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Abtauchen – früher im Badesee, heute hinter dem Handy? – DZPG-Experten warnen vor riskanter Nutzung sozialer Medien

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Ferienzeit – endlich raus aus Schule, Stundenplan und Leistungsdruck. Doch
für viele Kinder und Jugendliche bedeutet „Abtauchen“ heute nicht mehr
Badesee, sondern stundenlanges Verschwinden in TikTok, Instagram, Snapchat
und YouTube Shorts. Forschende des Deutschen Zentrums für Psychische
Gesundheit (DZPG) warnen: Soziale Medien können auf Schlaf, Selbstwert,
soziale Beziehungen und psychische Gesundheit wirken. Entscheidend ist
nicht nur, wie lange Jugendliche online sind, sondern was sie dort
erleben, und ob das digitale Leben das echte verdrängt. Dr. Isabel
Brandhorst vom DZPG erklärt, worauf Eltern achten sollten und wie ein
gesunder Umgang mit den Sozialen Medien gelingen kann.



Wenn der Feed das Feriengefühl bestimmt

Kein Wecker, keine Klassenarbeiten, kein frühes Aufstehen: Die
Sommerferien können eine Zeit sein, in der Kinder und Jugendliche zur Ruhe
kommen, Freunde treffen, kreativ werden, draußen unterwegs sind und neue
Energie sammeln. Doch gerade diese freie Zeit kann auch zur Risikophase
werden. Wenn der Tagesrhythmus wegfällt, Schlafenszeiten sich verschieben
und soziale Kontakte weniger selbstverständlich stattfinden, rücken
Smartphone und Social Media schnell in den Mittelpunkt.

„Viele Jugendliche nutzen Social Media nicht nur zur Unterhaltung. Es ist
ihr sozialer Raum: Dort finden Austausch, Zugehörigkeit, Anerkennung,
Vergleiche und Konflikte statt“, sagt Dr. Isabel Brandhorst, Leiterin der
Forschungsgruppe Internetnutzungsstörungen am DZPG-Standort Tübingen.
„Genau das kann aber problematisch werden. Wenn junge Menschen nicht mehr
bewusst entscheiden, wie lange sie online sind, sondern wenn der Feed den
Tag oder die Stimmung bestimmen, weil die konsumierten Inhalte nicht
unterhalten, sondern auch Druck ausüben.“

Social Media ist kein automatischer Krankmacher, aber auch nicht harmlos

Die Wissenschaftlerin warnt vor einfachen Antworten. „Social Media macht
nicht automatisch krank. Aber bestimmte Nutzungsmuster können psychische
Belastungen verstärken“, sagt Brandhorst. Besonders riskant sei eine
Nutzung, die passiv, lang, spät am Abend oder kaum noch kontrollierbar
ist. „Wer stundenlang scrollt, sich ständig vergleicht, nachts nicht
abschalten kann oder nach der Nutzung regelmäßig schlechter gelaunt ist
als vorher, sollte genauer hinschauen.“

Aktuelle Studien zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen intensiver oder
problematischer Social-Media-Nutzung und psychischen Belastungen wie
depressiven Symptomen, Körperunzufriedenheit, Ängsten und Schlafproblemen.
Zugleich ist wissenschaftlich wichtig: Ein Zusammenhang ist noch kein
Beweis für Ursache und Wirkung. Jugendliche, denen es psychisch schlecht
geht, nutzen soziale Medien häufig anders oder intensiver. Social Media
kann dann zugleich Rückzugsort, Ablenkung und Verstärker von Problemen
sein.

Die Ferien machen Unterschiede sichtbar

Ein Problem: Sommerferien sind Hochsaison für perfekte Bilder: Strand,
Reisen, neue Outfits, scheinbar riesige Freundeskreise. „Das Gehirn
vergleicht automatisch, gerade in der Jugend, wenn Selbstbild und
Identität noch in Entwicklung sind und Anerkennung und Prestige
überlebenswichtig erscheinen“, erklärt Brandhorst. „Social Media zeigt
aber selten den Durchschnitt. Es zeigt Ausschnitte, Highlights, Extreme
und Inhalte, die der Algorithmus einem vorschlägt. Das muss eingeordnet
werden, damit es nicht schadet.“ Denn diese Vergleiche können Selbstwert
und Körperbild belasten. Besonders betroffen sind Jugendliche, die stärker
zum sozialen Vergleich tendieren und ohnehin unsicher, einsam oder
psychisch belastet sind. „Wer schon mit Selbstzweifeln in die App geht,
kommt nach einer Stunde scheinbar perfekter Körper, Reisen und Beziehungen
nicht stabiler wieder heraus“, so Brandhorst.

Wenn Social-Media-Zeiten direkte synchrone menschliche Kontakte
verdrängen, droht außerdem Einsamkeit. Nicht nur, weil sich die Quantität,
sondern auch die Qualität der Beziehungen verringert. Kommunikation in
Social Media ist meist asynchron und sprachbasiert. Dabei vermitteln wir
emotionale Inhalte in der Kommunikation viel mehr durch unsere
Körpersprache als durch die Worte, die wir wählen. Gemeinsam Gefühle zu
teilen, schafft ein Gefühl echter Verbundenheit. Social-Media-
Kommunikation kann dieses Gefühl nicht in gleichem Maß hervorrufen, auch
nicht durch Emojis. Wir können also den ganzen Tag mit Freunden auf Social
Media chatten und Fotos oder Videos teilen und doch das Gefühl haben,
allein zu sein.

