Wir unterschätzen das lange Leben – und missverstehen das Alter“
FAU-Alternsforscher über eine der größten kulturellen Chancen unserer Zeit
Die Menschen werden heute älter als jede Generation zuvor – und dennoch
wird das lange Leben oft als Belastung für Gesellschaft und Sozialsysteme
diskutiert. Alternsforscher Prof. Dr. Frieder R. Lang, Leiter des
Lehrstuhls für Psychogerontologie an der Friedrich-Alexander-Universitä
Erlangen-Nürnberg (FAU), hält diese Sichtweise für verkürzt. Im Interview
spricht er über die Chancen des langen Lebens, gesellschaftliche
Missverständnisse und die Frage, was am Ende wirklich zählt.
Altern wird häufig mit Verlust, Krankheit und Abbau verbunden. Wie sehr
beeinflusst unsere Vorstellung vom Alter eigentlich, wie wir selbst
altern?
Prof. Dr. Frieder Lang: Von Kindesbeinen an erleben wir, dass ältere
Menschen krank, gebrechlich, vergesslich oder hilflos sind, und wenn wir
dann selbst erste Anzeichen des Alterns bei uns bemerken, macht das
manchmal eben Angst. Die psychologische Forschung hat gezeigt, dass einige
Menschen sich aufgrund solcher negativen Sichtweisen selbst noch mehr
schaden, indem sie sich dann aufgeben, gesellschaftlich zurückziehen und
das eigene Leben nicht mehr auskosten. Es geht also darum, das Beste aus
einem langen Leben zu machen und dies auch zu wollen.
Für viele Menschen markiert der Ruhestand den Übergang in einen neuen
Lebensabschnitt: Endlich nicht mehr arbeiten müssen. Ist dieses Bild vom
Alter noch zeitgemäß – oder berauben wir uns damit wichtiger Lebensjahre?
Prof. Dr. Frieder Lang: Ein solches Bild war nie zeitgemäß. Es gibt viele
Irrtümer, die sich um den Begriff des Ruhestands ranken, zum Beispiel dass
nur produktiv sein kann, wer erwerbstätig ist. Die Produktivität eines
langen Lebens zeigt sich in verschiedenen, oft sehr persönlichen
Ausdrucksformen wie einem schönen Spaziergang am Abend, bei dem man sich
mit einem Freund unterhält. Produktiv ist alles, was das gesellschaftliche
Zusammenleben verbessert und angenehm macht. Es ist produktiv, sich um
andere Menschen zu kümmern. Ein anderer Irrtum ist zu glauben, dass es
Menschen möglich ist, nichts zu tun. Der Mensch lebt durch und von
Bewegung, zu jeder Zeit.
Ein langes Leben bedeutet nicht nur mehr Möglichkeiten, sondern auch mehr
Erfahrungen mit Krankheit, Abschieden und Endlichkeit. Was braucht es, um
mit dieser wachsenden Verletzlichkeit umzugehen, ohne das Alter entweder
zu verklären oder zu fürchten?
Prof. Dr. Frieder Lang: Ein langes Leben bringt für jeden Menschen viele
Ungewissheiten mit sich. Mit zunehmendem Alter werden aus Ungewissheiten
dann konkrete Herausforderungen, denen man sich stellen muss. Dafür
braucht es die Bereitschaft, neue Denk- und Verhaltensweisen einzuüben.
Viele erleben dies als Zumutung. Wir sollten aber nicht vergessen, dass
dies für jede Lebensphase, nicht nur für das Alter gilt. Das Leben war nie
einfach und ist es für niemanden. Wenn es nun um die späte Lebensphase
geht, lässt sich zeigen, dass die Möglichkeiten des Alterns besser genutzt
werden können, wenn man sich mit der eigenen Endlichkeit und mit den
Kränkungen eines langen Lebens aussöhnt. Es geht darum herauszufinden, wie
man akzeptieren kann, was sich nicht ändern lässt.
Medizin und Forschung arbeiten daran, Krankheiten des Alters immer später
auftreten zu lassen und die Lebensspanne zu verlängern. Aber was macht aus
zusätzlichen Lebensjahren tatsächlich gewonnene Lebenszeit?
Prof. Dr. Frieder Lang: Eine wichtige Aufgabe eines langen Lebens besteht
darin, sich der eigenen Endlichkeit bewusst zu werden, ohne daran zu
verzweifeln. Dies kann gelingen, wenn man sich an das Grenzenlose des
Lebens, nicht nur des eigenen, sondern des Lebens im Allgemeinen,
anschließen zu können. Dazu muss man die eigenen Wünsche, Vorstellungen
und Einstellungen mit dem Unendlichen verknüpfen. Manchen gelingt es durch
die Liebe zu den eigenen Nachkommen und anderen durch eine gute Tat.
Wichtig ist, dass es hier auf jeden Einzelnen selbst ankommt. Es gibt kein
Rezept, das für alle gleichermaßen gut wirkt, jeder ist auf die eigene
Weise besonders und sollte dies auch sein dürfen.
Würden Sie selbst 130 Jahre alt werden wollen – oder gibt es einen Punkt,
an dem ein Leben auch zu lang werden kann?
Prof. Dr. Frieder Lang: Leider erleben viele hochbetagte Menschen, dass
ihr Leben für sie schon sehr lange, vielleicht zu lange dauert. Ich
glaube, dass es nicht am Leben selbst liegt, sondern an den widrigen
Umständen in der Gesellschaft: Jedes Leben, egal wie lange es dauert, ist
es wert geschützt, unterstützt und gefördert zu werden. Mein Eindruck ist,
dass wer geliebt wird, auch leben will. Es ist aber sehr schwer den
Lebenswillen zu bewahren, wenn man sich ungeliebt fühlt.
Zum ausführlichen Interview:
https://www.fau.de/2026/08/new
leben-und-missverstehen-das-al
Diesen und vielen weiteren Fragen rund um das lange Leben, das Altern und
unseren Umgang mit der eigenen Endlichkeit geht Prof. Dr. Frieder R. Lang
in seinem neuen Buch „Besser lange leben“ nach.
