Bahnhöfe der Zukunft: Warum Aufenthaltsqualität entscheidend für die Verkehrswende ist - ISOE-Interview
Einzelne Bahnhöfe in Deutschland genießen bei Reisenden einen exzellenten
Ruf. Viele der rund 5.400 Bahnhöfe sind hingegen sanierungsbedürftig und
können in Funktionalität und Ausstattung nicht mithalten. Die Deutsche
Bahn plant deshalb jetzt Ausgaben in Milliardenhöhe. Doch was genau macht
Bahnhöfe zu attraktiven Aufenthaltsorten? Welchen Nutzungsanforderungen
müssen sie entsprechen? Mit diesen Fragen hat sich ein Forschungsteam
unter der Leitung von Jutta Deffner im Projekt „Bahnhof der Zukunft“
beschäftigt. Ein Gespräch mit der ISOE-Mobilitätsexpertin über die
Schlüsselrolle von hoher Aufenthaltsqualität und vernetzter Mobilität an
deutschen Bahnhöfen für das Gelingen der Verkehrswende.
Dr. Jutta Deffner leitet am Institut für sozial-ökologische Forschung
(ISOE) das Forschungsfeld Nachhaltige Gesellschaft. Schwerpunkte ihrer
Forschungsarbeit sind nachhaltige Mobilitätskonzepte und Stadtentwicklung.
Von 2022 bis 2026 hat Deffner das Forschungsprojekt „Bahnhof der Zukunft“
geleitet, das vom Deutschen Zentrum für Schienenverkehrsforschung (DZSF)
beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) beauftragt wurde. Partner im Konsortium
waren das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, das Offenbach
Institut für Mobilitätsdesign (OIMD) an der Hochschule für Gestaltung
Offenbach (HfG), Gateways Architekten Amsterdam, Nuts One GmbH Berlin
sowie aproxima Gesellschaft für Markt- und Sozialforschung GmbH und
Zahlengrün Sozial- und Nachhaltigkeitsforschung.
INTERVIEW
Frau Deffner, Sie forschen zu Bahnhöfen der Zukunft. Was stimmt denn mit
unseren Bahnhöfen der Gegenwart nicht?
Jutta Deffner: Das größte Problem, das ein Bahnhof haben kann, ist, dass
er reduziert wird auf einen Ort zum Ein- und Aussteigen.
Aber dafür wurden Bahnhöfe doch ursprünglich gebaut?
Jutta Deffner: Ursprünglich waren Bahnhöfe städtebaulich herausgehobene
Orte, die für Modernität und Innovation standen. Erst im Laufe der Zeit
wurden sie dann immer mehr auf ihre Funktionalität als Transiträume
reduziert, auf Räume, die man bei der Ankunft wie bei Abreise am besten
schnell durchschreitet. Manche Bahnhöfe sind dadurch nach und nach zu
unwirtlichen Orten geworden, die bei Reisenden regelrecht Fluchtreflexe
auslösen.
Wie würden Sie den idealen Bahnhof beschreiben?
Jutta Deffner: Der ideale Bahnhof spiegelt die Bedürfnisse von Reisenden
wider – an Aufenthaltsqualität und Sicherheit, Komfort und Sauberkeit. Er
bietet zudem nutzerfreundliche Angebote für die neuen Anforderungen, die
durch das intermodale Reisen entstehen. Ein Beispiel: Für die Wechsel
zwischen den Verkehrsmitteln brauchen Reisende eine einfache Orientierung
und sowohl analoge als auch digitale Informationen. Solange Bahnhöfe diese
Bedürfnisse und Anforderungen nicht erfüllen, kann die Zugfahrt mit dem
Auto nicht konkurrieren. Für eine zukunftsfähige Mobilität sollte deshalb
jeder Bahnhof, auch der kleinste, ein Dreh- und Angelpunkt für eine
vernetzte Mobilität mit Zug, dem öffentlichen Nahverkehr, mit Fahrrad oder
Sharing und auch für die Fortbewegung zu Fuß sein. Der Begriff Anschluss
hat längst eine sehr weitreichende Bedeutung.
Inwiefern?
Jutta Deffner: Es geht nicht nur darum, den nächsten Zug zu erreichen,
sondern auch darum, intuitiv die Vielfalt von sich ergänzenden
Mobilitätsformen nutzen zu können. Dieser Komfort ist zentral dafür, dass
Menschen sich zu intermodalem Reisen eingeladen fühlen. Wir wissen aus
unserer Forschung zur Mobilitätskultur, dass diese Einladung gerne
angenommen wird, wenn gute praktische Erfahrungen mit flexiblen,
vernetzten Angeboten gemacht werden. Dadurch verändern sich
Mobilitätsroutinen stetig, und das kann in der Summe zu einer
nachhaltigeren Mobilitätskultur führen.
