Sachsen-Anhalt vor der Wahl: Entscheidend ist nicht, wer gewinnt
Prof. Dr. Lukas Stötzer, Wahlforscher an der Universität Witten/Herdecke,
erklärt, warum Sachsen-Anhalt zum Testfall für eine neue Realität im
deutsche Parteiensystem werden könnte.
• AfD mit hoher Wahrscheinlichkeit stärkste Kraft
• Absolute Mehrheit derzeit eher unwahrscheinlich
• Koalitionsbildung als entscheidende Frage
Eine Partei gewinnt die Wahl – und regiert am Ende trotzdem nicht. Was auf
den ersten Blick widersprüchlich klingt, könnte bei der Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt Realität werden. Nach aktuellen wissenschaftlichen
Prognosen des Wahlforschers Prof. Dr. Lukas Stötzer von der Universität
Witten/Herdecke (UW/H) hat die AfD eine hohe Wahrscheinlichkeit, stärkste
Kraft im Landtag zu werden. Ob daraus auch Regierungsverantwortung
entsteht, hängt jedoch von einer anderen Frage ab: Welche Parteien können
gemeinsam eine Mehrheit bilden?
Stötzer und sein Forschungsteam entwickeln wissenschaftliche Wahlmodelle,
die über klassische Umfragen hinausgehen: Sie berechnen nicht nur mögliche
Stimmenanteile, sondern auch Wahrscheinlichkeiten für unterschiedliche
Wahlausgänge und machen die Unsicherheit solcher Prognosen transparent.
Anders als eine Umfrage, die eine Momentaufnahme der aktuellen Stimmung
abbildet, simulieren die Modelle zahlreiche mögliche Wahlverläufe und
zeigen, welche Ergebnisse besonders wahrscheinlich sind. Dabei
berücksichtigen sie die statistische Unsicherheit, die mit jeder Prognose
verbunden ist. Die Modelle werden erstmals auch für Landtagswahlen auf der
Plattform zweitstimme.org veröffentlicht.
Prognosen zeigen Wahrscheinlichkeiten – geben aber keine Gewissheit
Aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die AfD stärkste Kraft wird,
bei 93 Prozent. Eine absolute Mehrheit ist dagegen deutlich
unwahrscheinlicher. Je nach Entwicklung bis zum Wahltag bewegen sich die
möglichen Stimmenanteile der Partei derzeit zwischen rund 30 und 46
Prozent.
Der entscheidende Punkt: Ein hoher Stimmenanteil bedeutet in einer
parlamentarischen Demokratie nicht automatisch Regierungsverantwortung.
Dafür braucht es Mehrheiten im Parlament – und damit Koalitionspartner.
Die eigentliche Herausforderung beginnt nach der Wahl
Für Stötzer liegt die eigentliche Herausforderung deshalb nicht allein im
Wahlergebnis, sondern in der Regierungsbildung danach. „Aus der Forschung
wissen wir, dass Wahlerfolge die Zufriedenheit mit der Demokratie zunächst
stärken können. Wenn eine Partei trotz eines starken Ergebnisses nicht an
der Regierung beteiligt ist, könnte dieser Effekt jedoch kippen“, erklärt
er. Gerade für Wähler:innen, die ihre Partei als politische Alternative
sehen, könne dadurch der Eindruck entstehen, dass ein Wahlergebnis keine
tatsächlichen politischen Folgen habe.
In einer zunehmend vielfältigen Parteienlandschaft werde die Fähigkeit zur
Koalitionsbildung immer wichtiger „Koalitionen sind kein Zeichen
politischer Schwäche, sondern ein zentraler Bestandteil demokratischer
Entscheidungsfindung.“, sagt Stötzer.
Eine Landtagswahl mit Folgen über Sachsen-Anhalt hinaus
Zwar entscheidet eine Landesregierung zunächst über die Politik im eigenen
Bundesland. Gleichzeitig wirken die Länder über den Bundesrat an
zahlreichen Gesetzen mit und arbeiten etwa in der Hochschulpolitik, der
Inneren Sicherheit oder der Wissenschaft eng zusammen. Veränderungen in
einem Bundesland können deshalb auch Auswirkungen auf politische
Mehrheiten und Abstimmungsprozesse auf Bundesebene haben.
„Eine AfD-geführte Landesregierung könnte Entscheidungen im Bundesrat
beeinflussen oder Abstimmungen zwischen den Ländern erschweren“, sagt
Stötzer.
Für Stötzer ist Sachsen-Anhalt deshalb auch über das Bundesland hinaus
interessant: „Die Wahl zeigt, wie sich ein Parteiensystem verändert, wenn
einzelne Parteien sehr stark werden, gleichzeitig aber klassische
Mehrheiten schwieriger entstehen.“ Die entscheidende Frage sei dann nicht
nur, welche Partei die meisten Stimmen erhalte, sondern auch, welche
Regierungsbündnisse anschließend möglich seien.
Damit könnte Sachsen-Anhalt zu einem Beispiel für eine Entwicklung werden,
die künftig auch andere Parlamente beschäftigen dürfte: In einer
vielfältigeren Parteienlandschaft wird die Bildung stabiler Mehrheiten zu
einer der zentralen Herausforderungen demokratischer Politik.
Weitere Informationen:
Am 6. September 2026 wählen die Bürger:innen in Sachsen-Anhalt einen neuen
Landtag. Prof. Dr. Lukas Stötzer steht für Interviews und Einschätzungen
rund um die Wahl zur Verfügung.
Mögliche Themen:
• Einordnung aktueller Wahlprognosen und ihrer Unsicherheiten
• Bedeutung eines starken Abschneidens einzelner Parteien
• Mögliche Koalitionsoptionen und Regierungsbildung
• Folgen der Wahl für das deutsche Parteiensystem
