Auswirkungen von Kurzvideos auf Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Wohlbefinden
Kurzvideo-Plattformen wie TikTok, Instagram Reels oder YouTube Shorts
gehören für viele junge Menschen zum Alltag. Doch welche Auswirkungen hat
das endlose Scrollen kurzer, algorithmisch personalisierter Inhalte auf
Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wohlbefinden? Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler der Universität Bayreuth haben nun im Fachmagazin European
Child & Adolescent Psychiatry einen Artikel veröffentlicht, der erstmals
eine umfassende Beanwortung dieser Frage liefert.
Im Gegensatz zu klassischen digitalen Medien zeichnen sich Kurzvideo-
Plattformen durch schnell wechselnde Inhalte, hochgradig personalisierte
Empfehlungen und eine gezielte Maximierung der Nutzungsdauer aus. Genau
hier setzt die Studie an: Sie untersucht, ob und wie dieses spezifische
Design – und nicht nur der Inhalt – neurokognitive und emotionale Effekte
bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beeinflussen kann.
„Unser Ziel war es, auf Grundlage wissenschaftlich fundierter
Erkenntnisse, ein differenziertes Verständnis über die Auswirkungen von
Kurzvideo-Plattformen zu entwickeln und damit die Grundlage zu schaffen,
um über pauschale Aussagen wie ‚weniger Bildschirmzeit‘ hinauszugehen“,
erklärt Marlene Ebster, Absolventin des Masterstudiengangs
Gesundheitsökonomie am Institut für Medizinmanagement und
Gesundheitswissenschaften (IMG) der Universität Bayreuth und Erstautorin
des Artikels „Taming the endless scroll“, der nun im Fachmagazin European
Child & Adolescent Psychiatry erschienen ist. „Wir wollten verstehen,
welche Rolle Plattformdesign, Nutzungsroutinen und algorithmische
Mechanismen spielen.“
Die Analyse folgt den etablierten PRISMA- und Cochrane-Leitlinien und
umfasst wissenschaftliche Studien aus den Jahren 2015 bis 2025. Insgesamt
wurden rund 1.500 Datensätze gesichtet, von denen 42 Studien mit rund
47.000 Teilnehmenden in die finale Auswertung einflossen. Das
Durchschnittsalter lag bei 16,8 Jahren. Der Großteil der Studien bestand
aus Querschnittsuntersuchungen, ergänzt durch Längsschnitt- sowie einzelne
EEG- und MRT-Studien. Die Qualität der Evidenz wurde nach dem GRADE-System
bewertet. Das GRADE-System (Grading of Recommendations, Assessment,
Development and Evaluation) ist ein international anerkanntes Verfahren,
um die Qualität wissenschaftlicher Studien und die Stärke von Empfehlungen
in Leitlinien systematisch zu bewerten. Es wird vor allem in der
evidenzbasierten Medizin eingesetzt.
Die Ergebnisse zeigen: Eine intensive und unstrukturierte Nutzung von
Kurzvideo-Plattformen steht im Zusammenhang mit einer Reihe negativer
Effekte. Hierbei wird, heuristisch auf Grundlage der vorliegenden Studien,
eine tägliche Nutzungsdauer von vier oder mehr Stunden als „intensive
Nutzung“ definiert. Der Begriff „unstrukturierte Nutzung“ bezieht sich auf
das Scrollen von Kurzvideos ohne feste Routine. Davon abzugrenzen ist die
strukturierte Nutzung, etwa während des Pendelns oder als gemeinsame
Aktivität in sozialen Settings. Unstrukturiert wird die Nutzung vor allem
dann, wenn sie spontan erfolgt und Schlafenszeiten oder Lernphasen nach
hinten verschiebt.
Die negativen Effekte sind konkret die Zunahme von Unaufmerksamkeit und
Impulsivität in einem leichten bis moderaten Rahmen. Außerdem lassen sich
statistische Zusammenhänge mit geringerer Arbeitsgedächtniskapazität und
eingeschränkter Selbstregulation beobachten. Ebenso treten höhere Werte
für Angst, Depression und Stress auf. Darüber hinaus deuten bildgebende
Studien auf mögliche neurobiologische Zusammenhänge hin, etwa
Veränderungen in der grauen Substanz sowie in der neuronalen
Signalsynchronisation.
Neben Risiken identifiziert die Arbeit auch mögliche Schutzmechanismen.
Ein unterstützendes soziales Umfeld, klare digitale Routinen sowie
ausgeprägte Medienkompetenz können helfen, negative Effekte zu reduzieren.
„Besonders wichtig ist es, junge Menschen nicht allein zu lassen, sondern
sie zu befähigen, bewusst mit digitalen Angeboten umzugehen“, sagt Ebster.
Die Ergebnisse richten sich an ein breites Publikum: Eltern, Schulen,
Universitäten, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, aber
auch App-Designer und politische Entscheidungsträger. Sie unterstreichen
die Notwendigkeit, differenzierter über digitale Mediennutzung zu sprechen
und insbesondere die Rolle des Plattformdesigns stärker in den Blick zu
nehmen. Für den Alltag bedeutet das: Statt ausschließlich die
Nutzungsdauer zu betrachten, sollten Strukturen und (digitale) Kompetenzen
geschaffen werden, die eine bewusste Nutzung von Kurzvideo-Plattformen
fördern, etwa durch feste digitale Routinen, ein besseres Verständnis von
Algorithmen und gezielte Unterstützung junger Menschen.
Die Autorinnen und Autoren betonen zugleich, dass weiterer
Forschungsbedarf besteht – insbesondere in Form von Längsschnitt- und
experimentellen Studien. Zugleich sehen sie Handlungsbedarf auf
regulatorischer Ebene. „Bereits heute ist es notwendig, Rahmenbedingungen
für Kurzvideo-Plattformen zu entwickeln, die insbesondere vulnerable
Gruppen schützen“, heißt es in der Studie.
Die Arbeit ist eine der ersten, die gezielt die gesundheitlichen
Auswirkungen des Designs von Kurzvideo-Plattformen untersucht und sich
dabei insbesondere auf Menschen unter 25 Jahren konzentriert. Sie eröffnet
damit wesentliche und notwendige Perspektiven für Forschung & Entwicklung,
Prävention und Gesundheitsförderung sowie gesellschaftliche Debatten.
Bemerkenswert ist außerdem, dass der wissenschaftliche Artikel aus der
Masterarbeit von Marlene Ebster heraus entstanden ist und damit ein
Spiegelbild für die besondere wissenschaftliche und persönliche Eignung
Ebsters darstellt. Sebastian Schmidt hat die Masterarbeit betreut, ist
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medizinmanagement und
Gesundheitswissenschaften (IMG) der Universität Bayreuth und für das
Resort Prävention und Gesundheitsförderung am IMG verantwortlich. „Es ist
bemerkenswert und besonders erfreulich, wenn aus einer Masterarbeit ein
wissenschaftliches Paper entsteht, dass den strengen Vorgaben eines Peer-
Review Verfahren standhält und letzten endlich zu einem substanziellen
Erkenntnisgewinn beiträgt und einem breitem Publikum zugänglich wird“,
sagt er, und weiter: „Besonders beeindruckt hat mich neben dem hohen
Engagement von Frau Ebster vor allem die reibungslose Zusammenarbeit
zwischen allen beteiligten Akteuren, welche gemeinsam zum Erfolg
beigetragen haben: Der Universitätsbibliothek und Schreibberatung der
Universität Bayreuth, den wissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen
sowie den Reviewern des Journals gilt daher ein besonderer Dank“.