Viele Reisende machen in den letzten Jahren leider keine guten
Erfahrungen, der „zügige“ Anschluss gelingt oft nicht. So verbringen sie
unfreiwillig viel Zeit an Bahnhöfen.
Jutta Deffner: Auch deshalb hat Aufenthaltsqualität eine zentrale Funktion
für Bahnhöfe. Selbst wenn alles reibungslos läuft, zum intermodalen Reisen
gehören warten, sich versorgen, Informationen finden und Begegnungen mit
vielen Menschen dazu. Bahnhöfe sind immer auch soziale Orte, und
Aufenthaltsqualität ist deshalb kein Nice-to-have, im Gegenteil. In der
von uns durchgeführten bundesweiten Befragung sagten 62 Prozent der
Befragten: Die aktuelle Atmosphäre an vielen Bahnhöfen trägt dazu bei,
dass sie sich dort unsicher fühlen. Das hat Konsequenzen. Solange Bahnhöfe
Unsicherheit und Unbehagen auslösen, holt man vermutlich weniger Menschen
ins „Team Mobilitätswende“.
Welche Eigenschaften machen eine hohe Aufenthaltsqualität von Bahnhöfen
aus?
Jutta Deffner: Reisende wollen sich gut zurechtzufinden, das gelingt nicht
nur durch Piktogramme und Wegweiser, sondern durch eine klare Raumführung
und Beleuchtung. Aufenthaltsbereiche sind idealerweise so konzipiert, dass
sie Sicherheit und Orientierung vermitteln. Da geht es um scheinbar
einfache Dinge wie Witterungsschutz, um Sitzmöglichkeiten oder Sauberkeit.
Und übrigens auch um die Vermeidung unangenehmer Gerüche. Unsere
Befragungen haben gezeigt: Menschen wollen sich an Bahnhöfen willkommen
und mit ihren Bedürfnissen ernstgenommen und wertgeschätzt fühlen. Und
Wertschätzung gegenüber Reisenden drückt sich dann beispielsweise durch
eine hell gestaltete Unterführung besser aus als durch einen schummerigen,
baufälligen Fußgängerübergang. Auch wertige Materialien spielen eine
Rolle. Eine Sitzbank mit integriertem Holz ist einladender als eine
Drahtbank, sie kann die empfundene Wartezeit verkürzen. Reisende benötigen
aber auch Serviceangebote wie eine Gepäckaufbewahrung, einen Kiosk oder
ein Café.
Solche Serviceangebote gehören aber doch längst zum Standard?
Jutta Deffner: Angebote, die den Reisealltag unterstützen, mögen an großen
Bahnhöfen Standard sein, kleinere bieten das oft nicht mehr. Und ein
weiter Punkt, der durch die Befragungen deutlich wurde: Die Begrünung
insbesondere von Vorplätzen spielt eine wichtige Rolle – als Entree zum
Bahnhof, aber auch als Ort, um sich kurz an der frischen Luft zu erholen,
bevor die Reise weitergeht. Aufenthaltsqualität beschränkt sich nicht
allein auf Bahnsteige, Unterführungen und ein eventuell noch existierendes
Bahnhofsgebäude.
Wie haben Sie herausgefunden, was Reisende an Bahnhöfen brauchen?
Jutta Deffner: Wir haben uns mit einem Mix an Methoden sehr genau die
Perspektiven der Menschen angeschaut – zunächst mit qualitativen
Befragungen. Zusätzlich haben wir eine bundesweite repräsentative
Befragung durchgeführt und damit auch die Meinung von Menschen eingeholt,
die Züge derzeit nicht oder kaum nutzen. Um dann im nächsten Schritt
geeignete Maßnahmen für einen nutzerfreundlichen Bahnhof zu entwickeln,
haben wir die Passage von der Ankunft am Bahnhof bis zur Weiterfahrt
nachvollzogen: Auf dieser sogenannten User Journey haben wir alle
neuralgischen Punkte betrachtet und systematisch gefragt: Wo hakt es in
Bezug auf intermodales Reisen? Danach haben wir konkrete Verbesserungen in
einem Virtual-Reality-Modell mit Nutzenden geprüft.
Wenn Sie einen Bahnhof umgestalten dürften, mit welcher Maßnahme würden
Sie beginnen?
