Interview mit Prof. Dr. Alexandra Löwe: Was stärkt die mentale Gesundheit
Mentale Gesundheit betrifft jeden. Sie hilft, mit Herausforderungen
umzugehen, Beziehungen zu gestalten und den Alltag zu bewältigen.
Anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit am 10. Oktober
erläutert Prof. Dr. Alexandra Löwe, Professorin für Mentale Gesundheit an
der IST-Hochschule und Dozentin für Stressmanagement am IST-
Studieninstitut, im Interview, was Menschen psychisch stärkt, woran man
anhaltende Belastungen erkennt und wann Unterstützung sinnvoll sein kann.
Was bedeutet es eigentlich, mental gesund zu sein? Geht es dabei nur
darum, nicht psychisch krank zu sein?
Prof. Dr. Alexandra Löwe: Mentale Gesundheit, die auch als psychische
Gesundheit bezeichnet wird, ist deutlich mehr als die Abwesenheit einer
psychischen Erkrankung. Sie zeigt sich auch darin, wie wir mit den
Anforderungen des Alltags umgehen, eigene Stärken und Kraftquellen nutzen,
Beziehungen gestalten und uns grundsätzlich handlungsfähig fühlen. Dabei
bedeutet mentale Gesundheit nicht, immer ausgeglichen, glücklich oder
leistungsfähig zu sein.
Auch psychisch gesunde Menschen erleben Stress, Sorgen, Trauer oder
Phasen, in denen es ihnen nicht gut geht. Solche Reaktionen gehören zum
Leben. Entscheidend ist unter anderem, ob wir uns von Belastungen wieder
erholen können und über ausreichend Ressourcen verfügen, um mit ihnen
umzugehen.
Stress gehört für viele Menschen zum Alltag. Wann kann er unsere mentale
Gesundheit beeinträchtigen?
Löwe: Stress ist zunächst eine normale und wichtige Reaktion unseres
Organismus auf Anforderungen. Kurzfristig kann er uns sogar dabei helfen,
konzentrierter und leistungsfähiger zu sein. Entscheidend ist daher nicht
nur, ob wir Stress erleben. Wichtig ist auch, wie stark und wie lange er
anhält und ob wir zwischendurch ausreichend Erholung finden.
Problematisch kann es werden, wenn Belastungen über längere Zeit anhalten
und die vorhandenen Kraftquellen und Unterstützungsmöglichkeiten nicht
mehr ausreichen, um sie zu bewältigen. Wenn Anspannung zum Dauerzustand
wird und Erholung zunehmend ausbleibt, kann sich das auf Wohlbefinden,
Schlaf, Konzentration und langfristig auch auf die psychische Gesundheit
auswirken.
Welche Warnsignale können darauf hindeuten, dass eine psychische Belastung
nicht mehr nur vorübergehend ist?
Löwe: Das lässt sich nicht an einem einzelnen Symptom festmachen.
Aufmerksam werden sollten wir vor allem dann, wenn Veränderungen über
mehrere Wochen anhalten, stärker werden oder den Alltag deutlich
beeinträchtigen. Dazu können Schlafprobleme, starke Erschöpfung,
anhaltende Unruhe, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme oder zunehmender
Rückzug gehören. Auch der Verlust von Interesse und Freude können
auftreten sein. Jedoch bedeutet nicht jedes einzelne Anzeichen
automatisch, dass eine psychische Erkrankung vorliegt, denn solche
Symptome können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb sollte man
keine Selbstdiagnosen stellen. Wenn Beschwerden anhalten oder die
Lebensqualität deutlich einschränken, ist es sinnvoll, professionelle
Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Was schützt unsere mentale Gesundheit und hilft uns, mit Belastungen
besser umzugehen?
Löwe: Mentale Gesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst. Dazu
gehören persönliche Ressourcen, aber ebenso unsere Lebens- und
Arbeitsbedingungen sowie unser soziales Umfeld. Regelmäßige Bewegung,
ausreichend Schlaf, Erholungsphasen und stabile soziale Beziehungen können
wichtige Schutzfaktoren sein.
Ebenso entscheidend ist die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse und
Belastungsgrenzen wahrzunehmen, Unterstützung anzunehmen und Anforderungen
gegebenenfalls zu verändern. Prävention sollte deshalb nicht nur bedeuten,
einzelne Menschen möglichst widerstandsfähig gegen jede Belastung zu
machen. Es geht auch darum, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass
dauerhaft übermäßige Belastungen möglichst gar nicht erst entstehen.
Gerade beim Thema mentale Gesundheit wird häufig über Selbstfürsorge
gesprochen. Liegt es also vor allem am Einzelnen, für seine psychische
Gesundheit zu sorgen?
Löwe: Nein, mentale Gesundheit ist keine reine Privatsache. Natürlich
können wir selbst etwas für unser Wohlbefinden tun. Es wäre aber zu kurz
gegriffen, die Verantwortung ausschließlich beim einzelnen Menschen zu
suchen. Psychische Gesundheit wird auch davon beeinflusst, unter welchen
Bedingungen wir leben und arbeiten, welche sozialen Beziehungen wir haben
und welchen Belastungen wir ausgesetzt sind.
Das gilt beispielsweise auch für Unternehmen und Bildungseinrichtungen.
Angebote zum Stressmanagement können hilfreich sein. Gleichzeitig sollten
Organisationen hinterfragen, ob Arbeitsbelastung, Erreichbarkeit,
Führungskultur und vorhandene Unterstützungsangebote gesundheitsförderlich
gestaltet sind. Mentale Gesundheit braucht daher beides: persönliche
Fürsorge und gute Rahmenbedingungen im Alltag.
Was würden Sie Menschen empfehlen, die merken: „So wie bisher geht es
gerade nicht weiter“?
Löwe: Wer merkt, dass es so nicht weitergeht, muss damit nicht allein
bleiben.
Wer merkt, dass es so nicht weitergeht, muss damit nicht allein bleiben
und sollte dieses Gefühl ernst nehmen. Ein sinnvoller erster Schritt kann
sein, die eigene Situation genauer zu betrachten: Was belastet mich
momentan besonders? Seit wann geht es mir so? Was hat sich verändert? Und
welche Unterstützung könnte mir helfen?
Auch ein Gespräch mit einer vertrauten Person kann entlasten und dabei
helfen, die eigene Situation einzuordnen. Wenn die Belastung jedoch
anhält, immer stärker wird oder den Alltag deutlich beeinträchtigt, sollte
professionelle Unterstützung gesucht werden. Eine erste Anlaufstelle kann
beispielsweise die hausärztliche Praxis oder eine psychotherapeutische
Beratungs- beziehungsweise Behandlungsstelle sein. In akuten
Krisensituationen sollte unmittelbar professionelle Hilfe über den
örtlichen Notdienst beziehungsweise die Notrufnummer 112 gesucht werden.
Sich Unterstützung zu holen, sollte dabei genauso selbstverständlich sein
wie bei körperlichen Beschwerden.
Der Welttag der psychischen Gesundheit macht jedes Jahr darauf aufmerksam,
wie wichtig Prävention, Aufklärung und ein bewusster Umgang mit
psychischen Belastungen sind.
Auch am IST-Studieninstitut spielt das Thema eine wichtige Rolle:
Verschiedene Weiterbildungen vermitteln praxisnahes Wissen rund um
Stressmanagement, mentale Gesundheit und Prävention und qualifizieren
dafür, Menschen im Umgang mit Belastungen professionell zu unterstützen.
Wie beispielsweise „Stress- und Mentalcoach“, „Resilienztraining“ oder
„Gesundheitsberater:in“.
