Internationaler Tag der sauberen Luft: Luftverschmutzung erhöht das Schlaganfallrisiko
Feinstaub und Stickstoffdioxid belasten nicht nur die Lunge. Studien
zeigen auch Zusammenhänge mit dem Auftreten von Schlaganfällen, selbst bei
vergleichsweise niedriger Luftverschmutzung in Europa. Neuere Daten aus
Augsburg weisen zudem darauf hin, dass kurzfristig erhöhte
Schadstoffbelastungen mit bestimmten Schlaganfallformen und der Schwere
der Folgen zusammenhängen können. Zum Internationalen Tag der sauberen
Luft am 7. September rückt die DGN deshalb eine geringe
Schadstoffbelastung als wichtigen Baustein der Schlaganfallprävention in
den Fokus.
Bluthochdruck, Rauchen, Bewegungsmangel oder Diabetes sind als
beeinflussbare Risikofaktoren für einen Schlaganfall weithin bekannt.
Weniger im öffentlichen Bewusstsein ist dagegen die Bedeutung der
Luftqualität. Dabei zählt Luftverschmutzung inzwischen zu den größten
umweltbedingten Gesundheitsrisiken. Die Global-Burden-of-Disease-Studi
2021 [1] untersuchte 88 Risikofaktoren weltweit. Feinstaubverschmutzung
stand demnach 2021 – über alle untersuchten Erkrankungen hinweg – an
erster Stelle der Risikofaktoren für verlorene gesunde Lebensjahre
(DALYs), noch vor erhöhtem systolischem Blutdruck und Rauchen.
„Die Daten machen deutlich, dass wir beim Thema Schlaganfallprävention
nicht nur auf den Lebensstil des Einzelnen schauen dürfen. Auch
Umweltbedingungen wie die Luftqualität haben einen Einfluss auf unsere
Gefäßgesundheit. Saubere Luft ist deshalb Gesundheitsschutz und zugleich
ein wichtiger Ansatzpunkt für Prävention“, sagt PD Dr. Eva Schäffer von
der Taskforce Prävention der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).
Dass Luftqualität und Lebensumfeld beim Schlaganfall zusammenspielen,
zeigt eine große europäische Untersuchung mit mehr als 15 Millionen
Menschen [2]. Langfristig höhere Belastungen mit Stickstoffdioxid (NO₂)
und Rußpartikeln waren mit einer höheren Schlaganfallinzidenz assoziiert;
bei Feinstaub PM2,5 (Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5
Mikrometern) zeigte sich dieser Zusammenhang in den großen administrativen
Kohorten.
Eine Untersuchung aus Shenzhen in China [3] stützt diese Ergebnisse. Unter
21.973 neu diagnostizierten Schlaganfallfällen war eine kurzfristig höhere
Belastung mit Stickstoffdioxid (NO₂) und Schwefeldioxid (SO₂) mit einer
erhöhten Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhauseinweisung aufgrund eines
Schlaganfalls verbunden. Besonders ausgeprägt waren die Zusammenhänge bei
älteren Menschen und in der kalten Jahreszeit sowie – im Fall von SO₂ –
bei Frauen.
Aktuelle Daten aus Deutschland stützen den Zusammenhang von
Luftverschmutzung und erhöhtem Schlaganfallrisiko
Den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Schlaganfällen untermauert
auch eine 2025 veröffentlichte Studie aus Augsburg [4]. Die Forschenden
werteten Daten von 19.518 Schlaganfallpatientinnen und -patienten des
Uniklinikums aus einem Zeitraum von 15 Jahren aus. Untersucht wurde, ob
kurzfristige Veränderungen der Konzentrationen verschiedener
Luftschadstoffe mit dem Auftreten von Schlaganfällen zusammenhingen.
Dabei zeigte sich: Höhere kurzfristige Belastungen mit Feinstaub
verschiedener Partikelgrößen sowie NO₂ waren mit einer erhöhten
Wahrscheinlichkeit für Schlaganfallereignisse assoziiert. Am deutlichsten
waren die Zusammenhänge fünf bis sechs Tage nach der Schadstoffbelastung.
Die positiven Zusammenhänge zeigten sich vor allem bei transitorischen
ischämischen Attacken (TIA) – vorübergehenden Durchblutungsstörungen des
Gehirns – und hämorrhagischen Schlaganfällen, also Hirnblutungen. Für
PM2,5 und NO₂ fanden die Forschenden zeitlich verzögerte Zusammenhänge mit
hämorrhagischen Schlaganfällen. In den Analysen waren Feinstaub und NO₂
zudem stärker mit Schlaganfällen verbunden, die mit schweren
Beeinträchtigungen einhergingen, während sich bei Schlaganfällen mit
leichteren Beeinträchtigungen eher Zusammenhänge mit gasförmigen
Schadstoffen wie Ozon und Stickstoffmonoxid zeigten. Da es sich um eine
Beobachtungsstudie handelt, lässt sich daraus allerdings kein
unmittelbarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang ableiten.
