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Vor der Biodiversitäts-Weltkonferenz: Forschungsmuseen fordern entschlossenes Handeln

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Im Vorfeld der Weltnaturkonferenz COP17 in Armenien appellieren
Biodiversitätsforschende gemeinsam an die Politik. Sie fordern
entschlossenes Handeln und starke wissenschaftliche Grundlagen, damit die
internationalen Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt wirksam
umgesetzt werden.

Hinter dem Appell stehen das Leibniz-Institut zur Analyse des
Biodiversitätswandels (LIB), das Museum für Naturkunde Berlin (MfN), die
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN), die Staatlichen
Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und das Staatliche
Naturkundemuseum Stuttgart (SMNS). Gemeinsam fordern sie unter anderem
eine verlässliche Finanzierung des Biodiversitätsschutzes, wirksame
Schutzgebiete, eine Stärkung wissenschaftlicher Infrastrukturen und des
Biodiversitätsmonitorings sowie den Abbau biodiversitätsschädlicher
Subventionen.

Der gemeinsame Brief im Wortlaut:

Sehr geehrte/r Abgeordnete des Deutschen Bundestages,

wir, die Unterzeichnenden dieses Briefes, wenden uns an Sie, weil mit der
17. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (CBD COP 17,
19.–30. Oktober 2026) wegweisend entschieden werden wird, ob das
Weltnaturabkommen seine volle Wirkung entfalten kann. Als
wissenschaftliche Institutionen möchten wir Sie mit unserer breiten
Expertise unterstützen.

Mit dem Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework (KMGBF, 2022) hat
sich die Weltgemeinschaft verpflichtet, den Verlust der biologischen
Vielfalt aufzuhalten und bis 2050 ein Leben in Harmonie mit der Natur zu
gestalten.
Dieses Ziel ist erreichbar. Es verlangt jedoch entschlossenes, zügiges
Handeln, belastbare wissenschaftliche Grundlagen und andauernde
internationale Zusammenarbeit. Die COP 17 wird die erste globale
Überprüfung der gemeinsamen Fortschritte (Global Review of Collective
Progress) liefern. Sie ist somit die erste Gelegenheit, ehrlich zu
bilanzieren und bestehende Defizite – entsprechend dem Konferenzmotto
„Taking Action for Nature“ – konsequent anzugehen.

*Handeln für Natur heißt Zukunft sichern *
Biodiversität ist wesentlich mehr als ein Naturschutzthema. Sie bildet die
Grundlage für Ernährungssicherheit, sauberes Wasser, Gesundheit,
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und nicht zuletzt gesellschaftliche
Stabilität. Intakte Ökosysteme mindern die Folgen von
Extremwetterereignissen und gehören zu den wirksamsten und
wirtschaftlichsten Zukunftsinvestitionen.

An Sie appellieren wir, sich für ambitionierte, überprüfbare und
international tragfähige Ergebnisse einzusetzen. Dazu zählen insbesondere
eine verlässliche Finanzierung, die wirksame Umsetzung des 30x30-Ziels,
ein wirksamer Vorteilsausgleich, eine wissenschaftsbasierte Umweltpolitik
– und ein entschlossener Abbau biodiversitätsschädlicher Subventionen.

Wir, die Institute der Unterzeichner, arbeiten gemeinsam, um mit unserer
wissenschaftlichen Expertise, mit innovativen Monitoring-Verfahren und
international vernetzten Dateninfrastrukturen eine glaubwürdige,
evidenzbasierte Überprüfung der Umsetzung des Weltnaturabkommens sowie die
Entscheidung über weitere Umsetzungsschritte zu ermöglichen.

Aus wissenschaftlicher Sicht sehen wir in mehreren Verhandlungsfeldern auf
der COP 17 dringenden Handlungsbedarf:

*Finanzierungslücke schließen – verlässlich und nachvollziehbar*
Die Umsetzung der Ziele des KMGBF erfordert langfristig verlässliche
Finanzierungsmechanismen. Entscheidend sind transparente, überprüfbare
Fahrpläne, die Vertrauen schaffen und Fortschritte nachvollziehbar machen.
Deutschland trägt als einflussreiches Mitglied der Europäischen Union
besondere Verantwortung dafür, dass die vereinbarte Erhöhung der
Biodiversitätsausgaben im EU-Haushalt von 7,5 Prozent auf 10 Prozent (ab
2026) konsequent umgesetzt und durch ein wissenschaftsbasiertes,
transparentes Monitoring begleitet wird. Gleichzeitig müssen
biodiversitätsschädliche Subventionen schrittweise und sozial ausgewogen
abgebaut werden.

*30×30-Ziel: Qualität sichern*
Das Ziel, bis 2030 jeweils 30 Prozent der Land- und Meeresfläche wirksam
zu schützen, gehört zu den wichtigsten Vereinbarungen des
Weltnaturabkommens.
Entscheidend ist dabei nicht allein die ausgewiesene Fläche, sondern ihre
tatsächliche ökologische Wirksamkeit. Zahlreiche Schutzgebiete erfüllen
ihre Schutzfunktion bislang nur unzureichend. Deshalb sollten Fortschritte
künftig konsequent anhand ihrer nachweisbaren Wirkung bewertet werden.
Dafür braucht es international vergleichbare wissenschaftliche Standards
und ein transparentes Monitoring.

