Nachgefragt: DGKL-Vorstand Jan Wolter über Merz, Linnemann und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Bundeskanzler Friedrich Merz hat Ärztinnen und Ärzte – ausdrücklich auch
in der Kinder- und Jugendmedizin – als „Nutznießer“ des Gesundheitssystems
bezeichnet. Gesundheitsminister Carsten Linnemann will parallel die Zahl
der Krankenkassen von 93 auf 20 drücken. Und am kommenden Sonntag wählen
die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag – mit der
AfD als klar stärkster Kraft in den Umfragen.
Für das offizielle Informationsportal der DGKL, MedLabPortal, nimmt Jan
Wolter, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Klinische Chemie und
Laboratoriumsmedizin (DGKL), zu diesen Themen Stellung.
MedLabPortal: Herr Wolter, wenn wir den Bundeskanzler frei interpretieren,
sind Ärztinnen und Ärzte im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin
„Nutznießer“ des Systems. Fühlen Sie sich als Vorstand der DGKL, die
Laborärzte und klinische Chemiker vertritt, ebenfalls vom Kanzler
angesprochen?
Wolter: Offen gestanden fühle ich mich von diesem Kanzler weder
angesprochen, noch verstanden und schon gar nicht vertreten. Aber was er
da gesagt hat, ist schon ein Schlag ins Gesicht für alle im
Gesundheitssystem Tätigen. Dieser Kanzler hat jedwede Bodenhaftung
verloren.
MedLabPortal: Uns hat verwundert, dass der Kanzler als ehemaliger
BlackRocK und HSBC Mittelempfänger ausgerechnet jenen die Leviten liest,
die das Gesundheitssystem am Laufen halten. Kann es sein, dass beim
Kanzler angesichts der anstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt die Nerven
blank liegen?
Wolter: Ich habe nicht den Eindruck, dass bei diesem Bundeskanzler die
Nerven blank liegen müssen, damit er Sätze sagt, die er nicht sagen
sollte. Aber sie entlarven seine Denke.
MedLabPortal: Nun hat aber auch der neue Gesundheitsminister, Carsten
Linnemann, als Ökonom den kühlen Kopf bewahrt, und gegenüber der BILD
attestiert, die Zahl der Krankenkassen von derzeit 93 auf 20 reduzieren zu
wollen. An sich ist das ein guter Gedanke, weil nur noch 20 Kassen die
Gelder der Versicherten durch Fehlinvestitionen am Kapitalmarkt und
Immobilien verpulvern könnten. Stimmen Sie dem Gesundheitsminister zu?
Wolter: Das sind doch alles Scheindebatten und Nebelkerzen. Mich ärgert so
etwas. Wenn man keine Ideen hat, wie man das Gesundheitssystem reformieren
kann, kommt man mit diesen Uralt-Debatten um die Ecke, in der Hoffnung,
damit Stimmung machen zu können. Ich sage es gerne noch einmal: Wir
brauchen kein Herumdoktern, sondern echte Reformen, wir brauchen den
totalen Reset! Zur Zahl der Krankenkassen: Ich denke – und da bin ich
nicht allein –, dass es ein Irrglaube ist, man könnte die
Verwaltungskosten oder gar die Gesundheitskosten signifikant senken, wenn
es nur noch halb so viele oder weniger Krankenkassen gäbe. Und die Hebel
im Gesundheitssystem sind doch ganz andere. Die Verwaltungskosten betragen
weniger als 3,9 Prozent der Gesamtausgaben. Wenn man hier 10 Prozent
einsparen würde, was viel sein dürfte, hätte man keine 0,4 Prozent
eingespart. Glückwunsch!
MedLabPortal: Sie würden also dem Gesundheitsminister nicht empfehlen,
auch die Zahl der Laborketten auf, sagen wir mal, nur noch eine
einzudampfen?
Wolter: Na, die verbleibende Laborkette dürfte sich über die
Monopolstellung aber freuen! Wettbewerb belebt bekanntlich das Geschäft,
sorgt für Innovationen und sinkende Preise. Wir brauchen sicherlich nicht
mehr Marktkonzentration.
MedLabPortal: Heute bleiben wir politisch. Die AfD in Sachsen-Anhalt gilt
laut Verfassungsschutz des Landes als gesichert rechtsextrem – wird aber
trotz dieser Einstufung nicht verboten. Wenn sie aber nicht verboten ist,
darf man sie wählen – mit allen Konsequenzen. Was kommt auf die
Labormedizin zu, wenn die AfD nicht nur in Sachsen-Anhalt die
Regierungsmehrheit erlangt?
Wolter: Als wissenschaftliche Fachgesellschaft stehen wir für
Sachlichkeit, Wissenschaft, Sicherheit und Menschlichkeit. Damit ist alles
gesagt.