Welche Erklärungen gibt es für den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung
und Schlaganfällen?
Wie genau Luftschadstoffe das Schlaganfallrisiko beeinflussen, ist noch
nicht abschließend geklärt. Die europäische Studie von de Bont et al. [2]
verweist jedoch auf mehrere mögliche Mechanismen: Eingeatmete Schadstoffe
lösen oxidativen Stress und Entzündungsreaktionen aus, die sich auf das
Gefäßsystem auswirken. Dadurch können unter anderem die Funktion der
Gefäßinnenwände beeinträchtigt und Prozesse der Blutgerinnung beeinflusst
werden. Langfristig kann insbesondere die Belastung durch Feinstaub das
Fortschreiten von Arteriosklerose begünstigen – alles Prozesse, die für
die Entstehung eines Schlaganfalls relevant sein können.
Auch die Autorinnen und Autoren der Augsburger Studie [4] diskutieren
mögliche biologische Erklärungen. Zusätzlich zu oxidativem Stress und
Entzündungsreaktionen nennen sie unter anderem einen erhöhten
Gefäßwiderstand im Gehirn, eine verminderte Hirndurchblutung, eine höhere
Blutviskosität und akute Gefäßverengungen. Diese Veränderungen könnten
wiederum zu einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck,
Durchblutungsstörungen und Thrombosen beitragen.
„Dass wir die stärksten Zusammenhänge erst fünf bis sechs Tage nach der
Schadstoffbelastung beobachten, dautet darauf hin, dass Luftverschmutzung
eine Kaskade biologischer Reaktionen in Gang setzt. Welche Faktoren
letztlich zum akuten Ereignis beitragen, und wo man möglicherweise
therapeutisch eingreifen könnte, um die Kaskade zu stoppen, sind derzeit
noch offene Forschungsfragen“, erklärt Dr. Lino Braadt, Mitautor der
Augsburger Studie [4] und ebenfalls Mitglied der Taskforce Prävention der
DGN.
„Der Tag der sauberen Luft* erinnert daran, dass wir
Schlaganfallprävention auch als gesellschaftliche Aufgabe verstehen
müssen. Wo Menschen leben, arbeiten und sich bewegen, sollte ihre
Gesundheit möglichst wenig durch Luftschadstoffe belastet werden. Weniger
Emissionen und lebenswerte, grüne Städte kommen damit nicht nur der
Umwelt, sondern auch der Hirn- und Gefäßgesundheit zugute“, erklärt Dr.
Braadt abschließend.
* https://www.unep.org/events/un
skies-2026
[1] GBD 2021 Risk Factors Collaborators. Global burden and strength of
evidence for 88 risk factors in 204 countries and 811 subnational
locations, 1990-2021: a systematic analysis for the Global Burden of
Disease Study 2021. Lancet. 2024 May 18;403(10440):2162-2203. doi:
10.1016/S0140-6736(24)00933-4.
[2] de Bont J, Pickford R, Åström C, Colomar F, Dimakopoulou K, de Hoogh
K, Ibi D, Katsouyanni K, Melén E, Nobile F, Pershagen G, Persson Å, Samoli
E, Stafoggia M, Tonne C, Vlaanderen J, Wolf K, Vermeulen R, Peters A,
Ljungman P. Mixtures of long-term exposure to ambient air pollution, built
environment and temperature and stroke incidence across Europe. Environ
Int. 2023 Sep;179:108136. doi: 10.1016/j.envint.2023.108136. Epub 2023 Aug
9. PMID: 37598594.
[3] Li X, Wang R, Xu R, Deng L, Wang S, Xie K, Li Q, Luo X, Liu Y, Ma W.
Short-Term Exposure to Ambient Air Pollution and Hospital Admission for
Stroke: A Multi-Center Hospital-Based Case-Crossover Study. Toxics. 2026
Aug 3;14(8):685. doi: 10.3390/toxics14080685. PMID: 42646967; PMCID:
PMC13517218.
[4] Liao M, Zhang S, He C, Breitner S, Cyrys J, Naumann M, Braadt L,
Traidl-Hoffmann C, Hammel G, Peters A, Ertl M, Schneider A. Air pollution
and stroke: Short-term exposure's varying effects on stroke subtypes.
Ecotoxicol Environ Saf. 2025 Jun 15;298:118296. doi:
10.1016/j.ecoenv.2025.118296. Epub 2025 May 14. PMID: 40373710.
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interprofessionell und interdisziplinär arbeitende Fachgesellschaft
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