Prof. Dr. Andreas Simm erhält Großen Preis der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie über 10.000 Euro
Vom Altern des Herz-Kreislauf-Systems über die Entstehung von Lungenkrebs
im Alter bis hin zum Zusammenhang von sozialen Faktoren und Biomarkern:
Mit solchen vielfältigen und essenziellen Fragestellungen beschäftigt sich
Prof. Dr. Andreas Simm seit vielen Jahren. Für seine herausragenden
Leistungen in der Alternsforschung wurde dem Professor für Molekulare
Herz- und Thoraxchirurgie und Direktor des Zentrums für Medizinische
Grundlagenforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg nun
der Große Preis der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie
(DGGG) beim gemeinsamen Jahreskongress der DGGG und DGG in Frankfurt am
Main verliehen.
Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung würdigt seine Forschung zu den
biologischen Mechanismen des Alterns ebenso wie sein langjähriges
Engagement für eine interdisziplinäre Gerontologie.
Der Präsident der DGGG, Prof. Hans-Werner Wahl, merkt zu dieser
Entscheidung des Preiskommitees an: „Prof. Andreas Simm ist für mich aus
drei Gründen ein Idealkandidat für unseren diesjährigen Großen Preis:
Erstens hat er wissenschaftlich Großartiges im Bereich der Biogerontologie
geleistet. Zweitens gehört er zu den wenigen Biogerontologen, die
Interdisziplinarität auch jenseits von Nachbardisziplinen leben. Drittens
versteht er es, biologische Grundlagen des Alterns so anschaulich zu
kommunizieren, dass sie auch bei sozial-, verhaltens- und
pflegewissenschaftlich ausgerichteten Professionen der Alternsforschung
und Altenarbeit tatsächlich ankommen und in ihre Arbeit mitgenommen
werden. Als Past-Präsident der DGGG hat er zudem Außergewöhnliches in
nicht immer leichten Zeiten für unsere Gesellschaft geleistet. Einfach
großartig!“
„Ich fühle mich sehr geehrt durch diese wunderbare Auszeichnung“,
antwortete der Preisträger. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen die
biologischen Prozesse, die das Altern von Zellen, Geweben und Organen
bestimmen. Ein Schwerpunkt sind dabei sogenannte Advanced Glycation
Endproducts (AGEs). Sie entstehen durch Zucker-induzierte, nicht-
enzymatische Veränderungen von Proteinen und können sich im Laufe des
Lebens im Körper anreichern und dadurch beispielsweise das Herz-Kreislauf-
System schädigen. Gleichzeitig zeigten Simms Untersuchungen, dass die AGE-
Bildung auch kurzfristig schützende Eigenschaften entfalten kann, etwa bei
einer Durchblutungsstörung und der anschließenden Wiederherstellung der
Durchblutung in der Herzmuskulatur.
Wie können Schäden durch gealterte Zellen vermieden werden?
Ein weiterer Forschungsschwerpunkt Simms ist die Alterung von Zellen, die
sogenannte zelluläre Seneszenz. Seneszente Zellen teilen sich nicht mehr,
bleiben aber biologisch aktiv und können entzündungsfördernde Botenstoffe
freisetzen. Das kann zu Funktionsstörungen im gesamten Organismus
beitragen. „Hier setzt unsere Forschung bei sogenannten Senotherapeutika
an. Während Senolytika seneszente Zellen reduzieren sollen, zielen
Senomorphika darauf, deren schädliche Eigenschaften zu beeinflussen“,
erklärt der Professor. In einem experimentellen Maus-Modell konnte Simm
gemeinsam mit Kollegen beispielsweise zeigen, dass der senomorphe
Wirkstoff Ruxolitinib die Freisetzung verschiedener Zytokine modifiziert
und Gefäße vor einer Funktionsstörung schützt.
