Pädagogische Konzeption vor reiner Betreuung: Bundesfachtagung an der Uni Vechta fordert Qualitätsoffensive beim Ganztag
Wenn ab diesem Schuljahr der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für
Grundschulkinder stufenweise greift, darf die Reform nicht an den Mauern
rein organisatorischer Raum- und Betreuungsfragen haltmachen. Zwingend im
Zentrum muss eine sinnvolle, pädagogische Konzeption stehen, die
konsequent vom Kind aus gedacht ist.
Dies ist das zentrale Fazit der
Bundesfachtagung des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes e. V. (pfv) und der
Universität Vechta, auf der rund 130 Expertinnen und Experten aus
Wissenschaft, Politik und Praxis unter dem Titel „Bildungslandschaften als
Gestaltungsaufgabe“ auf dem Campus der Hochschule über die Zukunft der
Grundschulbildung berieten.
Zum Auftakt der Tagung lenkten die Gastgeberinnen und politischen
Vertreter den Blick auf die strukturellen Herausforderungen der Reform.
Professorin Dr. Anke König, Universitätsprofessorin für Allgemeine
Pädagogik und Frühpädagogik an der Universität Vechta sowie
Vorstandsvorsitzende des pfv, verdeutlichte in ihrer Begrüßung, dass der
„Ganztag“ eine Reform der Bildungslandschaften aufruft. Der Rechtsanspruch
lotet die advokatorische Verantwortung gegenüber Kindern in unserer
Gesellschaft neu aus. In den anschließenden Grußworten zeigten sich die
unterschiedlichen Perspektiven: Während eine Videobotschaft aus dem
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
(BMBFSFJ) von Staatssekretärin Mareike Wulf die bundesweiten Finanzhilfen
sowie den rechtlichen Rahmen als Chance für Chancengleichheit betonte,
verwies Hartmut Heinen, Erster Kreisrat des Landkreises Vechta, auf die
kommunale Realität. Heinen warnte davor, Ganztag als reine Betreuungs-
oder Unterrichtsverlängerung zu missbrauchen. Kindern müssten Freiräume
erhalten bleiben, ohne gewachsene gesellschaftliche Strukturen wie
Sportvereine oder Ehrenamt zu verdrängen. Prof. Dr. Marion Döhrmann,
Vizepräsidentin für Studium und Lehre der Universität Vechta, unterstrich
die Bedeutung des Standorts Vechta und hob die moderne Lehrkräftebildung
hervor, in der die enge Verflechtung von Wissenschaft und regionaler
Praxis seit jeher verankert sei.
Doch die folgende Fachtagung zeigte, dass derzeit der Ganztag noch in
einem „Bermudadreieck“ zu versinken drohe – einem Spannungsfeld aus
staatlichen Vorgaben, elterlichen – eventuell durch Arbeit vorgegebenen –
Betreuungsansprüchen und schulischen Kapazitäten, in dem die tatsächlichen
Bedürfnisse der Kinder untergehen könnten. Als Gegenentwurf formulierten
die Tagungsteilnehmenden die Chance einer gelingenden, kooperativen
Triangel. Wenn Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie das Kind als
gleichberechtigte Eckpfeiler zusammenwirken können, kann aus der
Verpflichtung ein echter Bildungsraum werden.
Dass dieses Zusammenwirken in der Praxis an juristischen Grenzen reibt,
verdeutlichte ein Fachdialog zwischen Andreas Hilliger (ehemals
Abteilungsleiter im Brandenburgischen Jugendministerium und derzeit noch
im Vorstand des pfv) und Harald Achilles (ehemals Leiter des
Rechtsreferats im Hessischen Kultusministerium) unter der Moderation von
Bettina Stobbe (Leitung der Geschäftsstelle des pfvs). Hier prallen zwei
historisch gewachsene Systeme aufeinander: Das schulische System
(Schulrecht) mit Schulpflicht und lehrplanbasiertem Auftrag trifft auf die
Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII), die angebots- und beziehungsorientiert
arbeitet.
Beide Experten machten deutlich, dass das Ganztagsförderungsgesetz nur
dann ein Erfolg werden kann, wenn Bildungs- und Betreuungsaufträge nicht
als Konkurrenz verstanden werden. Es brauche klare, verlässliche
Rahmenbedingungen auf Landesebene, um einen „organisatorischen
Verschiebebahnhof“ zwischen Jugendämtern und Schulen zu verhindern. Den
Schulen und ihren lokalen Kooperationspartnern müssen gleichzeitig
ausreichende Freiräume belassen werden, um eigenständige Qualitätsprofile
zu entwickeln.
Den wissenschaftlichen Rahmen unterfütterte Professorin Dr. Anke König in
ihrer Einführung in die Tagung mit aktuellen Forschungsergebnissen aus der
Region. Befragungen von Schulleitungen und Lehrkräften zeigen, dass der
Ganztag vor Ort zwar durchaus als Chance für die Schulentwicklung
begriffen wird, die Befragten weisen aber deutlich auf das Defizit der
Qualität hin und verdeutlichen auch Ankerpunkte für einen gelingenden
Ganztag. Es geht darum, trotz Mangel an Fachkräften, Haushaltslasten und
Verwaltungsstrukturen gemeinsam eine „Protopie“ zu entwickeln, die gute
pädagogische Arbeit ermöglicht. Dazu brauchte es mehr Kommunikation und
Unterstützungssysteme zwischen den gewachsenen Strukturen, um mögliche
Ressourcen aus allen Systemen für den Ganztag zu nutzen. Hier liegen
zentrale Impulse für die ausstehende Qualitätsentwicklung.
Das Fazit der Fachtagung in Vechta fällt eindeutig aus: Ein Gesetz schafft
Räume, aber erst eine gemeinsame pädagogische Idee füllt sie mit Leben.
Der Ausbau des Ganztags muss als Chance genutzt werden,
Bildungslandschaften systemübergreifend neu zu denken – im Sinne der
Kinder.
Weitere Keynotes, Fachvorträge, ausstellende Institutionen und der Besuch
von Einrichtungen im Oldenburger Münsterland rundeten die Fachtagung ab.
Kontakt: https://www.uni-vechta.de/erzi
anke
Interview mit Professorin Dr. Anke König (Stand September 2025)
https://www.wissenschaft-im-no
ganztagsbetreuung/
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.uni-vechta.de/erzi
