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Wie klar ist die Bibel?

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Der Historiker Volker Leppin (Yale University) spricht in Münster über die
Illusion der Eindeutigkeit der Heiligen Schrift – öffentlicher
Abendvortrag „Wie klar ist die Bibel?“ über das Spannungsfeld zwischen dem
Anspruch auf unfehlbare Autorität und der Notwendigkeit der Interpretation
der Bibel am 22. Juni am Exzellenzcluster



Die reformatorische Bewegung des 16. Jahrhunderts etablierte mit dem
Prinzip „Sola Scriptura“ (Allein die Schrift) einen radikalen Anspruch:
Die Bibel sollte die alleinige und eindeutige Quelle für das sein, was im
Christentum verbindlich ist. Doch trägt dieser Anspruch tatsächlich? Wie
klar ist die Bibel? Über diese Frage und die daraus entstandenen
reformatorischen Konflikte spricht der Historiker Volker Leppin von der
Yale University kommende Woche am Exzellenzcluster „Religion und Politik“
der Universität Münster, wie der Sprecher des Exzellenzclusters, der
Historiker Wolfram Drews, ankündigt. Der öffentliche Abendvortrag trägt
den Titel „Wie klar ist die Bibel? Autorität und Argument im
reformatorischen Streit um die Wahrheit“ und findet am 22. Juni 2026 um
18.15 Uhr im Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters „Religion und Politik“
(Raum JO 1, Johannisstraße 4, 48143 Münster) statt. Eine Teilnahme via
Zoom ist nach vorheriger Anmeldung unter veranstaltungenEXC@uni-
muenster.de möglich.

„Eine geradezu ikonische Szene der Reformation, die den reformatorischen
Konflikt um den Grundsatz ‚Sola Scriptura‘ auf den Punkt bringt, ist der
Streit zwischen Martin Luther und Huldrych Zwingli im Marburger
Religionsgespräch“, so Volker Leppin zur Ankündigung des Vortrags. „Im
Streit zieht Luther eine Decke vom Tisch und zeigt seinem Widersacher die
zuvor von ihm dorthin gekritzelten Worte: ‚Das ist mein Leib‘.“ Für den
Wittenberger Reformator sollte dieser Moment die absolute Klarheit der
Schrift im sogenannten Abendmahlsstreit beweisen. „Für Luther war durch
diese Worte klar: Der Leib und das Blut Christi waren in Brot und Wein
real und leibhaftig anwesend. Doch Zwinglis Interpretation der Worte war
eine andere. Er plädierte für eine symbolische Bedeutung des Wortes ‚ist‘,
also dafür, dass Christus beim Abendmahl nicht physisch in Brot und Wein,
sondern nur im Glauben anwesend ist“, so Leppin. „Die Schrift allein
konnte also auch in der Reformation nicht entscheiden.“

„Die Reformation ist eine Geschichte des Beharrens auf einem Anspruch“

Leppin analysiert die Reformation in seinem Vortrag als eine „Geschichte
des Beharrens auf einem Anspruch“, der sich in der Praxis von Anfang an
nicht vollständig durchhalten ließ. Ein prägnantes Beispiel sei die
Kindertaufe: Obwohl die Reformatoren an dieser Praxis festhielten, ließe
sie sich nur mühsam aus der Schrift ableiten. Dennoch haben sowohl Luther
als auch Zwingli diese Praxis mit großer Unerbittlichkeit
aufrechterhalten. „Um dem bleibenden Anspruch auf die Alleinigkeit der
Bibel dennoch Geltung zu verschaffen, mussten die Reformatoren neue
Instanzen und Debattenwege konstruieren“, so Leppin. „Wichtig wurden die
sogenannten Bekenntnisschriften, wie etwa die Confessio Augustana. Diese
Texte stellten dann doch wieder einen Definitionsrahmen her, innerhalb
dessen die Schrift gelesen und interpretiert werden sollte.“

Leppin interpretiert das reformatorische Schriftprinzip als eine extreme
Vereinfachung hochkomplexer mittelalterlicher Debatten. „Diese
Vereinfachung muss aber nicht nur schlecht sein. Der Soziologe Niklas
Luhmann hat auch der Religion als eigentliche Leistung die ‚Reduktion von
Komplexität‘ zugesprochen“, erläutert Leppin. „In diesem Sinne war Martin
Luther ein ‚genialer Komplexitätsreduzierer‘, dem es gelang, die
vielschichtigen theologischen Auseinandersetzungen seiner Zeit auf eine
prägnante Formel herunterzubrechen. Das hat die enorme Dynamik und den
gesellschaftlichen Durchbruch der Reformation erst ermöglicht, doch
gleichzeitig eine neue paradoxe Situation geschaffen: Gerade, weil die
Schrift allein eben nicht ausreichte, wurden neue und dringliche Fragen
nach der Legitimation von Autorität und Wahrheit aufgeworfen.“

Volker Leppin ist seit 2021 Professor für Historische Theologie an der
Yale University. Seine Forschung konzentriert sich auf das Mittelalter und
die Reformationszeit, insbesondere auf die Person und die Theologie Martin
Luthers, über den er 2006 eine Biographie veröffentlichte. Leppin
argumentiert, dass die Reformation nicht als ein scharfer Bruch zu
verstehen ist, sondern als eine Entwicklung, die ihre Wurzeln im
mittelalterlichen Denken hat. Zu seinen weiteren Arbeiten zählen
Publikationen zur christlichen Mystik („Ruhen in Gott“, 2021), zu
Franziskus von Assisi (2018) sowie zum modernen Verständnis
spätmittelalterlicher Frömmigkeit („Repräsentation und Reenactment“,
2021). In seiner neuesten Monographie „Gottesspuren. Das christliche
Europa vor seiner Entzauberung“ (2026) zeichnet er ein umfassendes Bild
der christlichen Religiosität in der Vormoderne. Leppin ist Mitglied der
Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Sächsischen Akademie der
Wissenschaften sowie der European Academy of Sciences and Arts. (fbu)