Was Eltern jetzt tun können

Dr. Brandhorst rät Eltern, Social Media und alle anderen Bildschirmmedien
in den Ferien zu begrenzen: „Die Verlockung, Langeweile mit leichten
Lösungen zu vertreiben, ist groß. Sind die Geräte erst mal an, fällt das
Abschalten schwer. Ein Teufelskreis der Trägheit und Langeweile beginnt.
Je älter die Kinder sind, desto wichtiger ist es, dass man gemeinsam
Regeln aushandelt, die auch beim Kind oder Jugendlichen auf Akzeptanz
stoßen. Gegen den Widerstand der Kinder kommt man nicht an“, so
Brandhorst. „Sie sind kreativ und finden ihre Schlupflöcher.“ Dabei weiß
sie durch ihre Beratung für Eltern im kostenfreien ISES! Kids
Onlinetraining (siehe unten), dass das Aushandeln und Umsetzen von Grenzen
leichter gesagt ist als getan.

Außerdem ist es wichtig, aktiv zu begleiten. Hilfreiche Fragen sind zum
Beispiel: Welche Accounts tun dir gut? Welche setzen dich unter Druck? Wie
fühlst du dich nach dem Scrollen? Kannst du aufhören, wenn du es dir
vorgenommen hast? Schläfst du schlechter, seit du abends länger online
bist? Was möchtest du außerhalb von Bildschirmmedien in den Ferien
erleben? Worauf hast du Lust, aber außerhalb der Ferien keine Zeit oder
Energie?

Gleichzeitig brauchen Kinder und Jugendliche ein attraktives „Real Life“:
„Das Gegenmittel zu problematischer Social-Media-Nutzung ist nicht nur
weniger Handy. Es ist mehr echtes Leben“, sagt Brandhorst. „Kinder und
Jugendliche brauchen Erfahrungen, in denen sie nicht bewertet, gelikt oder
verglichen werden, sondern etwas ausprobieren, lachen, sich bewegen,
dazugehören und auch mal scheitern können.“ Das ist nicht immer leicht,
wenn Kinder wenig Eigenmotivation mitbringen oder die Sozialkontakte in
der direkten Umgebung fehlen. Manchmal mangelt es an Freizeitmöglichkeiten
in der Region oder an den Ressourcen innerhalb der Familie,
Freizeitangebote zu organisieren. Das Kind in den Sommerferien dem
Bildschirm zu überlassen, ist manchmal die „leichtere“ Option. Eine
analoge Kindheit wird damit zum Luxusgut und hängt davon ab, wie viele
Ressourcen Familien zur Verfügung haben.

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Fünf Tipps für gesündere Social-Media-Ferien

1. Handy nicht im oder am Bett
Das Smartphone morgens, abends und nachts außerhalb des Schlafzimmers
laden. Ein echter Wecker hilft, das Handy aus der Einschlafphase
herauszuhalten.

2. Offline-Zeiten festlegen
Zum Beispiel beim Essen, bei Ausflügen, beim Schwimmen, beim Sport oder ab
einer bestimmten Uhrzeit am Abend.

3. Nicht nur Zeit, sondern Wirkung beobachten
Die wichtigste Frage lautet nicht nur: Wie lange warst du online? Sondern:
Wie geht es dir damit oder danach?

4. Den Feed aufräumen
Accounts entfolgen oder stummschalten, die Druck, Neid, Unsicherheit oder
Stress auslösen. Dafür bewusst Personen folgen, die einem guttun.

5. Echte Alternativen planen
Sport, Freunde, Ferienprogramm, Musik, Kreativität, Bewegung, Ausflüge –
Social Media wird weniger übermächtig, wenn der Alltag auch offline
attraktiv ist.

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Warnsignale: Wann Eltern aufmerksam werden sollten

• Das Kind kann nicht aufhören, obwohl es sich das vorgenommen hat.
• Es wirkt nach der Nutzung häufig traurig, gereizt, angespannt oder leer.
• Es schläft schlechter, weil es abends oder nachts lange online ist.
• Schule, Hobbys, Bewegung oder Freundschaften leiden.
• Es zieht sich stärker zurück, wirkt aber gleichzeitig stark ans Handy
gebunden.
• Es reagiert heftig, wenn die Nutzung angesprochen oder begrenzt wird.
• Es vergleicht sich stark mit anderen und wirkt dadurch unzufriedener mit
sich selbst.
• Es sucht häufig nach psychischen Symptomen oder Selbstdiagnosen.
• Es erlebt Cybermobbing, Ausgrenzung, sexualisierte Nachrichten oder
belastende Inhalte.
• Es wird unruhig oder ängstlich, wenn das Handy nicht verfügbar ist.

Einzelne Anzeichen bedeuten noch keine Störung. Entscheidend ist das
Muster – und ob Schlaf, Stimmung, Beziehungen, Schule oder Alltag spürbar
beeinträchtigt sind.

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Weiterführende Informationen

“Internetsucht: Eltern stärken! (ISES!)” sind Programme, die am
Universitätsklinikum Tübingen entwickelt und evaluiert wurden. Eltern
stehen zwei kostenfreie und anonym nutzbare Onlineangebote zur Verfügung:

• ISES! Kids – Medienerziehung meistern
• ISES! Teens – Sucht verstehen Eltern stärken

Weitere Informationen unter: http://www.elterntraining-internetsucht.de

Kinder ab 12 Jahren, die möglicherweise Symptome einer Computersucht
aufweisen, finden aktuell Hilfe im digitalen Training „Breaking the Game“,
das am Universitätsklinikum Tübingen entwickelt und aktuell im Rahmen
einer Studie erprobt wird.

Infos unter: http://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/internetsucht-online-
bruecke-bw