„Ein Verbot aus dem Affekt trifft die Falschen und bremst Innovation“
Heimliche Aufnahmen mit Smart Glasses sind ein reales Problem. Ein Verbot
der Geräte wäre aus Sicht des Technologieforschers Prof. Dr. Philipp A.
Rauschnabel von der Universität der Bundeswehr München dennoch der falsche
Weg. Es würde eine Technologie blockieren, die Menschen im Alltag
unterstützt, Inklusion fördern kann und sich zu einer neuen Computing-
Plattform entwickeln könnte. „Der Nutzen dieser Geräte wird unterschätzt!“
Ein Verbot der Geräte wäre aus Sicht des Technologieforschers Prof. Dr.
Philipp A. Rauschnabel von der Universität der Bundeswehr München dennoch
der falsche Weg. Es würde eine Technologie blockieren, die Menschen im
Alltag unterstützt, Inklusion fördern kann und sich zu einer neuen
Computing-Plattform entwickeln könnte. „Der Nutzen dieser Geräte wird
unterschätzt!“
Anlass der Debatte sind einige Influencer, die mit Smart Glasses ungefragt
Menschen, überwiegend Frauen, gefilmt und die Aufnahmen ins Netz gestellt
haben. „Menschen heimlich zu filmen und bloßzustellen, ist nicht
akzeptabel, unabhängig davon, ob dafür eine Brille, ein Smartphone oder
eine Knopfkamera verwendet wird“, sagt Rauschnabel. „Aber solange solche
Videos Nutzerreaktionen erzeugen, belohnen die Plattformalgorithmen genau
dieses Verhalten. Das Problem ist nicht die Brille, sondern eine
Plattformlogik, die Missbrauch mit Aufmerksamkeit belohnt.“
NICHT DIE BAUFORM IST DAS PROBLEM
Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit hat
die Debatte zuletzt mit der Frage befeuert, dass bestimmte Smart Glasses
unter das Verbot getarnter Aufnahmegeräte nach § 8 TDDDG fallen könnten.
Über ein solches Geräteverbot entscheidet allerdings nicht die
Datenschutzbehörde, sondern die Bundesnetzagentur. Sie beschäftigt sich
seit Jahren mit versteckten Aufnahmegeräten und prüft bei Smart Glasses
vor allem, ob eine Aufnahme für Dritte erkennbar ist.
Entscheidend ist daher, ob die sichtbaren LED-Signale heutiger Brillen
ausreichen. Rauschnabel verweist auf einen Lernprozess: So wie Menschen
gelernt haben, ein hochgehaltenes Smartphone als Hinweis auf eine mögliche
Aufnahme zu erkennen, werden sie auch lernen, auf die Signale von Smart
Glasses zu achten. Das ersetzt technische Standards nicht, spricht aber
für eindeutige, gut sichtbare Signale statt für ein grundsätzliches
Verbot. Maßstab sollte dabei nicht der besonders misstrauische oder
technisch versierte Beobachter sein, sondern ein durchschnittlich
aufmerksamer Mensch.
Das größere Problem sieht Rauschnabel bei Geräten ohne solche
Schutzmechanismen. Im internationalen Onlinehandel finden sich günstige
Modelle aus Asien ohne sichtbare Aufnahmeindikatoren. Bei ihnen ist zudem
unklar, wo und von wem Daten verarbeitet werden. Rauschnabel und sein Team
haben solche Modelle untersucht: Datenschutzinformationen seien teils
unvollständig oder nur auf Chinesisch verfügbar; zudem fehle ein
greifbarer Verantwortlicher in der EU.
Darin sieht er ein regulatorisches Paradox: Große, in Europa erreichbare
Hersteller lassen sich leichter kontrollieren als jene Anbieter, bei denen
Schutzmechanismen fehlen und Regulierung besonders notwendig wäre. Wie
schwierig die Durchsetzung ist, wenn ein Anbieter nicht greifbar ist,
zeigt ein Fall aus Hamburg. Der dortigen Datenschutzaufsicht lag seit Juli
2020 eine Beschwerde gegen die biometrische Gesichtssuchmaschine PimEyes
vor. Nach mehr als fünf Jahren entschied die Behörde, über ein
Informationsschreiben hinaus keine konkreten Maßnahmen gegen das
inzwischen in Dubai ansässige Unternehmen zu ergreifen. Die
Datenschutzorganisation noyb hat dagegen Klage erhoben.
PHYSISCHE SHUTTER STATT VERBOTE
„Für konkrete Nutzungssituationen braucht es nicht zwingend neue Verbote.
Viele Anwendungen sind bereits durch bestehende Regeln erfasst, etwa durch
den AI Act oder die DSGVO. In Freibädern gelten längst Fotografierverbote.
Es geht also nicht darum, neue Verbote zu schaffen, sondern bestehende
Regeln auf ein neues Gerät anzuwenden. Dasselbe gilt für Unternehmen: Dort
stellt sich vor allem die Frage, wann, wo und wie Beschäftigte eigene
Smart Glasses im Betrieb nutzen dürfen.“
Rauschnabel plädiert deshalb seit mehr als zehn Jahren für physische
Shutter: mechanische Abdeckungen, die sich über die Kamera und
gegebenenfalls weitere Sensoren schieben lassen. Für Umstehende wäre damit
unmittelbar erkennbar, dass eine abgedeckte Kamera nicht aufnehmen kann.
WAS AUF DEM SPIEL STEHT
Eine seit Jahren frei verfügbare Technologie wegen einzelner
Missbrauchsfälle grundsätzlich infrage zu stellen, hält Rauschnabel für
falsch. Manche Brillenträger nutzen Smart Glasses inzwischen als einzige
Korrektionsbrille. Zugleich wächst der Markt für Anwendungen und
Dienstleistungen, auch bei Start-ups und Technologieanbietern in
Deutschland.
Schon heutige Smart Glasses zeigen, dass Kameras in Brillen weit mehr
können als nur aufnehmen: Sie können blinden und sehbehinderten Menschen
ihre Umgebung beschreiben oder Beschäftigte in Industrie und Wartung durch
Arbeitsschritte führen. Trotzdem hält er heutige Devices für eine
„Übergangstechnologie“. Künftige Augmented-Reality-Brillen mit eingebauten
Displays bauen auf der heutigen Technologie auf: Sie müssen ihre Umgebung
verstehen, um digitale Informationen passend in der realen Welt zu
verankern. Damit sind heutige smarte Brillen eine Vorstufe dessen, was zur
nächsten Computing-Plattform werden könnte.
„Wir sollten gefährliche Anwendungen begrenzen und sinnvolle ermöglichen.
Computer, Internet und Smartphones sind massiv missbraucht worden – für
Betrug, Stalking und heimliche Aufnahmen. Trotzdem würde heute wohl
niemand behaupten, ein Verbot vor 30 Jahren wäre die richtige Antwort
gewesen.“
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Prof. Dr. Philipp A. Rauschnabel ist Professor an der Universität der
Bundeswehr München und forscht an der Schnittstelle zwischen Behavioral
Science, Technology Management und Regulierung. Er forscht seit über zehn
Jahren zu Smart Glasses und Augmented Reality und ist von Clarivate als
Highly Cited Researcher ausgezeichnet. Er gehört zu den führenden
Forschern im Bereich Augmented Reality und Smart Glasses weltweit und hält
zu diesen Themen regelmäßig Vorträge.