Jutta Deffner: Die wichtigste Maßnahme für eine Bahnhofsumgestaltung ist
keine bauliche, sondern eine Einladung für alle Verantwortlichen zu einem
Zukunftsworkshop. Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber es ist dringend
notwendig, darüber zu sprechen, was an den Bahnhöfen verbessert werden
kann. Es reicht nicht, nach Regelwerk einen neuen Mülleimer oder eine
Sitzbank aufzustellen. Nach unserer Erfahrung fehlen für viele Bahnhöfe
bislang eine klare Vision und eine gemeinsame Ideenfindung, die die
Bedürfnisse der Reisenden in den Blick nimmt. Und dann kommen die Basics:
Wir haben im Forschungsprojekt aus unseren 32 Maßnahmen zehn
Schlüsselmaßnahmen ausgewählt, die wir an allen Bahnhöfen für notwendig
erachten. Höchste Priorität haben die durchgängige intermodale Gestaltung,
Fahrradabstellanlagen und Sharing-Angebote.
Wer trägt die Verantwortung dafür, dass diese Maßnahmen umgesetzt werden?
Jutta Deffner: Zuvorderst natürlich die Eigentümer der Bahnhöfe, also
überwiegend die DB InfraGo. Aber die Kommunen sind die zweitwichtigsten
Verantwortlichen. Sie müssen einerseits auf Augenhöhe einbezogen sein und
gleichzeitig unterstützt werden, weil vor allem kleinere Kommunen die
Bedeutung des Bahnhofs zu wenig im Blick haben. Der öffentliche Raum rund
um Bahnhöfe ist ja meistens kommunale Fläche. Auch private Eigentümer im
Bahnhofsumfeld tragen Verantwortung, wenn es um Attraktivität, Sicherheit
und Sauberkeit des Quartiers geht. Deshalb müssen sie mit einbezogen
werden. All diese Akteure müssen gut koordiniert und ihre Rollen gut
aufeinander abgestimmt werden. Schließlich tragen aber auch
Bahnhofsnutzende eine Verantwortung, und zwar für ihren wertschätzenden
Umgang mit der Infrastruktur.
Halten Sie es für realistisch, dass unsere Bahnhöfe wirklich so attraktiv
und funktional werden, wie Ihr Projektteam sie skizziert?
Jutta Deffner: Ja, denn ein Großteil der Bahnhöfe ist ohnehin
sanierungsbedürftig. Es gibt bereits Sanierungsprogramme, die auch
verstetigt werden sollen durch den Infrastrukturpakt. Dadurch sind
jährlich Milliardenbeträge für Bahnhöfe reserviert. Da ist es naheliegend,
sie gleich als zukunftsfähige Mobilitätsdrehscheiben, wie wir sie
verstehen, zu modernisieren. Und es gibt ja Beispiele im In- und Ausland,
wie das gelingen kann, gerade in unseren Nachbarländern Österreich,
Schweiz und den Niederlanden kann man das sehen. Es ist wichtig, sich
klarzumachen: Es geht hier nicht um wünschenswerte Details in Design- und
Komfortfragen im Sinne einer Luxusausstattung. Es geht darum, die
Schlüsselfunktion von Bahnhöfen für die Verkehrswende ernst zu nehmen: Als
Schnittstelle zwischen Nutzer*innen und Infrastrukturen, die möglichst
alle möglichst schnell zu postfossiler Mobilität einlädt.
Um die Verkehrswende ist es stiller geworden.
Jutta Deffner: Das ändert nichts daran, dass wir als Gesellschaft darauf
angewiesen sind, die CO2-Emmissionen im Verkehrssektor deutlich zu senken.
Um das zu erreichen, muss inter- und multimodale Mobilität mit der Bahn
als Rückgrat der Verkehrswende verstanden und attraktiver werden.
Zuverlässigkeit setze ich dafür natürlich voraus. Aber es geht eben nicht
nur um Strecken, Stellwerke und Oberleitungen. Wenngleich man genau das
denken könnte, wenn man sich die enormen Investitionen in die
Schieneninfrastruktur im Vergleich zu den Bahnhöfen anschaut. Das muss
noch besser verstanden werden: dass die Qualität und Funktionalität von
Bahnhöfen zu einer funktionierenden Eisenbahninfrastruktur
selbstverständlich dazu gehört.
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Finden Sie hier auch die aktuellen Pressemitteilung des Forschungsprojekts
"Bahnhof der Zukunft": https://www.isoe.de/aktuelles/
zukunft-drehkreuze-fuer-nutzer
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Über das ISOE
Das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) gehört zu den
führenden unabhängigen Instituten der Nachhaltigkeitsforschung. Es
entwickelt wissenschaftliche Grundlagen und zukunftsweisende Konzepte für
sozial-ökologische Transformationen. Hierfür forscht das ISOE
transdisziplinär zu globalen Problemen wie Wasserknappheit, Klimawandel,
Biodiversitätsverlust und Landdegradation und findet tragfähige Lösungen,
die ökologische, gesellschaftliche und ökonomische Bedingungen
berücksichtigen.