Von Biomarkern und gewonnener Lebensqualität
Die moderne Gerowissenschaft untersucht, wie sich biologische
Alterungsprozesse messen und mit Gesundheit und Lebenserwartung in
Beziehung setzen lassen. Dass dies sehr komplex und bei Weitem noch nicht
abgeschlossen ist, zeigt Simm beispielsweise in einer Übersichtsarbeit aus
2023 gemeinsam mit Kollegen. „Wenn man sich die Forschungsergebnisse der
letzten Jahrzehnte zu Definitionen, Biomarkern und Messgrößen anschaut,
wird deutlich: Es sind noch weitere Anstrengungen nötig, um eine
harmonisierte Definition von gesundem Altern und validierte
Messinstrumente zu entwickeln“, so Simm.
Auch soziale Faktoren bindet der Biogerontologe in sein Forschungsfeld mit
ein. So hat er an eine multizentrische Studie mit Patienten an sieben
deutschen Herzzentren organisiert. Diese wurden vor einer Herzoperation
gefragt, wie sie eine operationsbedingte verbesserte Lebensqualität gegen
eine mögliche Verlängerung der Lebenszeit gewichten. Rund 60 Prozent der
männlichen Patienten entschieden sich unabhängig vom Alter für
Lebensqualität, bei Frauen nahm diese Präferenz mit zunehmendem Alter noch
deutlich zu. Gerade bei älteren Menschen kann also die Frage, wie
gewonnenes Leben erlebt wird, wichtiger sein als die Frage, wie viel
Lebenszeit gewonnen wird.
Leidenschaftlicher Netzwerker
„Ich würde mich als interdisziplinären Biogerontologen bezeichnen“, sagt
Professor Simm. Diese Interdisziplinarität zieht sich durch sein gesamtes
Wirken wie ein roter Faden. So leitet er seit der Gründung im Jahr 2010
das Interdisziplinäre Zentrum für Altern Halle (IZAH), das
Forschungsaktivitäten aus Biologie, Medizin und Gesellschaft
zusammenführt. Er ist Mitglied in sieben Fachgesellschaften, wobei er sein
größtes Engagement der DGGG zuordnet. „Als ich Anfang der 2000er Jahre in
die DGGG eingetreten bin, habe ich sofort die Sektion 1 – Experimentelle
Gerontologie übernommen und war im Präsidium tätig“, erinnert sich Simm.
In den vielen Jahren im Präsidium hat er sogar zweimal die Geschicke der
Fachgesellschaft geleitet und somit deren Profil maßgeblich mitgestaltet.
Nachwuchsförderung und gesellschaftlicher Transfer
Auch der wissenschaftliche Nachwuchs liegt Simm sehr am Herzen. So war er
von 2016 bis 2025 Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs ProMoAge. Seit 2024
leitet er die interdisziplinäre DFG-Nachwuchsakademie GeroPlan, die junge
PostDocs für einen ersten eigenen Sachbeihilfeantrag ausbildet. „Sehr
wichtig ist mir persönlich, die Erkenntnisse der Alternsforschung über den
wissenschaftlichen Kosmos hinaus in die Praxis und breitere Öffentlichkeit
zu tragen“, betont Simm. Seit 2013 organisiert er beispielsweise für
interessierte Pflegekräfte die Geriatrietage an der Medizinischen Fakultät
der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Bereits seit 2004
gestaltet er die öffentliche Ringvorlesung „Die humane Altersgesellschaft:
medizinische und soziale Herausforderung“ – diese verbindet
wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Fragen einer
alternden Bevölkerung.
Über den Großen Preis der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und
Geriatrie (DGGG)
Der 1967 erstmals ausgerichtete Große Preis der Deutschen Gesellschaft für
Gerontologie und Geriatrie (DGGG) wird alle zwei Jahre von der DGGG
vergeben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis zeichnet herausragende
Wissenschaftler auf dem Gebiet der Gerontologie und Geriatrie aus und kann
unter bis zu zwei Preisträgern aufgeteilt werden.
Mehr Informationen und Bewerbungsmöglichkeiten finden Sie unter
Großer Preis der DGGG - Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und
Geriatrie e.V.: https://www.dggg-online.de/ueb
/grosser-preis-der-dggg.html
