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Jugendliche mit Hauptschulabschluss werden häufig unterschätzt: Wer nur auf den Schulabschluss schaut übersieht Talente

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Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss haben oft unterschätzte
Potenziale. Viele erreichen ähnliche Kompetenzen wie Jugendliche mit
mittlerem Schulabschluss, ihre Stärken werden jedoch häufig bei der
Ausbildungsplatzsuche nicht erkannt. Weniger mangelnde Fähigkeiten als
vielmehr die starke Orientierung am Schulabschluss benachteiligt viele
Jugendliche.Geringere Bildungsressourcen, Migrationshintergrund und
fehlende berufliche Netzwerke der Eltern erschweren den Einstieg
zusätzlich. Berufsvorbereitende Maßnahmen verbessern die
Ausbildungschancen, sind aber kein Allheilmittel. Besonders wirksam sind
die betriebliche Anbindung und das Nachholen eines höheren
Schulabschlusses.



Viele Betriebe suchen dringend Auszubildende und passende Nachwuchskräfte.
Gleichzeitig verlässt rund jeder vierte Jugendliche die Schule mit
höchstens einem Hauptschulabschluss und hat oft Schwierigkeiten, einen
Ausbildungsplatz zu finden. Ein neuer Transferbericht auf Basis von Daten
des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zeigt: Die Gruppe der Jugendlichen
mit maximal Hauptschulabschluss ist deutlich heterogener als lange
angenommen – viele verfügen über vergleichbare Kompetenzen und Stärken wie
Gleichaltrige mit mittlerem Ab-schluss. Eine Analyse von Anne Christine
Holtmann, Laura Menze und Heike Solga zeigt, welche Potenziale bei der
Vergabe von Ausbildungsplätzen häufig übersehen werden und wie Übergänge
in Ausbildung erfolgreicher gestaltet werden können

Hohe Schulabschlüsse sind heute mehr denn je die Schlüssel für eine
erfolgreiche berufliche Laufbahn. Umso stärker benachteiligt sind
Jugendliche, die das Schulsystem ohne oder mit maximal einem
Hauptschulabschluss verlassen. Sie haben oftmals Schwierigkeiten, einen
Ausbildungsplatz zu finden und nehmen häufiger an berufsvorbereitenden
Maßnahmen teil. Die Gründe für den schwierigen Einstieg in die Arbeitswelt
sind aber vielfältiger als angenommen und lassen sich nicht auf fehlenden
Leistungswillen oder geringe Kompetenzen reduzieren.

Vorhandene Stärken und Kompetenzen werden oft übersehen
Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass Jugendliche mit maximal
Hauptschulabschluss pauschale Kompetenzdefizite aufweisen. Tatsächlich
handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe, die von der Förderschule
bis zum Gymnasium unterschiedliche Schulformen besucht hat. Ein
erheblicher Teil der Jugendlichen mit maximal Hauptschulabschluss erreicht
im Bereich Mathematik- und Lesekompetenz dieselben Werte, wie Jugendliche
mit einem mittleren Bildungsabschluss. Dieses Bild zeigt sich auch bei
Persönlichkeitsmerkmalen wie prosozialem Verhalten oder
Gewissenhaftigkeit.
Die Autorinnen des Transferberichts beanstanden, dass diese individuellen
Stärken zu oft unerkannt bleiben und in beruflichen Auswahlprozessen im
Vergleich zur Wahrnehmung des Schulabschlusses nicht ausreichend
berücksichtigt werden.

Prof. Dr. Heike Solga, Mitautorin der Studie und Wissenschaftliche Leitung
der NEPS-Etappe 6: „Wer nur auf den Schulabschluss schaut, übersieht einen
Teil der Talente, die Betriebe dringend brauchen. Unsere Analysen zeigen,
dass viele Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss über vergleichbare
Kompetenzen und Stärken verfügen wie Gleichaltrige mit mittlerem
Abschluss.“

„Selbst dort, wo Jugendliche bessere Mathematik- und Lesekompetenzen
mitbringen, verbessert dies ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz oft
kaum. Viele Potenziale bleiben dadurch ungenutzt“, so Solga, Direktorin
der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt am Wissenschaftszentrum Berlin
für Sozialforschung (WZB), weiter.

Die Daten zeigen zudem, dass es vielen Jugendlichen nicht an Motivation
mangelt, einen Beruf zu erlernen. So planten 77 % der Jugendlichen mit
maximal Hauptschulabschluss nach Verlassen der Schule eine Ausbildung –
damit lag ihr Anteil sogar höher als bei Jugendlichen mit mittlerem
Bildungsabschluss, von denen viele zunächst einen höheren Schulabschluss
anstrebten.

