Strom und CO₂: Europäische Zusammenarbeit scheitert an den Grenzen im Kopf
Am 17. Juli stellt die Europäische Kommission ihre Vorschläge zur
Weiterentwicklung des Emissionshandels (EU ETS) vor. Auf Druck der
energie- und CO₂-intensiven Industrie zeichnet sich eine Abschwächung des
ursprünglich geplanten Preisanstiegs ab. Die Sorge: Wer seine Emissionen
nicht kostengünstig senken kann, verliert international den Anschluss.
Dabei lassen sich die Kosten der Dekarbonisierung deutlich senken, wenn
Europa seine beiden zentralen Hebel gemeinsam nutzt: die Elektrifizierung
industrieller Prozesse auf Basis günstigen Ökostroms und die Abscheidung
und Speicherung von CO₂ (CCS).
Beide funktionieren am besten als europäische Gemeinschaftsprojekte: Strom
fließt dorthin, wo er gebraucht wird, CO₂ dorthin, wo es sicher
gespeichert werden kann.
Doch ein aktueller Kiel Policy Brief
(https://www.kielinstitut.de/d
decarbonization-public-resista
co2-infrastructure-19967/) zeigt: Die entscheidende Hürde dafür liegt
weder in der Technik noch in der Finanzierung, sondern in den Köpfen der
Bürgerinnen und Bürger. Sobald Infrastrukturprojekte Landesgrenzen
überschreiten, sinkt die Zustimmung deutlich.
Grundlage der Analyse ist eine repräsentative Befragung von fast 10.000
Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden,
Norwegen und dem Vereinigten Königreich. Untersucht wurde, wie sich die
Zustimmung zu Stromnetz- und CO₂-Speicherprojekten verändert, wenn diese
national oder grenzüberschreitend organisiert sind.
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Nationale Infrastrukturprojekte
stoßen in allen untersuchten Ländern auf deutlich höhere Zustimmung als
Projekte, die den Austausch von Strom oder CO₂ über Landesgrenzen hinweg
vorsehen. Besonders kritisch werden Stromexporte ins Ausland und bei der
CO₂-Speicherung der Import und das Verpressen von CO₂ aus anderen Ländern
bewertet. Die Richtung des Akzeptanzverlustes hängt damit offenbar von der
Wahrnehmung des jeweiligen Gutes ab: Strom wird als wertvolle nationale
Ressource verstanden, CO₂ dagegen als unerwünschtes Abfallprodukt.
„Die Menschen lehnen Klimaschutz nicht ab. Aber Skepsis entsteht vor allem
dort, wo der Eindruck entsteht, dass andere Länder profitieren, während
Kosten, Risiken oder Verantwortung im eigenen Land verbleiben. Für
europäische Klimapolitik wird es deshalb entscheidend sein, diese
Verteilungsfragen frühzeitig und glaubwürdig zu adressieren“, sagt
Christine Merk (https://www.kielinstitut.de/d
/christine-merk/
Commons und Klimapolitik und Autorin des Kiel Policy Briefs „No trade for
decarbonization“.
Die Studie liefert auch Hinweise auf die Ursachen dieses sogenannten
„trade penalty“. Besonders ausgeprägt ist er bei Menschen, die
Energieversorgung oder Emissionsminderung als nationale Verantwortung
begreifen oder hohe Kosten grenzüberschreitender Infrastruktur befürchten.
Selbst Befragte mit hoher Sorge über den Klimawandel bevorzugen
überwiegend nationale Lösungen.
Die Ergebnisse haben unmittelbare Bedeutung für die aktuelle Debatte um
die Weiterentwicklung des EU ETS. Die Diskussion um eine Abschwächung des
CO₂-Preispfads unterstreicht die Bedeutung kosteneffizienter Wege zur
Dekarbonisierung der Industrie. Dazu zählen insbesondere CCS, CO₂-
Transport und der Ausbau europäischer Stromnetze – Vorhaben, die in hohem
Maße auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit angewiesen sind.
„Grenzüberschreitende Infrastruktur kann Dekarbonisierung günstiger und
effizienter machen. Entscheidend für die Akzeptanz ist aber, dass Politik
und Projektträger den konkreten Nutzen für Bürgerinnen und Bürger im
jeweiligen Land erklären, etwa für Versorgungssicherheit, Preisstabilität
oder wirtschaftliche Chancen. Zugleich braucht es transparente Regeln
dafür, wie Kosten, Nutzen und Verantwortung zwischen den beteiligten
Staaten verteilt werden“, fasst Christine Merk die Politikempfehlungen aus
dem Kiel Policy Brief zusammen.
Jetzt Kiel Policy Brief lesen: No trade for decarbonization. Public
Resistance to Cross-Border Electricity and CO₂-
Infrastructure/https://www.kie
decarbonization-public-resista
co2-infrastructure-19967/
