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Wenn der Hörsaal bebt – wegen eines Kinderbuchs

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Der zweite Siegener Kinderbuchpreis geht an den Berliner Autor Benjamin
Tienti. Mehr als 350 Kinder aus Grundschulen im Kreis Siegen-Wittgenstein
wählten sein Buch „Wer schnappt Ronaldo?“ zu ihrem Favoriten. Sie lobten
die Geschichte als „cool und spannend“ und machten den Autor damit zum
Preisträger der gemeinsamen Auszeichnung von Universität Siegen,
Bürgerstiftung Siegen und Siegener Zeitung.

Bei diesem Applaus zittern die Stuhlreihen im Friedrich-Schadeberg-Hörsaal
der Universität Siegen. Und Applaus gibt es reichlich. Es wird geklatscht,
getrommelt, getrampelt. Und dabei geht es – um ein Buch! Ein Buch, an das
offensichtlich mehrere Hundert Kinder ihr Herz verloren haben, denn sie
jubeln laut, als verkündet wird, dass Benjamin Tienti für „Wer schnappt
Ronaldo?“ den Siegener Kinderbuchpreis erhält.  Für ihn hatten sie
mehrheitlich abgestimmt. Sein Buch sei „spannend und cool“ – und das
obwohl, oder vielleicht gerade weil, darin auch „viele böse Wörter“
vorkommen.

„Benjamin, Benjamin“ rufen einige. Eine Preisverleihung mit einem Hauch
von Popkonzert. Der Autor freut sich sichtlich. Allzu viele Preise für
Kinderbücher gebe es schließlich nicht. Entsprechend stolz nimmt er die
Auszeichnung entgegen und hat sein junges Publikum im Handumdrehen für
sich gewonnen. Weil er ihre Sprache spricht. Weil er nah an der Lebenswelt
von Kindern ist. Und weil er weiß, dass langes Stillsitzen irgendwann
schwerfällt. Tienti ist nicht nur Autor viele Kinderbücher, sondern auch
Schulsozialarbeiter in Berlin. Bevor er aus seinem Buch liest, bittet er
die Kinder deshalb erst einmal aufzustehen, sich zu schütteln und zu
hüpfen.

Alle machen mit: die Lehrkräfte der neun beteiligten Grundschulen ebenso
wie die Mitglieder der Jury, die den Siegener Kinderbuchpreis ins Leben
gerufen haben und ihn nun bereits zum zweiten Mal vergeben. Dr. Jana
Mikota, Wissenschaftlerin und Expertin für Kinder- und Jugendliteratur an
der Universität Siegen, freut sich sichtlich über die Begeisterung der
Kinder: „Der größte Dank geht an Euch, denn Ihr habt fleißig gelesen, heiß
diskutiert und abgestimmt.“ Von dieser Resonanz würden auch Studierende
profitieren, die als künftige Lehrerinnen und Lehrer erfahren, welche
Kinderliteratur „ankommt“ und wie Kinder Geschichten und Sprache bewerten
und wahrnehmen.

Beim Siegener Kinderbuchpreis wählt eine ehrenamtliche Jury aus
Neuerscheinungen drei Kinderbücher aus. Anschließend lesen die vierten
Klassen die Bücher, wählen ihren Favoriten und geben ihre Beurteilungen an
die Jury, in der auch Kinder sitzen, weiter.

Dr. Barbara Müller-Naendrup, Prorektorin für Lehrkräfte, Weiterbildung und
Nachhaltigkeit, betonte, dass das Projekt inzwischen eine beeindruckende
Dynamik entwickelt habe. Die Zahl der teilnehmenden Schülerinnen und
Schüler habe sich nahezu verdoppelt. Sie dankte der Bürgerstiftung Siegen,
die es ermöglicht, allen Kindern die Bücher zur Verfügung zu stellen.

Für Dr. Gisela Labenz, Jurymitglied von der Bürgerstiftung, ist der Preis
ein „Herzensprojekt“. Bücher, sagt sie, machten glücklich. Sie erinnert
sich an die Heldin ihrer Kindheit: Pippi Langstrumpf. Und auch wenn die
Welt von Nivin in „Wer schnappt Ronaldo?“ wenig mit der Villa Kunterbunt
zu tun hat, sondern Mietshaus-Leben mitten in Berlin beschreibt, seien
sich die beiden Heldinnen doch ähnlich: mutig, stark, klug und
lebenslustig.

Der Autor Benjamin Tienti zwinkert den Kindern zu. „Vor so einer großen
Gruppe zu stehen, die alle mein Buch gelesen haben, macht mich total
fröhlich.“ Dass die Figuren in seinem Buch reden, wie sie reden, liege
daran, dass er als Erwachsener Kindern keine Welt vormachen wolle, die es
so nicht gibt. „Ihr fragt, warum es böse Wörter gibt, in meiner
Geschichte. Weil man diese Wörter auf jedem Schulhof hört, weil Kinder sie
eben benutzen.“

Während er noch ein paar Kapitel aus seinem Buch liest, lässt er immer mal
wieder den Blick durch die Reihen schweifen. Wird es unruhig? Überfordert
er die Ausdauer? Sind die ganz hinten auch noch dabei? Sie sind es. Viele
lesen mit und man sieht den Büchern an, dass viel ihn ihnen geblättert
wurde. „Ihr hört sehr gut zu. Da kann ich noch ein Kapitel lesen, wa?“,
berlinert er ein wenig.

Zum Schluss dürfen die Kinder nach vorne kommen und sich ein Autogramm von
Benjamin Tienti holen. Jana Mikota hat extra Lesezeichen mitgebracht, die
die Kinder signieren lassen können. Aber viele holen ihr „Ronaldo-Buch“
raus und möchten, dass Benjamin Tienti hineinschreibt. Eine besondere
Erinnerung an einen besonderen Tag, und es dauert eine ganze Weile, bis
das letzte Exemplar zugeklappt wird.