Ukrainische Autorin Sofia Andruchowytsch liest am Exzellenzcluster
Annette von Droste-Hülshoff-Lesung am Exzellenzcluster „Religion und
Politik“ – Lesung und Gespräch mit der ukrainischen Autorin Sofia
Andruchowytsch am 20. Oktober in Münster – Auseinandersetzung mit der
politischen Dimension von Erinnerung und deren Auslöschung in Geschichte
und Gegenwart der Ukraine
Die ukrainische Schriftstellerin Sofia Andruchowytsch liest am 20. Oktober
bei der zweiten Annette von Droste-Hülshoff-Lesung des Exzellenzclusters
„Religion und Politik“ der Universität Münster. „Andruchowytsch gehört zu
den bedeutendsten Stimmen der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Mit ihrem
Werk zeigt sie, wie wichtig, aber auch, wie trügerisch Erinnerung sein
kann – und wie Literatur auf ihre ganz eigene Weise die komplexen
Verbindungen von Geschichte, Identität und Macht verdeutlichen kann“, sagt
die Slavistin Prof. Dr. Irina Wutsdorff vom Exzellenzcluster, die in den
Abend einführt und das Gespräch moderiert. Andruchowytsch liest aus ihrem
Romanepos „Amadoka“ (2020). Es ist auf Deutsch in den drei Bänden „Die
Geschichte von Romana“ (2023), „Die Geschichte von Uljana“ (2023) und „Die
Geschichte von Sofia“ (2024) erschienen. Die Autorin liest Auszüge im
Original. Aus den deutschsprachigen Übersetzungen trägt ein Mitglied des
Schauspielensembles des Theaters Münster vor. Die Veranstaltung findet in
ukrainischer und deutscher Sprache statt, das Gespräch dolmetscht Dr.
Tetyana Dagovych. Anschließend lädt der Exzellenzcluster zu einem Empfang
ein. Der Eintritt ist frei. Der Veranstaltungsort ist das Hörsaalgebäude
des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, Raum JO 1 (Johannisstraße 4,
48143 Münster).
Sofia Andruchowytsch, geboren 1982 in Iwano-Frankiwsk, zählt zu den
renommiertesten zeitgenössischen Autor*innen der Ukraine, wie Wutsdorff
ausführt. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges nutzt die vielfach
ausgezeichnete Autorin ihre internationale Bekanntheit auch, um über die
Lage in ihrer Heimat aufzuklären. Zur Annette von Droste-Hülshoff-Lesung
lädt der Exzellenzcluster seit 2024 internationale Schriftstellerinnen und
Schriftsteller ein, die sich in künstlerisch anspruchsvoller Weise mit der
Beziehung von Religion und Politik befassen.
„Andruchowytsch verzichtet auf einfache Schwarz-Weiß-Zeichnungen“
Bereits in ihrem Roman „Felix Austria“ (2014, deutsch „Der Papierjunge“)
entwarf Sofia Andruchowytsch ein Panorama des multireligiösen und
multikulturellen Galiziens um 1900. Mit dem Romanepos „Amadoka“ widmet sie
sich den Themen Verlust und Auslöschung. Benannt nach einem auf antiken
Karten verzeichneten, tatsächlich jedoch nicht existierenden See,
verknüpft der Roman drei traumatische Epochen der ukrainischen Geschichte:
die stalinistischen Repressionen der 1930er Jahre und die Vernichtung der
ukrainischen Intelligenzija („Erschossene Renaissance“), den „Holocaust
der Kugeln“ – die Massenerschießungen während der nationalsozialistischen
Besatzung in den 1940er Jahren – sowie den seit 2014 andauernden Russisch-
Ukrainischen Krieg. „Andruchowytsch verzichtet auf einfache Schwarz-Weiß-
Zeichnungen. Indem sie Täter und Opfer in ihrer menschlichen Ambivalenz
zeigt, hinterfragt sie moralische Grenzziehungen ebenso wie die Gewalt,
die der Konstruktion von Familiengeschichten und nationalen Mythen
eingeschrieben sein kann“, so Wutsdorff. Auch auf der Bühne hat der Roman
Resonanz gefunden: Die Inszenierung von Dušan David Pařízek, eine
Produktion des Prager Theaters Divadlo X10 und des Festivals „Theater der
Welt“, wurde im April 2026 in Prag uraufgeführt und im Juni beim Festival
in Chemnitz erstmals dem deutschen Publikum präsentiert.
Für ihr literarisches Schaffen erhielt Andruchowytsch zahlreiche
Auszeichnungen. 2024 wurde sie gemeinsam mit ihrem Übersetzungsteam
Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck mit dem Internationalen
Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet. „Amadoka“ erhielt darüber hinaus den
Internationalen Literaturpreis des Kulturhuset Stadsteatern (Schweden,
2025), den Encounter – Ukrainisch-Jüdischen Literaturpreis
(Kanada/Ukraine, 2023) sowie den Sholem-Aleichem-Preis (Ukraine, 2023).
Die erste Annette von Droste-Hülshoff-Lesung am Exzellenzcluster hielt
2024 der algerische Schriftsteller Boualem Sansal. „Das Verhältnis von
Religion und Politik ist nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher
Forschung. Es wird seit jeher auch in der Literatur verhandelt. Dabei
werden Fragen und Nuancen, Dilemmata und Konflikte mit literarischen
Mitteln anders zum Ausdruck gebracht, als die wissenschaftliche
Beschäftigung mit Religion und Politik es zu tun vermag“, erläutert Prof.
Dr. Wolfram Drews, Sprecher des Exzellenzclusters, der den Abend eröffnet.
Die Lesereihe ist nach der aus dem Münsterland stammenden Annette von
Droste-Hülshoff (1797–1848) benannt, die zu den bedeutendsten
Schriftstellerinnen deutscher Sprache gehört. „Ihr kritischer Blick auf
Religion und Gesellschaft macht ihr Werk bis heute auf vielfache Weise
aktuell“, so Drews. (fbu/vvm)
Lesung und Gespräch mit Sofia Andruchowytsch
Dienstag, 20. Oktober 2026, 18.15 Uhr
Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters „Religion und Politik“, Raum JO 1,
Johannisstraße 4, 48143 Münster
Der Eintritt ist frei.
