Jüngere Menschen sagen seltener „bitte“ – sind dennoch höflich
Sprachwissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin und Universität
Bielefeld zeigen Unterschiede in der höflichen Alltagskommunikation
Wer höflich sein will, sagt „bitte“ und „danke“. Oder? Neue Daten des
Forschungsprojekts „Variantenpragmatik des Deutschen“ belegen: Höflichkeit
in der Alltagssprache ist vielfältiger. Jüngere Sprecher*innen verwenden
seltener „bitte“, greifen aber häufiger auf andere sprachliche Mittel wie
„vielleicht“ zurück.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass jüngere
Menschen nicht unhöflicher sprechen, sondern ein anderes Verständnis von
Höflichkeit haben.
Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der „Berlin Science Week“ am 4. November
2026 nimmt die Forschung zum Anlass, Höflichkeit in Berlin und darüber
hinaus zu hinterfragen.
Höflichkeit ist mehr als „bitte“
Neben „bitte“, „danke“ und der Anrede mit „Sie“ können auch Wörter wie
„vielleicht“ oder „eventuell“ die Verbindlichkeit einer Bitte abmildern.
„Kannst du mir das vielleicht erklären?“ kann deshalb höflich sein, auch
wenn „bitte“ und „Sie“ fehlen.
Das Forschungsprojekt „Variantenpragmatik des Deutschen“ (VariPrag)
untersucht solche kommunikativen Muster. An der Freien Universität Berlin
und der Universität Bielefeld analysiert das Team unter anderem, wie
Menschen Bitten formulieren und welche Rolle Alter und Region dabei
spielen.
Alter und Region prägen Höflichkeitsmuster
„Unsere Daten zeigen deutlich: Jüngere Menschen duzen häufiger als ältere.
Die Wahl der Anrede hängt aber nicht nur vom eigenen Alter ab, sondern
auch davon, wie alt unser Gegenüber ist.“– Janel Zoske, Linguistin an der
Freien Universität Berlin
Dass das Alter der Gesprächspartner*innen die Wahl zwischen „du“ und „Sie“
beeinflusst, mag wenig überraschen. Auffälliger sind die
Altersunterschiede bei anderen sprachlichen Mitteln: 30-Jährige verwenden
„bitte“ in weniger als einem Viertel der untersuchten Bitten, 70-Jährigen
nahezu doppelt so häufig. Trotzdem verzichten jüngere Sprecher*innen nicht
auf Mittel zur Abmilderung. Sie nutzen etwa häufiger „vielleicht“.
Auch regional unterscheiden sich die Muster. In der Schweiz ist es sehr
verbreitet, Personen bei der Begrüßung namentlich anzusprechen („Hoi
Julia!“). In Deutschland und Österreich kommt das seltener vor. Daraus
folgt nicht, dass Schweizer*innen höflicher oder unhöflicher sind.
VariPrag beschreibt sprachliche Konventionen empirisch und bewertet sie
nicht.
Wie VariPrag Höflichkeit untersucht
Die Wissenschaftler*innen arbeiteten hauptsächlich mit Online-Fragebögen.
Die Teilnehmenden erhielten alltagsnahe Situationen und sollten angeben,
wie sie sich äußern würden. So konnten vergleichbare Daten von
Sprecher*innen unterschiedlichen Alters aus Deutschland, Österreich und
der Schweiz erhoben werden.
Untersucht wurden verschiedene sprachliche Mittel, darunter „bitte“, „Sie“
und „vielleicht“. Die Antworten wurden statistisch nach Faktoren wie Alter
und Region ausgewertet.
„Unsere Daten zeigen, welche sprachlichen Muster Sprecher*innen verwenden.
Ob eine Bitte höflich wirkt, können wir daraus aber nicht ableiten. Das
hängt vor allem davon ab, wie die Angesprochenen sie wahrnehmen.“ – Henrik
Discher, Linguist an der Freien Universität Berlin
Berliner Schnauze zwischen Direktheit und Höflichkeit
Wahrnehmung spielt für Höflichkeit eine entscheidende Rolle. Was für
manche direkt und unkompliziert klingt, kann für andere schroff und
unhöflich wirken. Die Podiumsdiskussion „Wie höflich spricht Berlin? Die
Berliner Schnauze auf dem Prüfstand“ greift die unterschiedlichen
Wahrnehmungen auf und stellt sie den VariPrag-Ergebnissen gegenüber.
Zeit: 4. November 2026, 18:15 – 19:45 Uhr
Ort: Freie Universität Berlin, Rost- und Silberlaube,
Hörsaal 2
Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin
Linguistin Svenja Kranich (Universität Bonn) und Journalist Sebastian
Hammelehle (Der Spiegel) diskutieren unter der Moderation von Henrik
Discher und Janel Zoske über sprachliche Höflichkeit, regionale
Unterschiede und die Berliner Schnauze. Die Veranstaltung wird vom Dahlem
Humanities Center und dem Dahlem Center for Linguistics der Freien
Universität Berlin organisiert und findet im Rahmen der „Berlin Science
Week“ statt. Eine Anmeldung ist bis zum 3. November 2026 erforderlich.
Über das Projekt
Das Projekt „Variantenpragmatik des Deutschen – Kommunikative Muster im
Vergleich“ untersucht regionale und soziale Unterschiede in der
Alltagskommunikation in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Beteiligt
sind Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin und der
Universitäten Bielefeld, Salzburg und Zürich. Gefördert wird das Projekt
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), dem Österreichischen
Wissenschaftsfonds (FWF) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF).
Aktuelle Publikationen aus dem VariPrag-Projekt
Ackermann, Tanja, Horst J. Simon, Henrik Discher & Janel Zoske. 2026.
Variation und Wandel im Bereich höflichkeitssensitiver Ausdrücke. In
Annelen Brunner, Gabriele Diewald, Sandra Hansen & Kristin Kopf (Hrsg.),
Deutsch im Wandel (Jahrbuch des Instituts für Deutsche Sprache 2025),
345–368. Berlin & Boston: De Gruyter. DOI: 10.1515/9783112240151-017
Zoske, Janel & Tanja Ackermann. 2026. Social relationship marking in
German from a variationist perspective: Inter- and intra-individual
variation in the use of vocatives and vocative-like NPs. Languages 11(5).
82. DOI: 10.3390/languages11050082
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Henrik Discher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Freie Universität Berlin,
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften, Institut für Deutsche
und Niederländische Philologie, Historische Linguistik, Telefon: +49 30
838 65498, E-Mail:
Janel Zoske, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Freie Universität Berlin,
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften, Institut für Deutsche
und Niederländische Philologie, Historische Linguistik, Telefon: +49 30
838 57763, E-Mail:
Originalpublikation:
https://www.degruyterbrill.com
https://www.mdpi.com/2226-471X
