Studierende der HSBI und ihrer belgischen Partnerhochschule entwickeln nachhaltige Lösungen für Flüchtlingslager Kakuma
Sauberes Wasser, Zugang zu Energie, Gesundheit oder Bildung: Die
Herausforderungen in einem Flüchtlingscamp sind groß und vielfältig.
Studierende der HSBI und der belgischen Hochschule PXL haben in einer
gemeinsamen Lehrveranstaltung nachhaltige und umsetzbare Lösungsvorschläge
entwickelt für die wichtigsten Herausforderungen in einem der größten
Flüchtlingslager auf dem afrikanischen Kontinent: Kakuma, im Norden
Kenias. Input kam dabei aus erster Hand: Mit dem HSBI-Studenten Aleer
Nyang Jacob vermittelte ein ehemaliger Bewohner Eindrücke vom Leben im
Camp. Mit dem Output wären beispielsweise 300.000 Menschen mit sauberem
Wasser versorgt – fehlt nur noch das Crowd-Funding zur Finanzierung.
Bielefeld (hsbi). Insgesamt 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung
(Sustainable Development Goals – SDGs) haben die Vereinten Nationen (UN)
ausgerufen – von der Beendigung von Armut und Hunger über hochwertige
Bildung für alle, sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen bis hin zu
nachhaltiger Energie und Klimaschutzmaßnahmen. Sie gelten für alle
Staaten. Auch für Flüchtlingslager? „Gerade hier kann man mit nachhaltigen
Ideen viel erreichen“, ist Prof. Dr. Mariam Dopslaf überzeugt. Und ihre
Studierenden haben mit ihren Projekten gezeigt, wie das gelingen könnte.
„Sustainable Minds“ – „Nachhaltiges Denken“ ist Titel und Thema von Mariam
Dopslafs Lehrveranstaltung am Campus Gütersloh der Hochschule Bielefeld
(HSBI). Die Professorin für Technisches Dienstleistungsmanagement und
Beauftragte für Internationales am Fachbereich Ingenieurwissenschaften und
Mathematik hat die Veranstaltung im Sommersemester bereits zum zweiten Mal
zusammen mit ihrem Kollegen Frank Joosten von der PXL University of
Applied Sciences and Arts in Belgien angeboten. Möglich macht die
grenzüberschreitende Zusammenarbeit das Format des Collaborative Online
International Learning, kurz COIL: „Das virtuelle Lehrkonzept erlaubt
Studierenden von Hochschulen aus mindestens zwei verschiedenen Ländern,
online an gemeinsamen Projekten in internationalen Teams zu arbeiten“,
erklärt Dopslaf. Bei Samuel Beza kommt das Konzept gut an: „Die
Zusammenarbeit ist eine neue Dimension in meinen internationalen
Erfahrungen“, sagt der HSBI-Student, der für den englischsprachigen
Bachelorstudiengang Industrial Engineering aus Kanada nach Gütersloh
gekommen ist. „Das hilft mir, meine Kommunikationsfähigkeiten
weiterzuentwickeln und unterschiedliche Ansätze zur Problemlösung
kennenzulernen. Und ich kann herausfinden, wie wichtig das Thema
Nachhaltigkeit in anderen Ländern ist.“
Ressourcenmanagement im Flüchtlingslager im Blick
Um die Nachhaltigkeitsziele der UN nicht allein theoretisch zu vermitteln,
haben die beiden Lehrenden Dopslaf und Joosten nach einem konkreten
Anwendungsfall gesucht und ihn mit dem Flüchtlingslager Kakuma im Norden
Kenias gefunden: Über 300.000 Geflüchtete leben dort, viele von ihnen
schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten. „Unsere Partnerhochschule PXL
hatte bereits Kontakte ins Camp und wusste um die realen Herausforderungen
dort. Warum nicht die Studierenden Lösungsvorschläge entwickeln lassen?“,
beschreibt Mariam Dopslaf die Idee. Der Anwendungsbezug ist für die
Studierenden ein echter Pluspunkt. „Wir können ausprobieren, wie sich
Nachhaltigkeit in realen Systemen umsetzen lässt“, sagt Samuel Beza. Den
26-Jährigen interessiert besonders das Ressourcenmanagement, dabei hat er
auch die finanziellen Ressourcen im Blick: „Lösungen sollten nicht nur
ökologisch nachhaltig sein, sondern auch wirtschaftlich tragfähig.“
Statt virtuell startete die Projektarbeit ganz analog mit einem Kick-off-
Event im März an der PXL in Belgien. „Ein persönliches Treffen stärkt das
Team-Building“, sagt Mariam Dopslaf. „Es erleichtert die spätere
Zusammenarbeit.“ Schnell hatten sich die internationalen Teams gefunden
und waren bereit für den inhaltlichen Input. Den gab es auch aus erster
Hand: Mit Aleer Nyang Jacob war in der HSBI-Reisegruppe auch ein
ehemaliger Bewohner Kakumas dabei – er ist zugleich ein Beispiel dafür,
was nachhaltige Entwicklung bewirken kann: Als Kind ist der Südsudanese
vor dem Bürgerkrieg im eigenen Land geflohen und im Flüchtlingslager
aufgewachsen. „In Kakuma bekam ich die Möglichkeit, die Schule zu
besuchen“, erzählt Jacob. Er nutzte sie, schaffte es an die Uni in Nairobi
und nach seinem Bachelorabschluss mit einem Stipendium des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zum Masterstudium nach Deutschland –
an die HSBI. Als Mariam Dopslaf anfragte, ob er ihren Studierenden seine
persönliche Kakuma-Expertise zur Verfügung stellen könnte, sagte er sofort
zu: „Es ist ein tolles Projekt, das Kakuma mit seinen Herausforderungen
ins Bewusstsein rückt.“ Für Jacob sind nachhaltige Lösungen ein Schlüssel
für positive Entwicklung: „Sie können Wandel in Krisenregionen bringen.“
Informationen aus erster Hand durch einen ehemaligen Bewohner Kakumas
Die Studierenden nutzten ihrerseits die Gelegenheit, fragten Aleer Nyang
Jacob aus und erfuhren, dass die Herausforderungen manchmal
vielschichtiger sind als gedacht. Stichwort: Bildung und Geschlechter-
Gleichheit. Ob die Schule im Camp für Mädchen und Jungs gleichermaßen
geöffnet sei, wollte eine Studentin wissen. Jacob bejahte – und schob
gleich eine Einschränkung hinterher: „Aber während die Jungs nach der
Schule sofort Fußballspielen gehen können, müssen die Mädchen noch bei der
Arbeit im Haushalt helfen – das ist die traditionelle Aufgabenverteilung.“
Betretenes Schweigen. Insgesamt sechs der größten Herausforderungen für
die Bewohner Kakumas haben Mariam Dopslaf und Frank Joosten
herausgegriffen, vom Bildungsbereich mit seinen überfüllten Klassenzimmern
und niedrigen Standards in der Lehre über den Energie- und Technologie-
Sektor mit seinem eingeschränkten Zugang zu erschwinglichem Strom bis hin
zum Komplex der Ernährungssicherheit und Haushaltsführung durch Kinder mit
seiner Lebensmittelknappheit und den Schwierigkeiten der Haushalte ohne
Erwachsene. „Die Teams haben sich für eine der Challenges entschieden und
eigenständig möglichst umsetzbare Lösungen erarbeitet. Das konnten
einfache Technologien ebenso sein wie pädagogische Projekte oder
Netzwerke“, erläutert Dopslaf die Arbeitsweise.
Samuel Bezas Team hat sich um die Herausforderung „Wasser und
Sanitäreinrichtungen“ gekümmert. „Die Wasserknappheit im Camp ist
gravierend, pro Tag stehen jeder Person nur 10 Liter zur Verfügung. Eine
sichere und ausreichende Wasserversorgung ist aber essentiell, sie kann
die Gesundheit und Lebensqualität verbessern und die Resilienz der
Gemeinschaft fördern“, begründet Beza die Wahl. Zusammen mit seinen
Kommiliton:innen machte er sich an die Recherche, fand im jordanischen
Flüchtlingslager Za’atari vergleichbare Voraussetzungen – und eine
übertragbare Lösung: „Aus Bohrlöchern wird Wasser gepumpt, in einfachen
Filtrationsanlagen durch nachhaltiges Substrat gereinigt und in großen
Tanks gelagert“, erläutert Samuel Beza das Prinzip. Das Team wandte es auf
die Verhältnisse in Kakuma an, berechnete den täglichen Wasserbedarf (6
Millionen Liter pro Tag), die erforderlichen Installationen und die
Kosten. Beza schaut leicht verlegen: „Man müsste knapp 1,2 Millionen
Dollar investieren. Die höchsten Kosten verursachen die Bohrungen für die
benötigten 40 Wasserlöcher.“ Dafür wären aber 300.000 Menschen jeden Tag
mit sauberem Wasser versorgt. Und damit sie verantwortungsvoll damit
umgehen, gehören auch entsprechende Trainings zum Lösungsvorschlag.
Vertreter aus Kakuma trotz der hohen Kosten des Projekts für sauberes
Wasser stark interessiert
Bei der Präsentation zu Beginn der International Week im Mai an der HSBI
war der zugeschaltete Vertreter aus Kakuma trotz der hohen Kosten sehr
interessiert. Und Mariam Dopslaf ist zuversichtlich: „Im vergangenen Jahr
hat es ein Energie-Projekt auch in die Umsetzung geschafft. Der nächste
Schritt für das Wasserprojekt könnte jetzt ein Crowd-Funding sein.“
