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Zehn Jahre ZukunftsDesign: Wie ein Experiment Kronach veränderte

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(Natalie Schalk)
Vor zehn Jahren startete der Studiengang ZukunftsDesign der Hochschule
Coburg in Kronach: 22 Studierende, wenig Möbel und eine ausbaufähige
Internetverbindung waren der erste Schritt auf dem Weg zum Lucas Cranach
Campus. Heute hat sich daraus ein regionaler Innovationsmotor entwickelt.



Ein paar Tische, Stühle – und das Internetkabel lag quer über dem Gang. Es
war sichtbar, spürbar, dass hier gerade etwas Neues entstand. „Es fühlte
sich improvisiert, lebendig und nach Aufbruch an“, erinnert sich Anna-
Sophie Reier, „so, als würden wir nicht nur einen Studiengang besuchen,
sondern ihn mit aufbauen.“ Als die ersten 22 Studierenden des
Masterstudiengangs ZukunftsDesign 2016 die ehemaligen Büroräume des
Fernsehherstellers Loewe bezogen, ahnten sie allerdings nicht, welche
Entwicklung sie damit anstoßen würden. Mit dem ungewöhnlichen Studiengang
der Hochschule Coburg begann vor zehn Jahren die Geschichte des Kronacher
Lucas-Cranach-Campus (LCC).
Anna-Sophie Reier war damals 26 Jahre alt. Die
Kommunikationswissenschaftlerin und Germanistin lebte in Hof und hatte
nach ihrem Bachelor zunächst Berufserfahrung gesammelt. Irgendwann wollte
die gebürtige Kronacherin einen Master machen, wusste aber nicht in
welchem Fach. Noch weniger wusste sie, wie sie das mit dem Job vereinbaren
sollte. Dann legte ihr die Familie einen Zeitungsartikel über einen neuen
Studiengang in ihrer Heimatstadt auf den Tisch: ZukunftsDesign.

ZukunftsDesign: gemeinsam in interdisziplinären Projekten lernen

„Plötzlich konnte man in Kronach studieren“, sagt Bauteilfertigung mit
Plasma-Schneider in der Werkstatt des LCC in Kronach: Sandor Adam baut
seinen Prototyp 1. Foto: Frank Wunderatsch. „Und alles daran klang
spannend, neu und anders.“ Lernen in Projektteams statt nur in
Vorlesungen, dabei große Offenheit für Menschen unterschiedlichster
beruflicher Hintergründe – von Maschinenbau über Soziales bis zu
Textildesign. „Die Mischung war besonders“, sagt Reier. „Ich arbeitete mit
Menschen, denen ich in einem klassischen Studium und auch im Berufsleben
vermutlich nie begegnet wäre.“ Einer kam mit dem Wohnmobil. Irgendwann
übernachteten mehrere Studierende auf dem Parkplatz des ehemaligen Loewe-
Werks. Im Sommer wurde gegrillt. Es entstand eine enge Gemeinschaft, die
bis heute verbunden ist. „Gerade für ein berufsbegleitendes Studium ist
das wirklich ungewöhnlich.“

Praxisprojekte und Netzwerk: mehr als 130 Kooperationen

Das berufsbegleitende Format und die interdisziplinäre Arbeit an realen
Projekten mit Unternehmen und Organisationen sind bis heute Kern des
Studiengangs. „Mittlerweile können wir auf ein riesiges Portfolio an
Praxiskontakten bauen und haben mehr als 130 Praxisprojekte durchgeführt“,
erklärt Studiengangsleiter Prof. Dr. Christian Zagel. „Learning by doing“
sei nach wie vor der zentrale Ansatz. Die Studierenden seien dabei so
unterschiedlich wie kaum anderswo. Die Altersspanne reicht von Anfang 20
bis über 70 Jahre – vom Berufseinsteiger bis zur Professorin. „Nicht, weil
sie unbedingt einen weiteren Abschluss brauchen“, sagt Zagel, „sondern
weil sie sich persönlich und beruflich weiterentwickeln wollen. Wir
verstehen uns als Studiengang, der Innovation nicht nur lehrt, sondern der
per se ein Innovationsprojekt und Experimentierumfeld ist. Deswegen
probieren wir viel aus.“

