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CISPA-Forscher warnt vor pauschalen Lösungen zur Altersverifikation im Internet

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Eine umfassende Analyse von Technologien zur Altersfeststellung, an der
CISPA-Faculty Dr. Wouter Lueks mitgewirkt hat, kommt zu dem Schluss, dass
viele der derzeit diskutierten Systeme zum Schutz Minderjähriger im
Internet erhebliche Spannungsfelder in Bezug auf Datenschutz, Sicherheit,
Zugänglichkeit und Bürgerrechte mit sich bringen. Die Studie „Assessing
Age Assurance Technologies: Effectiveness, Side-Effects, and Acceptance“,
die gemeinsam mit Forschenden der Universität Hamburg und des Leibniz-
Instituts für Medienforschung durchgeführt wurde, bewertet eine Vielzahl
von Ansätzen, die derzeit weltweit von politischen Entscheidungsträgern
und Plattformbetreibern diskutiert werden.

Technologien zur Altersfeststellung (Age Assurance Technologies, AATs)
haben in der Debatte um den Schutz von Kindern und Jugendlichen im
Internet zuletzt große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. „In der
Gesellschaft besteht die Überzeugung, dass wir Kinder vor Gefahren im
Internet schützen müssen“, erklärt CISPA-Faculty Dr. Wouter Lueks.
„Während sich diese Diskussion früher vor allem auf altersbeschränkte
Inhalte wie Glücksspiel und Pornografie konzentrierte, umfasst sie
inzwischen ein deutlich breiteres Spektrum von Diensten, darunter soziale
Netzwerke und andere potenziell schädliche Inhalte.“ Vor diesem
Hintergrund analysierten Lueks und seine Kolleg:innen verschiedene
technologische Architekturen und regulatorische Ansätze, die sich in
Europa, dem Vereinigten Königreich und weiteren Rechtsräumen herausbilden.
Die Studie zeigt: Zwar können einige der untersuchten Verfahren ein hohes
Maß an Sicherheit bei der Altersfeststellung bieten, doch gehen strengere
Formen der Verifikation häufig mit größeren gesellschaftlichen Belastungen
einher.

Unterschiedliche Ansätze zur Altersfeststellung

In ihrem Paper unterscheiden die Autor:innen vier grundlegende Ansätze zur
Altersfeststellung: elterliche Kontrolle und Zustimmung auf dem Endgerät,
Altersschätzung, Altersableitung und Altersverifikation. Beim ersten
Ansatz konfigurieren Eltern die Geräte ihrer Kinder so, dass der Zugriff
auf bestimmte Apps oder Websites erlaubt oder blockiert wird. „Bei der
Altersableitung werden Systeme eingesetzt, die Verhaltensmuster,
gegebenenfalls über einen längeren Zeitraum hinweg, analysieren, um
Rückschlüsse auf das Alter einer Person zu ziehen“, erläutert Lueks. „Die
Altersschätzung hingegen nutzt beispielsweise Selfies oder andere
Informationen, um das Alter einer Person zu schätzen.“ Die
Altersverifikation stützt sich schließlich auf amtliche Dokumente oder
vertrauenswürdige Quellen, um das Alter der Nutzenden festzustellen. Die
Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass sich diese Ansätze nicht nur
hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit bei der Altersbestimmung deutlich
unterscheiden, sondern auch in ihren Auswirkungen auf Datenschutz,
Sicherheit, Barrierefreiheit und Grundrechte.

Unbeabsichtigte Folgen und schädliche Nebenwirkungen

Die Ergebnisse von Lueks und seinen Kolleg:innen legen nahe, dass
strengere Maßnahmen zur Altersfeststellung häufig mit umfassenderen
gesellschaftlichen Belastungen verbunden sind. Je nach Ansatz können dazu
die Erhebung und Speicherung sensibler persönlicher oder biometrischer
Daten, eine verstärkte Nachverfolgung und Profilbildung von Nutzer:innen,
die Ausgrenzung von Personen ohne geeignete Ausweisdokumente sowie
verzerrte oder fehlerhafte Bewertungen gehören. Insbesondere Systeme zur
Altersableitung, die Online-Verhalten analysieren, um das Alter von
Personen zu bestimmen, könnten großflächige Überwachung normalisieren,
obwohl sie nur begrenzte Sicherheit bieten. Mit Ausnahme der elterlichen
Kontrolle und Zustimmung auf dem Endgerät verhindert zudem keines der
untersuchten Verfahren wirksam eine Umgehung durch den Einsatz von VPN-
Diensten. Daher erweist sich keine einzelne Lösung als für alle
Anwendungsfälle gleichermaßen geeignet. Eine weitergehende Sorge betrifft
die Möglichkeit von Zensur. „Derzeit besteht das erklärte Ziel darin,
Kinder vor schädlichen Inhalten wie sozialen Medien zu schützen“, sagt
Lueks. „Morgen könnten dieselben Systeme genutzt werden, um den Zugang zu
Online-Spielen, LGBT+-Inhalten, politischen Informationen oder bestimmten
Büchern einzuschränken.“

Weniger invasive Lösungen für einen umfassenden Schutz

Auf Grundlage ihrer Analyse fordern Lueks und seine Kolleg:innen
politische Entscheidungsträger dazu auf, die verschiedenen Systeme zur
Altersfeststellung differenziert zu betrachten, anstatt sie als
gleichermaßen akzeptabel oder wirksam einzustufen. Stattdessen schlagen
sie einen abgestuften Bewertungsrahmen vor, der die Wirksamkeit eines
Systems gegen seine gesellschaftlichen Nebenwirkungen und seine
Auswirkungen auf Grundrechte abwägt. „Da diese Systeme alle Menschen
betreffen und sich vergleichsweise leicht umgehen lassen, sprechen wir uns
für weniger eingriffsintensive Lösungen aus“, erklärt Lueks. „Unsere
bevorzugte Lösung ist die elterliche Kontrolle und Zustimmung auf dem
Endgerät.“ Dieser Ansatz sei zwar nicht perfekt, verursache jedoch weniger
negative externe Effekte, da er nicht die gesamte Bevölkerung
gleichermaßen betreffe. „Eine zweite Möglichkeit ist eine
datenschutzfreundliche Altersverifikation direkt auf dem Endgerät als
zusätzliche Schutzebene“, so Lueks weiter. „Unsere dritte Präferenz sind
ausweisbasierte Wallet-Lösungen mit starken Datenschutzgarantien.“

Lueks betont, dass es ihm nicht darum gehe, Maßnahmen zum Schutz von
Kindern und Jugendlichen grundsätzlich abzulehnen: „Der Schutz von
Minderjährigen im Internet ist essenziell. Maßnahmen müssen jedoch
verhältnismäßig sein, die Privatsphäre wahren und sich realistisch in
großem Maßstab umsetzen lassen, ohne neue Risiken für die gesamte
Bevölkerung zu schaffen.“ Die Autor:innen unterstreichen zudem, dass
technische Maßnahmen allein die zugrunde liegenden gesellschaftlichen
Herausforderungen im Zusammenhang mit der Online-Nutzung durch
Minderjährige kaum vollständig lösen können. Wirksamer Kinder- und
Jugendschutz erfordere vielmehr eine Kombination aus technischen
Schutzmechanismen, Verantwortung der Plattformen, Unterstützung durch
Eltern, Bildung und geeigneten politischen Rahmenbedingungen. Mit ihrem
Paper leisten die Forschenden einen wichtigen Beitrag zur aktuellen
Debatte, indem sie die Vor- und Nachteile bestehender technologischer
Lösungen systematisch analysieren.