„Ein großartiger Erfolg!“ | Sprecher Professor Dr. John-Oliver Engler über das Hans Böckler Promotionskolleg
Mit der öffentlichen Auftaktveranstaltung hat das Hans Böckler
Promotionskolleg seine Arbeit aufgenommen. Doch was bedeutet gerechte
Transformation im Alltag der Menschen in ländlichen Räumen? Professor Dr.
John-Oliver Engler – neben Professorin Dr. Jana Zscheischler Sprecher des
Kollegs – im Interview.
Transformation gilt oft als etwas Positives. Das Kolleg widmet sich jedoch
explizit den „Transformationsschmerzen“ und Fragen der Gerechtigkeit.
Warum?
Gesellschaftliche Transformationen sind komplexe Prozesse der Veränderung.
Wir kennen das vielleicht auch aus unserem Alltag: Nicht jede Veränderung
hat man selbst beschlossen, muss aber dann trotzdem damit zurechtkommen.
Manchmal fällt das leicht und manchmal schwer. Dinge können sich eben auch
so verändern, dass das nicht von allen Beteiligten als positiv, fair oder
gerecht erlebt wird und ist. Die Frage nach „gerechter“ Transformation
stellt sich dann automatisch.
Was genau meint das Kolleg, wenn es von „Gerechtigkeit“ spricht?
Wir haben hier bewusst keine einheitliche Definition, weil es diese gar
nicht gibt. Was gerecht ist, hängt davon ab, welche Perspektive ich wähle:
Zählt das Ergebnis, der Prozess dahin oder vielleicht eine Mischung
daraus? Als Paradebeispiel kann hier Robin Hood gelten, der von den
Reichen nimmt, um es den Armen zu geben. Wenn wir dieses Handeln nur vom
Ergebnis her betrachten, tut Robin Hood vielleicht das Richtige, weil er
für mehr Verteilungsgerechtigkeit sorgt. Der Utilitarismus etwa
argumentiert strikt vom Ergebnis her. Vom Prozess her betrachtet, bricht
Robin Hood aber Regeln und Gesetze. Kant würde sagen, dass das erzielte
Ergebnis nicht richtig, also auch nicht gerecht sein kann, weil der Weg
dorthin falsch war. Die Rechtsprechung erkennt diese verschiedenen
Perspektiven an: Es macht einen Unterschied, wie und warum ein Ergebnis
zustande gekommen ist. Wir wollten die verschiedenen Perspektiven
anerkennen, das Kolleg aber perspektivisch und methodisch in diesem Sinne
offenlassen.
Das Kolleg deckt sehr unterschiedliche Felder ab – von der Energiewende
über Digitalisierung bis hin zu Naturschutz und Gleichwertigkeit der
Lebensverhältnisse. Können Sie uns anhand von ein oder zwei konkreten
Beispielen beschreiben, woran die Nachwuchswissenschaftlerinnen und
Nachwuchswissenschaftler in Kombination mit der Postdoktorandin des
Kollegs, Dr. Judith-Maria Maruschke, aktuell forschen?
Das ist richtig und auch zentral: „Die“ Transformation gibt es nicht,
sondern sie manifestiert sich ganz unterschiedlich. Ein Beispiel ist in
Deutschland die Automobilindustrie, die vor massiven Umwälzungen steht,
wie man am Beispiel VW gerade eindrücklich sieht. Eines der
Promotionsprojekte erforscht hier, warum die Transformation der
Automobilindustrie für manche Beschäftigte als gestaltbarer Wandel und für
andere als Kontrollverlust erscheint – und welche strukturellen
Bedingungen dahinterstehen. Ein weiteres Projekt betrachtet die
Digitalisierung ländlicher Räume und fragt, ob und wie Smart-City- und
Smart-Region-Projekte zu gerechter Teilhabe in ländlichen Räumen
beitragen. Dabei geht es sowohl darum, wer von Digitalisierung profitiert,
als auch darum, wer ihre Gestaltung tatsächlich mitbestimmen kann. Bei Dr.
Judith Maruschke laufen die Fäden der einzelnen Projekte in ihrer
Habilitation wissenschaftlich zusammen. Eine ihrer Aufgaben ist es, die
Ergebnisse der Teilprojekte in eine Synthese zu bringen. Eine zentrale
Frage ist hier, ob wir übergeordnete Gelingensbedingungen für die
Transformationen identifizieren können.
Während der Auftaktveranstaltung wurde betont, dass ländliche Räume als
„Reallabor“ wirken. Inwiefern unterscheiden sich die Erkenntnisse, die Sie
hier gewinnen, von Forschungsansätzen aus urbanen Zentren?
Die Forschungsansätze unterscheiden sich nicht, aber natürlich
unterscheiden sich ländliche Regionen mitunter stark von Städten. Wir
wissen im Vergleich recht wenig über die Transformation in ländlichen
Räumen, weil sich Forschung doch noch häufiger auf Städte konzentriert.
Wir wollen im Kolleg unseren Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu
schließen.
Wie profitiert die Region Oldenburger Münsterland konkret und ländliche
Regionen im Allgemeinen von den Ergebnissen des Promotionskollegs?
Wir kennen die Ergebnisse jetzt natürlich noch nicht. Viele der
Promotionsarbeiten vergleichen Regionen miteinander. Dazu kommt dann die
Synthese, die maßgeblich von Dr. Judith Maruschke als Postdoktorandin
kommt. Unsere Hoffnung ist, dass wir dadurch auch allgemeinere Schlüsse
ziehen können, wie etwa die Frage danach, welche Faktoren es für
erfolgreiche Transformation braucht. Neben der Forschung an sich und den
Mitteln von der Hans-Böckler-Stiftung für die Universität Vechta wäre auch
noch der Prestigegewinn für die Universität zu nennen. Die Stiftung gehört
zu den 13 Begabtenförderungswerken in Deutschland. Damit ist sie etwa der
„Studienstiftung des deutschen Volkes“ oder der „Stiftung der deutschen
Wirtschaft“ von der Bedeutung her gleichgestellt. Mit dem Kolleg weisen
wir damit die Universität als Standort für Spitzenforschung und
Nachwuchsförderung zum Thema Transformation und Nachhaltigkeit aus. Das
ist schon ein „Pfund“ für die gesamte Region.
