Bin Mensch nicht auch ich?
Die Graphic Novel-Anthologie „Bin Mensch nicht auch ich?“ erzählt von
Siegener Schicksalen in der NS-Zeit. Die Herausgeber Dr. Jana Mikota,
Prof. Dr. Daniel Stein und Dr. Jens Aspelmeier sprechen über das Konzept
und erste Reaktionen auf das Buch.
Die Zeit der Zeitzeug*innen endet. Neue Formen des Erinnerns werden
wichtiger. Die Graphic-Novel-Anthologie „Bin Mensch nicht auch ich?
Erinnern, Erzählen, Erleben“, entstanden an der Universität Siegen in
Kooperation mit dem Aktiven Museum Südwestfalen, macht lokale Schicksale
aus der NS-Zeit durch Comics erfahrbar.
„Bin Mensch nicht auch ich?“ erzählt konkrete, lokale Schicksale in der
Zeit des Nationalsozialismus. Ist diese Regionalität ein Schlüssel, um
Erinnerung für junge Menschen greifbar zu machen?
STEIN: Das war zumindest der Grundgedanke hinter der Anthologie. Wir
wollten einige der
Lebensgeschichten, die das Aktive Museum Südwestfalen recherchiert und
dokumentiert
hatte, in ein Medium überführen, das jungen Leser*innen aber auch allen,
die für grafisches Erzählen zugänglich sind, einen neuen Blick auf die
Geschichte der Stadt und der Region ermöglicht. Dass die Orte, die im Buch
gezeigt werden, vielfach immer noch existieren, verdeutlicht, dass
Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern weiterwirkt. Aber es muss an
sie erinnert werden, sonst gerät sie in Vergessenheit. Im Stadtbild
übernehmen Stolpersteine und die Gebäude, vor denen sie liegen, sowie
Museen und Mahnmale, diese Funktion. Aber die Lebenswege und die Menschen
dahinter, das war uns wichtig, werden durch die grafischen Erzählungen
ganz neu erfahrbar.
ASPELMEIER: Die Tatsache, dass diese Menschen und ihr Weg in der bekannten
Alltags-
welt der Jugendlichen nachvollziehbar sind, bildet die entscheidende
Hilfe, um die biswei-
len große Distanz zur allgemeinen Geschichte des Nationalsozialismus zu
überbrücken – erst wenn ein Mensch mit Namen genau die Straßen durchlaufen
hat, die ich jeden Tag laufe, wird es interessant und auch brisant, sich
mit Tätern und Opfern auseinanderzusetzen. Geschichtliche Orte, Überreste
und Ruinen wirken erst durch ein solchermaßen sensibleres
Problembewusstsein als Mahnmale.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Buch?
MIKOTA: Aufgrund des schwierigen und komplexen Themas und der Tatsache,
dass einige
der porträtierten Personen den Holocaust nicht überlebten, richtet sich
das Buch an Lesende ab 12 Jahren. Es ist aber nicht allein als Buch für
Jugendliche konzipiert, sondern soll alle Interessierten ansprechen,
Erwachsene und Teenager gleichermaßen. Uns ist gerade der Dialog zwischen
den Generationen, die jeweils andere Phasen der Erinnerungskultur
repräsentieren und unterschiedliche Perspektiven auf die Nazizeit haben,
wichtig. Er soll durch das Buch angeregt werden. Zwei der Geschichten –
Inbal Leitners „Mein Weg, meine Schritte“ über das jüdische Mädchen Betty
Hochmann, das in das damalige Palästina fliehen kann und überlebt, und
Stephanie Lunkewitz‘ Geschichte über die Siegener Synagoge – sind auch für
jüngere Leser*innen ab der 3. oder 4. Klasse geeignet.
Gibt es bereits Rückmeldungen?
STEIN: Ja, es gibt erste Rückmeldungen von Lehrkräften, allerdings noch
nicht aus der Unterrichtspraxis, weil das Buch gerade erst erschienen ist.
Einige Lehrkräfte haben sich den Probedruck, den wir für den Book Launch
im Aktiven Museum Südwestfalen erstellt hatten, angesehen, und haben
äußerst positiv reagiert.
ASPELMEIER: Wir denken, dass das Buch durch den Lokalbezug regionale
Geschichte vor dem Hintergrund der großen historischen Entwicklungen
erfahrbar macht und sich damit sehr gut für den Einsatz in Schulen und
anderen Lernkontexten eignet. Auch seine Form als Anthologie grafischer
Kurzgeschichten mit historischen, biografischen und didaktischen
Begleittexten, wurde von den Lehrer*innen, die es gesehen haben, als
besonders wertvoll erachtet.