MedLabPortal: Laut Parteiprogramm will die AfD die Kliniken stärken, vor
allem die kommunalen. Gibt es einen Pferdefuß?
Wolter: Was bringen mir kommunale Kliniken, wenn ich kein medizinisches
Personal habe? Rund ein Viertel aller Ärzte in Deutschland wurden nicht
hier geboren. In der Altenpflege hat jeder Dritte einen
Migrationshintergrund. Wenn ich das AfD-Programm richtig verstehe, will
man diese Menschen hier nicht haben.
MedLabPortal: Die DGKL ist in den Neuen Bundesländern sehr stark
repräsentiert, die Mitteldeutsche Laborkonferenz zählt zu den
etabliertesten Formaten der gesamten Republik. Wie ist angesichts der
anstehenden Wahlen die Stimmung bei ihren Mitgliedern im Osten?
Wolter: Wir sind eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Wissenschaft
national zu denken ist wie ein Puzzle, bei dem jedes Land nur seine
Puzzleteile verwenden darf. Sie werden nie das vollständige Bild bekommen.
Dem entsprechend ist unsere Fachgesellschaft international vernetzt. Die
Teams in der Forschung wie in der Versorgung sind multinational. Wie wird
da wohl die Stimmung sein? Aber wir dürfen da nicht nur auf Ostdeutschland
blicken, das greift zu kurz.
MedLabPortal: 40 Prozent der Bevölkerung als Neonazis und ganze
Landstriche als “Dunkeldeutschland“ zu verunglimpfen, wie politisch und
medial oft geschehen, führt aus unserer Sicht eher zur Spaltung, als zu
Aufklärung. Warum die Panik vor der AfD? In Italien oder in der Schweiz
laufen trotz ähnlicher Parteien die Uhren auch nicht anders als
hierzulande…
Wolter: Das kann man nicht eins zu eins vergleichen. Aber auch unter
Meloni sieht man eine Schwächung der Demokratie, der Freiheitsrechte und
Medienfreiheit. Machtkonzentration und Repression stärken einen Staat
jedoch nicht, sie schwächen ihn. Nationalistische Regierungen schaden der
Sicherheit, der Kultur, dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und nicht
zuletzt auch der Wissenschaft.
MedLabPortal: Sie befürchten also eine Abwanderung der hochqualifizierten
Fachkräfte – wohin eigentlich?
Wolter: Top-Wissenschaftler mit Migrationshintergrund wären sicherlich
schnell weg – UK, Kanada, Frankreich oder die Niederlande dürften sich
freuen.
MedLabPortal: Aber Kanada ist da sehr restriktiv. Wer über 40 ist, hat im
Aufnahme-Punktesystem schon ganz schlechte Karten. Wer keine Ausbildung
hat, kommt gar nicht erst rein. Trotzdem beschwert sich niemand über das
kanadische Modell. Würde eine Übertragung auf Deutschland der AfD nicht
den Wind aus den Segeln nehmen?
Wolter: Wir sollten nicht immer um die AfD kreisen. Die Politik muss gute
Politik für das Land machen, dann erledigt sich das AfD-Thema von selbst.
Aber ja, bei der Einwanderungspolitik dürften wir uns einiges von anderen
Ländern abschauen können.
MedLabPortal: Als Vorstand der DGKL haben Sie auch direkten Kontakt zur
Politik. Gibt es da noch einen Bezug zur Realität, oder erkennen Sie
bereits die zunehmende Entfremdung gegenüber den Wählerinnen und Wählern?
Wolter: Die gibt es durchaus. Aber ich denke, es würde helfen, wenn ein
Staatssekretär mal ein paar Tage hospitieren würde: in einem
Restaurantbetrieb, in einer Bäckerei, in einer Klinik – und nicht nur mit
DAX-Vorständen, Risikokapitalgebern und großen Beratungskanzleien
sprechen.
MedLabPortal: Die DGKL ist eine wissenschaftlich-medizinische
Fachgesellschaft. Möchten Sie sich dem Bundeskanzler anschließen und den
Ostdeutschen ebenfalls einen Rat vor der Wahl am kommenden Sonntag mit auf
dem Weg geben?
Wolter: Ich finde es etwas vermessen, „den Ostdeutschen“ einen Rat in
Sachen Wahlen zu geben. Ganz allgemein, sollte jeder, der wählen geht,
sich fragen, ob er in zehn Jahren seine Wahlentscheidung vor der nächsten
Generation noch guten Gewissens wird rechtfertigen können. Und mit „das
konnte ich doch nicht wissen“ kann man sich nicht rausreden.
MedLabPortal: Herr Wolter, vielen Dank für Ihre Zeit.
Das Interview führten Marita Vollborn und Vlad Georgescu.