Entrepreneurship-Track: Start ups und Patentmeldungen

Statt vieler Präsenztermine setzt ZukunftsDesign heute auf wenige
Wochenenden vor Ort und ergänzende Onlineformate. Die Studierenden kommen
aus ganz Deutschland und teilweise aus dem Ausland – ob aus Österreich
oder dem Iran. Seit diesem Sommersemester ergänzt ein eigener
Entrepreneurship-Track die bisherigen Praxisprojekte. Hintergrund ist die
wachsende Zahl an Gründungsideen, die aus dem Studium hervorgegangen sind.
„Es wurden zahlreiche Preise gewonnen und auch Patente eingereicht.“
Allein im aktuellen Semester arbeiten die Studierenden an 18
Gründungsvorhaben. Wer mit einer eigenen Idee scheitert, kann in den
bisherigen, nun Intrapreneurship genannten Schwerpunkt wechseln.

Erfolgsgeschichten: Aus Studienprojekten werden Unternehmen

Sandor Adams Hintergrund reicht von Biotechnologie über Ethnologie bis hin
zu Innovationen in japanischen Start-ups. Er studiert ZukunftsDesign im
neuen Entrepreneurship-Track und arbeitet parallel an seinem eigenen
Start-up Satoumi. Es soll Technologien im Bereich Nachhaltigkeit und
Energiegewinnung schneller in die Märkte bringen. Eigentlich suchte der
30-Jährige nach einem Startup-Inkubator – einem Förderprogramm, das junge
Unternehmen beim Aufbau ihrer Geschäftsidee unterstützt. Stattdessen stieß
er auf ZukunftsDesign. „Das Angebot war zu gut, um es nicht anzunehmen und
hat sogar Inkubatoren in London, Singapur und Tokio geschlagen.“
Der Studiengang bot ihm bessere Bedingungen. Zeit für seine eigene Idee,
die Möglichkeit, sie im geschützten Rahmen weiterzuentwickeln. Zugang zu
Projekten und Netzwerken. Freiraum. Keine Abgabe von Unternehmensanteilen.
Und zusätzlich einen Masterabschluss. Das Testen des ersten Prototyps des
Pyrolyse-Reaktors im ZukunftsDesign-Studium sei unkompliziert gewesen.
Später folgte ein strategischer Richtungswechsel: weg vom eigenen Betrieb
der Technologie, hin zur Patentierung und Lizenzierung an bestehende
Unternehmen. Die Reaktion sei sehr direkt und praktisch gewesen: „Ah ja,
das ist eine coole Idee. Was brauchst du dafür?“

Campusentwicklung: Lucas Cranach Campus in Kronach

Während Studierende wie Adam heute an eigenen Gründungsideen arbeiten, ist
auch der Hochschulstandort gewachsen. Aus den Anfängen in den ehemaligen
Loewe-Büros ist heute in der Kronacher Innenstadt der Lucas-Cranach-Campus
geworden. Am LCC studieren inzwischen gut 340 Studierende der Hochschule
Coburg: Zusätzlich zu ZukunftsDesign werden der Master Autonomous Driving
und die Bachelorstudiengänge Wirtschaftsinformatik 2.0 und Digital
Business Models and Technologies angeboten. Hinzu kommen weitere
Studienangebote der Hochschule Hof. Lehr- und Arbeitsräume, Labore, Maker
Space, Co-Working-Bereiche und eine Teststrecke für autonomes Fahren
gehören auch zum Campus.
Anna-Sophie Reier blickt von München aus auf die Anfänge zurück. Sie
arbeitet heute als Online-Redakteurin bei „Psychologie Heute“, entwickelt
digitale Formate und schreibt ihren eigenen Newsletter. Vieles hat sich
seit ihrem Studium verändert. Geblieben seien die Menschen, die sie damals
kennenlernte. „Aus meinem Projektpartner aus dem ersten Semester wurde ein
guter Freund – er leitet inzwischen das Hotel, mit dem wir damals im
Erstsemester-Projekt gearbeitet haben, und hat es stark weiterentwickelt“,
erzählt sie. Ein weiterer Kommilitone startete das Studium gemeinsam mit
seiner Frau und deutlich mehr Lebenserfahrung als viele andere im
Jahrgang. Er halte die Gruppe zusammen und organisiere regelmäßige
Treffen. ZukunftsDesign habe ihnen allen eine bestimmte Art zu Denken
mitgegeben: „Dinge nicht als in Stein gemeißelt betrachten, sondern in
Bewegung bleiben und Veränderung als etwas Positives sehen.“ Zehn Jahre
nach dem Start des Studiengangs ist Veränderung vielleicht die größte
Konstante von ZukunftsDesign.