*Wissenschaftliche Infrastruktur stärken*
Auf der COP 17 werden die Ergebnisse der ersten „Globalen Überprüfung der
gemeinsamen Fortschritte bei der Umsetzung des Rahmens, einschließlich der
Mittel zur Umsetzung, auf der Grundlage nationaler Berichte und
gegebenenfalls anderer Quellen“ präsentiert werden.
Der Monitoring-, Reporting- und Review-Mechanismus des KMGBF benötigt
belastbare und weltweit vergleichbare Informationen. Die Umsetzung des
Weltnaturabkommens steht und fällt mit der Qualität der verfügbaren Daten.
Nur eine glaubwürdige, evidenzbasierte Überprüfung der Umsetzung liefert
die Basis, um ehrlich zu bilanzieren und – das ist entscheidend – auf
dieser Grundlage konkretes Handeln für ein Leben in Harmonie mit der Natur
abzuleiten.

Naturkundliche Forschungsmuseen leisten hierzu einen unverzichtbaren
Beitrag. Sie bewahren wissenschaftliche Sammlungen von globaler Bedeutung,
verfügen über einzigartige taxonomische Expertise, betreiben langfristige
Forschungs- und Dateninfrastrukturen und stellen kuratierte Datensätze für
Forschung, Politik und Gesellschaft bereit. Sammlungsbasierte
naturwissenschaftliche Forschung ist essenziell für das Verständnis der
Ursachen von Biodiversitätsveränderungen sowie für zuverlässigere
Vorhersagen und Gestaltung zukünftiger Entwicklungen. Innovative
Monitoring-Verfahren ermöglichen es heute, Veränderungen der biologischen
Vielfalt präziser und schneller zu erfassen als jemals zuvor. Sie schaffen
die Grundlage dafür, politische Maßnahmen transparent zu bewerten, ihre
Wirksamkeit zu überprüfen und Investitionen nachvollziehbar zu steuern.
Das sind zentrale Bausteine, damit das Weltnaturabkommen seine volle
Wirkung entfalten kann. Die wissenschaftliche Infrastruktur sollte
deutlich gestärkt und international noch besser vernetzt werden.

*Freien Zugang zu digitalen Sequenzinformationen erhalten*
Digitale Sequenzinformationen (DSI) bilden eine zentrale Grundlage für
Forschung und Innovation, vom Biodiversitätsschutz zu Land und zu Wasser
über Medizin, Landwirtschaft und Pharmazie bis hin zur
Grundlagenforschung.

Der offene, freie und uneingeschränkte Zugang zu diesen Daten muss
weiterhin erhalten bleiben. Gleichzeitig braucht es einen verbindlichen,
praktikablen und global funktionierenden Mechanismus für den
Vorteilsausgleich.

Wissenschaftliche Kooperationen, Kapazitätsaufbau und Technologietransfer
leisten bereits jetzt einen wesentlichen nicht-monetären Beitrag zum
Benefit Sharing und sollten im Rahmen der COP 17 ausdrücklich anerkannt
werden. Den Aufbau des Cali-Funds begrüßen wir als wichtigen Schritt.

*Internationale Glaubwürdigkeit beginnt bei uns*
Die Glaubwürdigkeit internationaler Vereinbarungen hängt entscheidend
davon ab, dass ihre Ziele auch national konsequent umgesetzt werden. Aus
wissenschaftlicher Sicht dürfen bestehende Umwelt- und
Naturschutzstandards nicht abgeschwächt, sondern müssen weiterentwickelt
werden. Das Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ der Bundesregierung
muss langfristig abgesichert, Synergien zwischen Landwirtschaft und
Naturschutz konsequent genutzt und die Renaturierungsmaßnahmen als
Investitionen in die langfristige Sicherung unserer natürlichen
Lebensgrundlagen verstanden werden. Die Extremwetterereignisse der
vergangenen Wochen mahnen uns alle, zügig und konsequent zu handeln.

Wir danken Ihnen für Ihr Engagement und wünschen der deutschen Delegation
erfolgreiche Verhandlungen in Jerewan. Für einen weiteren Austausch stehen
wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Auf Ihre Rückmeldung freuen wir uns.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Dr. h. c. Bernhard Misof (Generaldirektor Leibniz-Institut zur
Analyse des Biodiversitätswandels), Prof. Johannes Vogel Ph. D.
(Generaldirektor Museum für Naturkunde Berlin), Prof. Dr. Klement Tockner
(Generaldirektor Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung), Prof. Dr.
Jörg Overmann (Generaldirektor Staatliche Naturwissenschaftliche
Sammlungen Bayerns) und Prof. Dr. Lars Krogmann (Wissenschaftlicher
Direktor Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart)