Buch „Wohlbefinden und psychische Gesundheit in Schule und Unterricht“ erschienen
„Wohlbefinden und psychische Gesundheit in Schule und Unterricht“ heißt
ein neues Buch, das gerade im Springer-Verlag erschienen ist.
Herausgegeben wurde es von Wissenschaftler:innen aus den Bereichen
Klinische Psychologie (Prof. Dr. Julian Schmitz) und
Bildungswissenschaften der Universität Leipzig (Prof. Dr. Henrik Saalbach,
Dr. Franziska Greiner-Döchert) sowie aus den Kommunikationswissenschaften
der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (Prof. Dr. Eva
Baumann).
Die Neuerscheinung richtet sich vor allem an Lehrkräfte, Schulleitungen,
Schulsozialarbeiter:innen, Schulpsycholog:innen sowie an Personen in der
Lehrkräftebildung, Schulentwicklung und Bildungsverwaltung. Ziel der
Autor:innen war es, ein wissenschaftlich fundiertes und zugleich
praxisnahes Werk zu verfassen, das Orientierung gibt und konkrete
Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.
„Wir möchten zeigen, dass Wohlbefinden und psychische Gesundheit keine
Zusatzthemen neben dem Bildungsauftrag der Schule sind. Kinder und
Jugendliche lernen besser, wenn sie sich sicher, zugehörig, unterstützt
und selbstwirksam erleben“, sagt Professor Schmitz.
Umgekehrt könne guter Unterricht Wohlbefinden stärken, weil er
Orientierung gibt, Beteiligung ermöglicht, Lernfortschritte sichtbar macht
und unnötige Beschämung vermeidet. „Lernen, Leistung und
Unterrichtsqualität stehen klassischerweise stark im Fokus von Schule. Das
gilt für das Wohlbefinden nicht immer in gleichem Maße“ resümiert
Professor Saalbach. Dabei seien gute Schule und guter Unterricht selbst
eine wirksame Form der Verhältnisprävention.
„Viele Lehrkräfte haben im Schulalltag ein gutes Gespür dafür, wenn es
Schüler:innen nicht gut geht – etwa wenn sie sich zurückziehen, häufig
fehlen, erschöpft wirken oder sich ihr Verhalten deutlich verändert.
Gleichzeitig ist diese Aufgabe anspruchsvoll. Lehrkräfte sind keine
Psychotherapeut:innen und sollen keine Diagnosen stellen“, betont
Franziska Greiner-Döchert. Lehrer:innen bräuchten aber ein Grundwissen
über Warnsignale, Gesprächsführung und Hilfswege. Wie zentral ihre Rolle
ist, zeigten auch die Daten des Deutschen Schulbarometers 2024: Wenn
Familien wegen psychischer Belastungen ihrer Kinder Hilfe suchen, sind
Lehrkräfte häufig die ersten Ansprechpartner:innen.
Beim Fördern von Wohlbefinden können Lehrkräfte nach Ansicht der
Autor:innen viel bewirken: durch gute Beziehungen, emotionale
Unterstützung, klare Struktur, konstruktives Feedback und einen
wertschätzenden Umgang mit Fehlern im Unterricht, der Selbstwirksamkeit
ermöglicht. Gleichzeitig dürfe diese Verantwortung nicht allein bei
einzelnen Lehrkräften liegen. Es brauche Zeit, Ressourcen,
multiprofessionelle Teams und eine gute Vernetzung mit Schulpsychologie,
Jugendhilfe und Gesundheitswesen.
Thema schulisches Wohlbefinden verbindlicher in Lehrer:innenbildung
verankern
In der Lehrer:innenbildung spielt das Thema zwar eine Rolle, ist aber nach
Ansicht von Professor Saalbach und Dr. Greiner-Döchert noch nicht
systematisch genug implementiert, wie auch eine aktuelle Recherche der
Arbeitsgruppe zeigt. Themen wie Heterogenität, Inklusion, Klassenführung
oder Beratung sind vermehrt Inhalte der Lehrkräftebildung. „Wohlbefinden,
psychische Gesundheit, psychische Belastungen und der Umgang mit Krisen
müssten aus meiner Sicht aber verbindlicher verankert werden. Angehende
Lehrkräfte sollten lernen, wie Unterrichtsqualität und Wohlbefinden
zusammenhängen, wie man Belastungen erkennt, stigmatisierungsarm über
psychische Gesundheit spricht und passende Hilfswege vermittelt“,
erläutert Saalbach.
Das Deutsche Schulbarometer Schüler:innen 2025/26 zeigt, dass sich etwa 16
Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schule wenig wohlfühlen.
Gleichzeitig berichten 26 Prozent von geringer Lebensqualität und 25
Prozent zeigen psychische Auffälligkeiten beziehungsweise liegen im
Grenzbereich. Im Jahr 2024 lag dieser Anteil psychisch belasteter
Schüler:innen noch bei 21 Prozent. Diese Zahlen werden Schmitz zufolge
durch viele Faktoren geprägt – Familie, Armut, soziale Beziehungen,
gesellschaftliche Krisen, Freizeit, digitale Medien oder körperliche
Gesundheit. Schule sei nicht allein verantwortlich für psychische
Belastungen. Sie erreiche aber nahezu alle Kinder und Jugendlichen täglich
und könne zentrale Schutzfaktoren stärken: Zugehörigkeit,
Selbstwirksamkeit, verlässliche Beziehungen, klare Strukturen und das
Gefühl, mit Schwierigkeiten nicht allein zu sein.
Fallbeispiel: Stark belastete Schülerin mit Prüfungsangst
Ein praxisnahes Fallbeispiel im Buch skizziert die Situation einer
Schülerin, die früher aktiv mitgearbeitet hat, sich aber seit einiger Zeit
zurückzieht. Sie meldet sich kaum noch, fehlt häufiger, wirkt erschöpft
und reagiert gereizt. Zunächst wird das vielleicht als Desinteresse oder
mangelnde Motivation gedeutet. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber,
dass sie stark belastet ist: Sie schläft schlecht, hat Prüfungsangst,
fühlt sich sozial ausgeschlossen und traut sich nicht, Hilfe zu suchen.
„Solche Fälle zeigen, worum es uns geht: Nicht jede Veränderung ist gleich
eine psychische Erkrankung. Aber Schule muss mögliche Hinweise auf eine
psychische Belastung frühzeitig wahrnehmen, ohne vorschnell zu
pathologisieren. Eine Lehrkraft kann dann eine wichtige Brücke sein –
durch ein ruhiges Gespräch, Entlastung, Einbindung von Schulsozialarbeit
oder Schulpsychologie und gegebenenfalls durch Hinweise auf weitere
Hilfsangebote“, sagt Schmitz.
An dem Buch haben 47 Autor:innen aus Psychologie, Pädagogik,
Kommunikationswissenschaft, Schulpraxis und Schulentwicklung mitgewirkt.
Es umfasst 14 Kapitel. Die Themen reichen von schulischem Wohlbefinden,
Beziehungsgestaltung, Unterrichtsqualität und Lehrkräftegesundheit über
multiprofessionelle Kooperation bis hin zum Erkennen psychischer
Erkrankungen, Traumata, Stigmatisierung, psychosozialen Hilfsangeboten,
Mental Health Literacy und schulischen Präventionsprogrammen. Das Werk
verbindet damit Grundlagenwissen, Forschung, Versorgungsperspektiven und
konkrete Praxisbeispiele.
