöpfung und gesundheitliche Ausfälle
sind nicht Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern oft die
Folge dauerhaft belastender Arbeitsbedingungen.“
Mittlerweile ist fast ein Viertel aller Erwerbstätigen in Deutschland
zwischen 55 und 64 Jahre alt und soll nach politischen Vorstellungen
möglichst lange im Erwerbsleben bleiben. Andere Befunde der WSI-
Erwerbspersonenbefragung zeigen, dass ältere Beschäftigte unter Um-ständen
durchaus bereit wären, länger zu arbeiten – allerdings unter anderen
Bedingungen. Fast die Hälfte derjenigen mit Ruhestandsplänen erklärten in
der Befragungswelle 2025, sie könnten sich einen späteren Ausstieg
vorstellen, wenn sie mehr Zeit für sich und dazu gesündere
Arbeitsbedingungen hätten – und vor allem auch mehr Einfluss auf
Arbeitsbedingungen, Arbeitsinhalte und Arbeitszeiten.
„Die Arbeitswelt altert massiv. Gerade deshalb kann eine älter werdende
Erwerbsbevölkerung nicht dauerhaft über Arbeitsverdichtung, längere
Arbeitszeiten und permanente Erreichbarkeit stabilisiert werden. Vielmehr
gewinnen gesundheitsförderliche, planbare und selbstbestimmte
Arbeitszeiten zunehmend an Bedeutung“, betont Ahlers.
Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei sehr wichtig,
insbesondere für die Erwerbstätigkeit von Frauen. In einer alternden
Gesellschaft gehe es aber zunehmend auch um die Vereinbarkeit von
Erwerbsarbeit mit Pflegeaufgaben, gesundheitlicher Regeneration,
Weiterbildung oder gesellschaftlicher Teilhabe. Viele Beschäftigte
wünschten sich nicht einfach „weniger Arbeit“, sondern mehr Einfluss auf
ihre Arbeitszeiten und verlässlichere Zeitstrukturen im Lebensverlauf,
schreibt die WSI-Forscherin. „Genau darin liegt eine der zentralen
sozialen Fragen der kommenden Jahre: die Frage nach Zeitsouveränität.“
Gerade in dieser Situation sei das Arbeitszeitgesetz wichtiger denn je,
betont die Expertin. Denn es sichere „etwas, das in modernen
Arbeitsgesellschaften immer knapper wird: echte Erholung. Mit seinen
täglichen Höchstarbeitszeiten schütze es gerade unter den Bedingungen
digitaler und hochverdichteter täglicher Arbeitszeiten Beschäftigte vor
dauerhafter Überlastung und Entgrenzung. Und es verbinde diesen Schutz
zugleich mit erheblichen betrieblichen Gestaltungsspielräumen und
regelbasierter Flexibilität. So zeigten Forschung und praktische Erfahrung
auch, dass gute Arbeitszeitlösungen meist dort entstehen, wo
Mitbestimmung, Tarifverträge und kollektive Aushandlungsprozesse stark
sind (mehr dazu im Forschungsüberblick; Link unten).
Das Gesetz sei aus der gesellschaftlichen Perspektive des Arbeits- und
Gesundheitsschutzes ebenso wichtig wie ökonomisch sinnvoll. Denn wer
bereits dauerhaft unter hoher mentaler Belastung steht, werde durch
zusätzliche Arbeitszeit kaum leistungsfähiger oder motivierter, betont
Ahlers. Im Gegenteil: Arbeitswissenschaftlich sei seit langem gut belegt,
dass lange und atypische Arbeitszeiten erhebliche gesundheitliche Folgen
haben können: höhere Unfallrisiken, Schlafprobleme, psychische Erschöpfung
sowie frühere Erwerbsausstiege. Und Produktivität entstehe nicht allein
durch längere Anwesenheit oder höhere zeitliche Verfügbarkeit, sondern
ebenso durch Regeneration, Konzentrationsfähigkeit und gesundheitliche
Stabilität.