Der lange Schatten der sozialen Herkunft
Ein weiterer wichtiger Aspekt für Benachteiligung auf dem Ausbildungsmarkt
ist die soziale Herkunft: Welche Ressourcen in Form von Bildungskapital,
Berufserfahrungen und beruflichen Netzwerken der Eltern den Jugendlichen
bei der Ausbildungsplatzsuche zur Verfügung stehen, hängt maßgeblich von
ihrem sozialen Hintergrund ab. Dabei haben etwa doppelt so viele
Jugendliche mit Migrationshintergrund maximal einen Hauptschulabschluss
wie Jugendliche mit einem mittleren Abschluss.

Auch der Bildungsabschluss der Eltern spielt eine große Rolle. 40 % der
Eltern haben selbst maximal einen Hauptschulabschluss und arbeiten zudem
eher in Tätigkeiten im unteren Statusbereich des Arbeitsmarktes. Daher
können Jugendliche mit maximal einem Hauptschulabschluss, im Vergleich zu
jenen mit einem mittleren Bildungsabschluss, bei der Suche nach einem
Ausbildungsplatz seltener auf Erfahrungen und Netzwerke ihrer Eltern
zugreifen.

Mehr als eine Warteschleife: Ausbildungschancen durch Übergangsmaßnahmen
Chancen bieten vor allem berufsvorbereitende Maßnahmen, die von 76 % der
Jugendlichen ohne Schulabschluss und von 41 % der Jugendlichen mit
Hauptschulabschluss besucht werden. Am deutlichsten ist mit 32
Prozentpunkten die Verbesserung für Jugendliche ohne Schulabschluss. Für
Jugendliche mit einfachem Hauptschulabschluss steigen die
Ausbildungschancen um 15 Prozentpunkte, für Jugendliche mit
qualifizierendem Hauptschulabschluss um 8 Prozentpunkte. Die größte
Verbesserung (40 Prozentpunkte) konnte für Jugendliche ohne
Bildungsabschluss festgestellt werden, die während der
berufsvorbereitenden Maßnahmen einen höheren Schulabschluss nachholten.

Zur Verbesserung des Bewerbungserfolgs trug nicht nur die Beteiligung an
der Berufsvorbereitung bei. Insbesondere die Anbindung an einen Betrieb in
dieser Phase ist erfolgsversprechend. Allgemein kann davon ausgegangen
werden, dass Arbeitgeber die Jugendlichen nach einem Jahr oftmals reifer
und motivierter wahrnahmen sowie die Jugendlichen selbst über eine bessere
Berufsorientierung und ein gezielteres Bewerbungsverhalten verfügten.

Trotz aller positiven Effekte zeigt sich aber auch, dass die
Berufsvorbereitung für die Hälfte der Jugendlichen mit maximal
Hauptschulabschluss nicht den gewünschten Erfolg hatte. Für sie führte der
Weg nach der Maßnahme nicht in eine Ausbildung, sondern in eine weitere
Übergangsmaßnahme, in Arbeitslosigkeit oder in eine gering qualifizierte
Erwerbstätigkeit.


Über das NEPS und die Datengrundlage
Die Auswertungen basieren auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS),
der größten Langzeit-bildungsstudie Deutschlands. Für den Bericht wurden
Daten der NEPS-Startkohorte 4 genutzt, in der seit 2010 rund 12.600
Jugendliche ab der 9. Klasse auf ihrem Bildungsweg begleitet werden. Von
diesen sind rund 3.500 Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss,
darunter etwas mehr als 800 von Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen.
Dank der Überrepräsentation von Hauptschulen und der Einbeziehung von
Förderschulen ermöglicht die Studie besonders verlässliche Aussagen über
Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss.

Der Transferbericht ist in der Reihe NEPS Forschung kompakt erschienen,
die aktuelle Forschungsergebnisse des Nationalen Bildungspanels für
Praxis, Politik und Öffentlichkeit aufbereitet. Herausgegeben wird die
Reihe vom Netzwerkausschuss des NEPS.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
https://www.wzb.eu/de/personen/heike-solga Prof. Dr. Heike Solga (WZB)

Originalpublikation:
„Jugendliche mit maximal Hauptschulabschluss: Ressourcen, Hürden und
Chancen beim Übergang in Ausbildung“ https://doi.org/10.5157/NEPS:FK03:1.0
oder https://www.lifbi.de/NFK