Wie gelingt der Transfer? Wie stellt das Kolleg sicher, dass die
gewonnenen Erkenntnisse am Ende auch den Kommunen oder politischen
Entscheidungstragenden vor Ort bei ihren Handlungskonzepten helfen?
Einerseits werden die Ergebnisse und Zwischenstände regelmäßig mit einem
Beirat besprochen, in dem explizit nichtwissenschaftliche Akteure aus
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Feedback und Hinweise für den
Praxisbezug geben. Der Landrat von Vechta ist dabei, aber auch eine
Unternehmerin und Vertretetende der Gewerkschaften. Es gibt also eine
gewisse Ideendiffusion in beide Richtungen. Andererseits haben wir den
Plan, am Ende eine Art „Weißbuch“ mit den Erkenntnissen zu publizieren.
Das Kolleg ist am Institut VISTRA angesiedelt. Wie fügt sich die Arbeit
der Promovierenden und der Postdoktorandin sowie die breitere Strategie
des Forschungsclusters „Nachhaltigkeitsorientierte
Transformationsforschung in ländlichen Räumen“ (Infokasten) ein?
Das VISTRA hat sowieso einen Fokus auf die Nachwuchsförderung, da wir
bereits vor dem Kolleg schon entsprechende Formate wie das mittlerweile
fest etablierte „Nachwuchstreffen“ entwickelt hatten. Das Promotionskolleg
passt geradezu ideal dazu, da wir auch hier regelmäßige Fort- und
Weiterbildungen haben, die sehr gut zum Gesamtkonzept passen. Das Cluster
selbst war ja über die Stiftungsprofessuren als Anschub für Größeres
gedacht. Man kann wohl behaupten, dass sich diese Strategie ausgezahlt
hat. Jetzt geht es darum, diese gute Basis auf Dauer zu verstetigen.
Die Hans-Böckler-Stiftung fördert das Kolleg maßgeblich. Welche Rolle
spielen das interdisziplinäre Betreuungskonzept und die Vernetzung z. B.
mit Partnerinstituten für die Ausbildung der jungen Forschergeneration?
Das ist natürlich essenziell, wobei wir hier erst am Anfang stehen, da wir
ja noch bis zu drei Stipendien vergeben können und von daher noch gar
nicht vollzählig sind. Aber es stimmt: Durch die Partnerschaft mit anderen
Universitäten und Einrichtungen wie dem KIT oder der Leuphana in
Deutschland, sowie international mit den Universitäten in Utrecht, Lund
oder Vermont haben wir ein hervorragendes Netzwerk an Expertise für das
Kolleg gewonnen, von dem alle Beteiligten profitieren können. Richtig ist
auch, dass wir interdisziplinär arbeiten. Man kann die Probleme im Bereich
Nachhaltigkeit und Transformation ja gar nicht anders lösen. Da kann ich
nicht sagen, „Der ist ja gar kein Ökonom oder Soziologe, mit dem rede ich
nicht.“ Dafür wollen wir natürlich auch den Nachwuchs sensibilisieren.
Wenn Sie vorausblicken – was muss das Kolleg erreicht haben, damit Sie von
einem vollen Erfolg sprechen?
Es ist schon ein großartiger Erfolg, dass wir an einer kleinen Uni im
ländlichen Raum wie Vechta überhaupt den Zuschlag bekommen haben. Die
Sichtbarkeit unserer Uni im Bereich der Transformationsforschung hat sich
dadurch noch einmal sehr erhöht. Wenn dadurch dann auch intern der
Stellenwert der Forschung insgesamt im Vergleich zur Lehre höher würde,
wäre ich persönlich sehr zufrieden. Für das Kolleg freue ich mich, wenn
die Promotions- und Habilitationsprojekte möglichst alle erfolgreich
verlaufen. Dann haben wir gemeinsam wirklich viel erreicht.
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Forschungscluster
Im Forschungscluster „Nachhaltigkeitsorientierte Transformationsforschung
in ländlichen Räumen“ wirken die geförderten Professuren Bioökonomie,
Transformationsmanagement in ländlichen Räumen sowie Innovation und
Entrepreneurship in ländlichen Räumen maßgeblich mit. Zu den stiftenden
sowie unterstützenden Institutionen gehören die Oldenburgischen Industrie-
und Handelskammer (IHK), die Landkreise Cloppenburg und Vechta, die
Genossenschaften im Nordwesten Niedersachsens und der Raiffeisen-Stiftung,
Berlin, sowie das Agrar- und Ernährungsforum Oldenburger Münsterland e.V.
(AEF). Die Aufgaben des Clusters bestehen insbesondere in der
Sicherstellung der Zusammenarbeit und der ganzheitlichen Diskussion des
Forschungsfeldes sowie in der Förderung des Informationsflusses sowie des
Austauschs zwischen den vertretenen Disziplinen. Unterstützt wird das
Cluster durch einen Beirat, der sich aus Vertreterinnen und Vertretern der
Universität sowie der Stifter zusammensetzt.
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Promotionskolleg: www.uni-vechta.de/vistra/promo
VISTRA: www.uni-vechta.de/vistra/forsc
Das komplette Interview: uni-vechta.de/news
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