Was Serien über unsere Einsamkeit verraten
Es beginnt mit einer Beobachtung. Irgendwann fiel dem BTU-Wissenschaftler
Dr. Denis Newiak etwas auf, das banal klingt und doch weitreichend ist:
Fernsehserien erzählen auffallend häufig von Menschen, die einsam sind –
nicht am Rand der Geschichte, sondern in ihrem Zentrum.
Ein Physiker, der sich in seiner Nerd-Blase vor der Welt verschanzt. Eine
Jugendliche, die sich das Leben nimmt und deren Kassetten mit ihrer
Leidensgeschichte danach von Hand zu Hand gehen. Ein Junge, der mit seiner
Mutter im Nirgendwo ein Motel betreibt, wo es schon bald keine Gäste mehr
geben wird. The Big Bang Theory, 13 Reasons Why, Bates Motel – drei
Serien, drei Genres, drei völlig unterschiedliche Zielgruppen. Und doch,
dachte sich der Wissenschaftler der Brandenburgischen Technischen
Universität Cottbus-Senftenberg (BTU), lief durch sie alle derselbe leise
Strom: Einsamkeit, die sich in Bildern, Klängen und Geschichten ausdrückt,
weil sie sich im wirklichen Leben so schwer aussprechen lässt.
Der Blick eines Medienwissenschaftlers auf das Alltagsmedium
Newiak, der am Fachgebiet für Angewandte Medienwissenschaften der BTU
forscht und lehrt, ist kein Mensch der schnellen These. Wer seine Arbeiten
verfolgt, erkennt einen Forscher, der lieber gründlich gräbt, als schnell
zu urteilen. Aus seiner 2022 abgeschlossenen, zweiteiligen Dissertation
“Televisuelle Ausdrucksformen moderner Einsamkeit. Diskurse und Analysen”
gingen zwei eng miteinander verbundene Monografien hervor: “Die
Einsamkeiten der Moderne” und “Einsamkeit in Serie”. Im ersten Band
entwirft Newiak eine Kulturgeschichte der Vereinsamung, die von der
Industrialisierung über die Urbanisierung bis zur digitalen
Netzwerkgesellschaft reicht. Seine These darin: Die Moderne verspricht
Freiheit, Individualität und Fortschritt, verlangt dafür aber einen Preis
und dieser Preis zeigt sich in immer neuen und immer härteren Formen der
Einsamkeit.
Der zweite Teil dieses Forschungsprojekts führt diese
gesellschaftstheoretische Diagnose ins Konkrete. Für Newiak liegt der
dafür besonders aufschlussreiche Ort im Fernsehen. Genauer: in der Serie,
jenem Format, das wie kaum ein anderes über lange Zeiträume mit seinem
Publikum mitwächst, Figuren über viele Episoden begleitet und dabei Raum
hat, etwas so Diffuses wie Einsamkeit in großer Tiefe zu entfalten.
Drei Serien, ein Werkzeugkasten
Aus diesem medienanalytischen Teil der Dissertation wurde 2022 das Buch
“Einsamkeit in Serie”. In diesen Wochen erscheint es nun als
internationale Ausgabe bei dem renommierten Londoner Fachverlag Palgrave
Macmillan der Verlagsgruppe Springer Nature unter dem Titel “Loneliness in
Series: Televisual Expressions of Modern Loneliness”.
Newiaks Vorgehen darin ist von der Sorgfalt eines Kartografen geprägt. Er
entwickelt, was er selbst eine "Ikonografie moderner Einsamkeit" nennt:
ein Analyseschema, mit dem sich Bilder, Kameraeinstellungen,
Farbdramaturgien, aber auch Erzählstrukturen und sogar der Sound einer
Serie systematisch danach befragen lassen, wie sie Einsamkeit sichtbar
machen. Kapitel für Kapitel arbeitet er sich durch die drei Serien – von
den visuellen Ästhetiken über die großen Erzählthemen bis hin zu den
einzelnen einsamen Figuren, die diese Geschichten tragen. Ein eigenes
Kapitel widmet er allein dem Klang der Einsamkeit: jenen Stille-Momenten,
Soundeffekten und musikalischen Leerstellen, mit denen Serien das Gefühl
des Alleinseins hörbar machen, bevor ein Wort fällt. Am Ende steht nicht
nur eine Werkanalyse, sondern ein Instrumentarium, mit dem sich auch
andere Serien, andere Genres, andere Zeiten auf ihre Einsamkeitsbilder hin
lesen lassen.
Warum diese Forschung nun international weiterwirkt
Dass diese Forschung nun ins Englische übersetzt bei einem der großen
internationalen Wissenschaftsverlage erscheint, ist mehr als eine formale
Randnotiz. Es ist die Geschichte eines Themas, das zur richtigen Zeit auf
die richtige Frage trifft. Einsamkeit ist in den vergangenen Jahren von
einem privaten Gefühl zu einem öffentlichen Politikum geworden.
Großbritannien benannte 2018 erstmals einen Minister mit ausdrücklicher
Zuständigkeit für das Thema und legte eine nationale Strategie gegen
Einsamkeit vor, die Weltgesundheitsorganisation warnt vor den
gesundheitlichen Folgen sozialer Isolation, und nach den Jahren der
Pandemie und ihrer Kontaktbeschränkungen ist das Thema in vielen
Gesellschaften noch stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Newiak liefert dazu keinen weiteren Ratgeber und keine Statistik, sondern
etwas, das in der öffentlichen Debatte oft fehlt: eine kulturelle
Übersetzung. Eine Grundannahme, die sich durch einen großen Teil seiner
Arbeiten zieht und Serien wie “Sløborn” oder zum Umgang mit Blackout-
Szenarien in Film und Fernsehen lautet, dass Fiktion uns hilft, Dinge zu
verstehen, die im echten Leben zu groß, zu diffus oder zu bedrohlich sind,
um sie direkt anzusehen. Eine Serie kann zeigen, wonach die Statistik nur
fragt.
Am Ende seines Buches wagt Newiak einen Ausblick, den er programmatisch
überschreibt: “Die Einsamkeiten der Moderne und die Gemeinschaften des
Fernsehens”. Es ist ein Satz, der eine zentrale Pointe dieses
Forschungsstrangs trägt: Ausgerechnet das Medium, das oft als Fluchtmittel
aus dem echten Leben gilt, kann ein Raum sein, in dem sich Gesellschaften
ihrer eigenen Vereinzelung stellen – gemeinsam, vermittelt durch denselben
Bildschirm.
Zum Buch: Denis Newiak: Loneliness in Series. Televisual Expressions of
Modern Loneliness. Palgrave Macmillan, Wiesbaden 2026, 308 Seiten. DOI:
10.1007/978-3-658-40791-9
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. phil. Maxim Denis Newiak, Brandenburgische Technische Universität
Cottbus-Senftenberg (BTU), Fachgebiet Angewandte Medienwissenschaften, T
+49 (0) 355 69 3242, E
medienwissenschaft
Originalpublikation:
Denis Newiak: Loneliness in Series. Televisual Expressions of Modern
Loneliness. Palgrave Macmillan, Wiesbaden 2026, 308 Seiten. DOI:
10.1007/978-3-658-40791-9
