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Deutschland ist für Winter gebaut – nicht für Hitzewellen

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Hitze ist wie ein Erdbeben – nur dass ihr Zerstörungspotenzial weitgehend
unsichtbar bleibt. Sie hinterlässt keine eingestürzten Häuser. Keine
zerstörten Straßen. Keine Bilder, die am nächsten Tag um die Welt gehen.
Und doch forderte sie nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI)
allein bis Ende Juni bereits mehr als 5.000 Menschenleben – mehr als in
den beiden Sommern 2024 und 2025 zusammen. Besonders betroffen sind
hochbetagte, gebrechliche und mehrfacherkrankte Menschen. Für die Deutsche
Gesellschaft für Geriatrie (DGG) zeigen diese Zahlen: Deutschland muss
Hitzeschutz neu denken – nicht erst in der Medizin, sondern schon bei der
Planung von Pflegeheimen, Kliniken und Wohnraum.



„Wir haben unsere Gebäude jahrzehntelang vor allem darauf optimiert, im
Winter möglichst wenig Wärme zu verlieren. Jetzt müssen wir den
Wärmeschutz gleichrangig mitdenken und Räume so gestalten, dass sie sich
im Sommer auch möglichst wenig aufheizen“, sagt Filippo Maria Verri vom
Institut für Geriatrische Forschung der Universität Ulm. Der
Altersmediziner mit Public-Health-Hintergrund beschäftigt sich mit einer
Frage, die weit über die Geriatrie hinausgeht: Wie müssen Städte,
Quartiere und Gebäude künftig gestaltet werden, damit ältere Menschen
gesund durch heiße Sommer kommen? Im Forschungsprojekt KLEVER verbindet
Verri gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP und der
Technischen Hochschule Ulm physiologische Daten mit Raumklimadaten, um
praxistaugliche Strategien für Bestands- und Neubauten zu entwickeln.

Nicht neu bauen – anders denken

Nicht jedes Pflegeheim und nicht jede Klinik können in den nächsten Jahren
grundlegend umgebaut werden. Das sei nicht überall sofort notwendig,
betont Verri. Viele Maßnahmen ließen sich bereits heute schrittweise
umsetzen.

„Wir müssen nicht alles auf einmal machen. Zunächst sollten wir dort
ansetzen, wo die Belastung am größten ist: in Zimmern auf der Süd- oder
Westseite, unter dem Dach oder in Bereichen mit großen Fensterflächen“, so
Verri. Der erste Schritt ist oft keine Großbaustelle, sondern eine
systematische Erfassung der Raumtemperaturen: Welche Räume überhitzen wann
und welche besonders vulnerablen Menschen halten sich dort auf?
Außenliegende Verschattung, Sonnenschutzfolien oder Markisen könnten
verhindern, dass sich Räume überhaupt stark aufheizen. Auch begrünte
Außenbereiche, eine kluge Lüftungsstrategie oder die zeitweise Nutzung
kühlerer Räume könnten die Belastung deutlich reduzieren.

„Besonders kritisch sind Tropennächte, in denen die Temperatur nicht unter
20 Grad sinkt“, weiß Verri aus der Forschung. „Wenn Außenluft und
Gebäudehülle kaum abkühlen, kann gespeicherte Wärme nicht abgeführt
werden, und älteren Menschen fehlt die physiologisch wichtige
Erholungsphase. Wir müssen nicht jeden Quadratmeter klimatisieren. Aber in
Hochrisikobereichen kann gezielte technische Kühlung Leben retten!“, ist
ihm deshalb wichtig zu betonen. Langfristig müsse Hitzeschutz jedoch
selbstverständlich Teil jeder Planung werden – genauso wie
Energieeffizienz oder Barrierefreiheit.

Was Deutschland vom Süden lernen kann

Filippo Verri ist in Süditalien aufgewachsen. Dort gehört der Umgang mit
extremer Sommerhitze seit Generationen zum Alltag. „In Süditalien erkennt
man die Touristen sofort – sie laufen mittags in der Sonne herum.“

Fensterläden schließen, Gebäude verschatten, Aktivitäten in die kühleren
Morgen- und Abendstunden verlegen oder Aufenthaltsorte gezielt anpassen –
Deutschland muss diese Lebensweise nicht kopieren. Von den Erfahrungen
lässt sich trotzdem lernen. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden“, ist
Verri überzeugt, „sondern lediglich Bekanntes auf unsere Bedingungen
übertragen.“

Eine Aufgabe für eine alternde Gesellschaft

Für Prof. Michael Denkinger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für
Geriatrie (DGG), reichen kurzfristige Maßnahmen allein nicht aus. Die
aktuellen Zahlen des Robert Koch-Instituts zeigten deutlich, wen
Hitzewellen besonders treffen.

„Vor allem hochbetagte und mehrfacherkrankte Menschen tragen das größte
gesundheitliche Risiko. Genau diese Menschen versorgen wir als
Geriaterinnen und Geriater jeden Tag. Mit Blick auf eine alternde
Gesellschaft müssen wir deshalb heute beginnen, Hitzeschutz
selbstverständlich mitzudenken – in Pflegeheimen, Kliniken, Wohnungen und
unseren Städten.“ Langfristige Investitionen und kurzfristige,
pragmatische Maßnahmen seien dabei keine Gegensätze. „Wir brauchen
beides!“, so der Altersmediziner.

Die Sommer werden heißer. Entscheidend wird deshalb nicht allein sein, wie
hoch das Thermometer steigt – sondern wie gut Deutschland seine ältesten
und verletzlichsten Menschen schützt.

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Hinweis für die Redaktion

Filippo Maria Verri stellt seine aktuellen Forschungsergebnisse zum
Zusammenhang von Hitze, Alter und klimaresilienter Infrastruktur auf dem
gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) vom
24. bis 26. September 2026 in Frankfurt am Main vor.

•       Symposium am Freitag, den 25. September 2026 | 11 bis 12.15 Uhr |
Hörsaal 4
•       Alter(n) im Klimawandel: Interdisziplinäre Perspektiven auf
Gesundheit, Versorgung und Alltagsbewältigung
•       Link: https://www.gerontologie-geriatrie-
kongress.org/programm/freitag/session/slot-322.html

Journalistinnen und Journalisten sind herzlich eingeladen, sich für den
Kongress zu akkreditieren und mit den beteiligten Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern ins Gespräch zu kommen. E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.