MIKOTA: Von den Studierenden hören wir das auch. Sie sehen es als Chance,
sich mit
der Geschichte der Region auseinanderzusetzen und dadurch ein besseres
Bewusstsein für den Holocaust vor Ort zu bekommen. Und gerade Studierende
im Lehramt erkennen, dass die Anthologie viele Möglichkeiten bietet, mit
zukünftigen Schüler*innen ins Gespräch zu kommen. Dass renommierte
Künstler*innen wie Inbal Leitner, Marion Goedelt, Stephanie Lunkewitz,
Lisa Rock und Bianca Schaalburg die Geschichten grafisch erzählen, ist für
viele Leser*innen (und auch für uns) etwas ganz Besonderes.
ASPELMEIER: Von den Bürger*innen aus Siegen und vor allem auch von den
engagierten
Mitgliedern des Aktiven Museums Südwestfalens (Traute Fries, Hans-Georg
Fries, Peer Ball, Dieter Pfau), die uns als historische Expert*innen
unterstützt haben, haben wir ebenfalls Zuspruch erhalten.
Gab es Resonanz über Siegen hinaus?
MIKOTA: Überregionale Resonanz gibt es bereits. Die Anthologie wurde z.B.
in Zusammenarbeit mit dem von Myriam Halberstam geführten Ariella Verlag
auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt, und es ist eine Lesung in der
Staatsbibliothek Berlin geplant. Auch einige Kolleg*innen aus dem In- und
Ausland, denen wir das Buch vorgestellt haben, sehen es als wichtigen
Beitrag zur Erinnerungskultur. Wir werden diese Aktivitäten in den
nächsten Monaten ausweiten, u.a. durch Vorträge an Universitäten und
Lesungen, aber auch durch Forschungsbeiträge zum Buch sowie die Erstellung
von Begleitmaterialien für Schulen. Wir möchten, dass die Geschichten alle
Schüler*innen in der Region und viele weitere auch außerhalb des
Siegerlands erreichen.
Wird das Buch in Seminaren an der Universität Thema sein?
MIKOTA: Auf jeden Fall. Wir haben es jetzt schon eingesetzt, z.B. war
Marion Goedelt in einem Master-Seminar zu Shoah-Comics und hat dort mit
den Studierenden über ihre Arbeit gesprochen; Inbal Leitner hat einen
kreativen Workshop mit Studierenden gemacht; Stephanie Lunkewitz und
Bianca Schaalburg haben aus ihren früheren Publikationen gelesen. Unsere
Anthologie wird einen festen Bestandteil in den Lehramtsstudiengängen
erhalten und auch in Veranstaltungen eingesetzt werden.
Die Universität, das Aktive Museum, Menschen aus Siegen und internationale
Künstlerinnen wurden durch das Buch zusammengeführt. Was war das Besondere
an der Zusammenarbeit und wird es weitere Projekte geben?
STEIN: Das Besondere war aus unserer Sicht genau diese Projektarbeit, in
der die unterschiedlichen Personenkreise mit ihren Expertisen
zusammenkamen: Forschung und Lehre aus der Universität, historisches und
persönliches Engagement aus dem Aktiven Museum und der künstlerisch-
kreative Blick der Illustrator*innen in die Stadt und Region. Das war
hochkomplex und auch nicht immer konfliktfrei, zumal es allen Beteiligten
ein großes Anliegen war, den vielen Ansprüchen an eine solche Publikation
gerecht zu werden.
ASPELMEIER: Besonders ist auch, dass die Lebensgeschichten der
porträtierten Personen – Betty Hochmann, Inge Frank, Otto Päulgen, Zina,
Simon und Johanna Grünewald – durch diese Publikation erstmals in
grafischer Form erscheinen und durch die verschiedenen Zeichenstile und
Bildarrangements ganz neue Dimensionen erhalten. Der vielfältige Inhalt
des Buches bildet den multiperspektivischen Projektcharakter übrigens gut
ab.
MIKOTA: Es wird sicher weitere Projekte geben. Wir wollen weitere
didaktische Materialien für den Einsatz der Anthologie an Schulen
erarbeiten. Und wir haben gerade zusammen mit Tatia Gruenbaum und Carmen
Becker von der TU Braunschweig das Centre for Pictorial Holocaust
Narratives gegründet, das weitere Anlässe für Projekte, Publikationen und
Veranstaltungen bieten wird.
