KIT-Experte zur Hitzewelle in Europa: „Anhaltende Hitze ist ein Systemrisiko für Europa.“
Die Hitzewelle im Juni 2026 zählt zu den außergewöhnlichsten, die Europa
bislang erlebt hat. In zahlreichen Ländern wurden neue Temperaturrekorde
gemessen, vielerorts blieb es selbst nachts ungewöhnlich heiß – obwohl der
Juni in Mitteleuropa nicht als der wärmste Monat gilt. Ein
interdisziplinäres Forschungsteam des Center for Disaster Management and
Risk Reduction Technology (CEDIM) am Karlsruher Institut für Technologie
(KIT) hat untersucht, welche Ursachen und Auswirkungen die langanhaltende
Hitze für Wasserhaushalt, Energieversorgung, Infrastruktur und Gesundheit
hatte.
„Die Hitzewelle hat nicht nur Rekorde gebrochen – sie tat dies zeitgleich
über einen ungewöhnlich großen Teil Europas hinweg“, sagt Professor
Michael Kunz vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des KIT,
einer der Autoren des Berichts und Sprecher des CEDIM. „Allein in
Deutschland wurden an 252 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes
(DWD) neue Allzeitrekorde der Tageshöchsttemperaturen verzeichnet.
Europaweit zeigt unsere Analyse, dass die räumliche Ausdehnung der Juni-
Hitzewelle alles übertrifft, was seit Beginn der Wetteraufzeichnung in den
Datensätzen beobachtet wurde.“ Besonders bemerkenswert seien zudem die
außergewöhnlich hohen Nachttemperaturen gewesen, die Mensch und Umwelt
kaum Zeit zur Erholung ließen. „Die gesundheitlichen Folgen für die
Bevölkerung waren erheblich. Das Robert Koch-Institut geht von bis zu 5
200 Sterbefällen aus“, so Kunz.
Die Hitze blieb dabei nicht auf die Atmosphäre beschränkt, sondern wirkte
sich auch auf die Gewässer aus. Die Wassertemperatur vieler Flüsse stieg
auf kritische Werte, Sauerstoffmangel führte lokal zu Fischsterben, und
Niedrigwasser trat bereits Wochen früher auf als üblich. „Im Bereich der
Obermosel sank der Sauerstoffgehalt zeitweise auf nur noch 2,6 Milligramm
pro Liter; vorher lag er bei rund sechs Milligramm pro Liter. Gleichzeitig
überschritten Rhein und Mosel eine Wassertemperatur von über 28 Grad“,
sagt der Experte. „Solche Entwicklungen gefährden Ökosysteme,
beeinträchtigen die Schifffahrt und schränken die Nutzung der Flüsse als
Kühlwasserquelle für Industrie und Energiewirtschaft ein.“
Gerade dieses Zusammenspiel verschiedener Auswirkungen macht Hitzewellen
aus Sicht der Forschenden zu einem wachsenden Risiko. „Hitze erzeugt
Kaskadeneffekte. Während die Photovoltaikproduktion in Deutschland im
Untersuchungszeitraum vom 13. bis 29. Juni um rund 31 Prozent zunahm, ging
die Windstromerzeugung gleichzeitig um fast 29 Prozent zurück“, erklärt
Kunz. „Kommen diese Veränderungen mit niedrigen Flusspegeln und hohen
Kühlwassertemperaturen zusammen, die den Betrieb thermischer Kraftwerke
einschränken können, geraten mehrere Versorgungssysteme gleichzeitig unter
Druck.“ Aus den gemeinsam mit dem CEDIM-Team erarbeiteten Ergebnissen
zieht Kunz ein klares Fazit: „Genau diese Wechselwirkungen werden künftig
entscheidend sein. Anhaltende Hitze ist ein Systemrisiko für Europa.“
Ihre Untersuchung veröffentlichten die Forschenden in Form einer Forensic
Disaster Analysis (FDA): https://www.cedim.kit.edu/2926
Für Interviewwünsche oder weiterführende Informationen stellt der
Presseservice des KIT gern den Kontakt zu dem Experten her.
