Zehn Lehren aus der Geschichte für Europas Aufrüstung
Die meisten europäischen Länder sind nicht ausreichend auf einen Krieg
vorbereitet. Damit wirken sie auf mögliche Aggressoren weniger
abschreckend und riskieren sogar, dass ein Angriff früher erfolgt, warnt
der Wirtschaftshistoriker Mark Harrison (University of Warwick) in einem
neuen Kiel Report. Aus den beiden Weltkriegen zieht er zehn Lehren dafür,
wie Europa seine Industrie für den Ernstfall rüsten kann.
In den 1930er-Jahren drohten die Demokratien Japan und Italien mit
Sanktionen, waren aber nicht bereit, notfalls auch militärisch zu handeln.
Die Aggressoren deuteten das als Schwäche. Nach Harrisons Analyse
wiederholte sich dieses Muster, als Russland die Krim annektierte und in
die Ukraine einmarschierte. Und heute, während Russland einen
vollumfänglichen Krieg gegen die Ukraine führt, gibt Europa gemessen an
seiner Wirtschaftsleistung nur etwa ein Drittel so viel für das Militär
aus wie Russland.
„Dreißig Jahre lang habe ich meinen Studierenden erklärt, die Ökonomie der
Weltkriege sei Geschichte – Atomwaffen würden lange Kriege zwischen
Großmächten verhindern. Ich lag falsch. Die Ukraine zeigt:
Abnutzungskriege sind zurück“, sagt Mark Harrison, Professor an der
University of Warwick (CAGE) und CEPR.
Der Kiel Report „Industriepolitik für Verteidigung: Lehren aus der
Geschichte“ (https://www.kielinstitut.de/d
/industriepolitik-fuer-die-ver
beginnt mit einer Grundsatzfrage: Wozu braucht die Rüstungsproduktion
überhaupt den Staat, wenn öffentliches Geld ohnehin einen Markt für Waffen
schafft? Harrison nennt zwei Gründe – sie bilden die ersten beiden seiner
zehn Lehren.
Lehre 1: Rüstungsfabriken brauchen öffentliche Finanzierung
Private Unternehmen scheuen sich, Fabriken zu bauen, die vielleicht nur
kurze Zeit oder nie gebraucht werden. Im Ersten Weltkrieg dauerte es zwei
Jahre, bis Deutschland das Problem erkannte. Als es 1916 begann, in großem
Stil neue Rüstungsfabriken zu bauen, war es zu spät – einige Projekte
wurden bis zur Niederlage nicht mehr fertig. Eine zeitgemäße Lösung sind
Kapazitätsverträge: Der Staat zahlt Rüstungsfirmen eine Vorhaltegebühr,
damit sie Produktionskapazitäten über den Friedensbedarf hinaus aufbauen.
„Kein Unternehmen baut eine Fabrik, die vielleicht nur ein paar Monate
gebraucht wird – oder nie. Wenn Regierungen diese Kapazitäten wollen,
müssen sie das Risiko mittragen“, sagt Harrison.
Lehre 2: Friktion ist der Feind der Mobilmachung
1914 zogen alle Großmächte mit Munitionsvorräten in den Krieg, die nur für
einige Wochen oder Monate ausgelegt waren. Schon bald fehlte es auch an
Geschützen, Uniformen und Lebensmitteln, und die Fabriken gingen in
widersprüchlichen Aufträgen unter. Vorausschauende Planung mindert solche
Friktionen – selbst dann, wenn sich die Pläne am Ende als falsch erweisen,
so der Report.
Weitere Lehren
Autarkie ist eine Illusion.
Wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Ausland verspricht Sicherheit, hat in
beiden Weltkriegen aber die Kosten des Krieges in die Höhe getrieben. Im
nationalsozialistischen Deutschland band die Herstellung von synthetischem
Öl aus Kohle rund eine halbe Million Arbeitskräfte und verschlang enorme
Summen. Großbritannien setzte dagegen auf Verbündete und Handelspartner.
Seine Kriegswirtschaft war dadurch flexibler und kostengünstiger.
Es gibt kein technologisches Entkommen.
In beiden Weltkriegen träumten die Verantwortlichen von einer Wunderwaffe,
die dem Töten rasch ein Ende setzen sollte: im Ersten Weltkrieg von
Giftgas und U-Booten, im Zweiten von Langstreckenbombern, von sogenannten
Vergeltungswaffen und der Atombombe. Keine davon beendete den
Abnutzungskrieg. Ein technologischer Vorsprung half bestenfalls dabei, den
Gegner schneller zu zermürben. Die Ukraine zeigt zudem, dass sich ein
Abnutzungskrieg auch im Schatten von Atomwaffen führen lässt.
Inkompetenz und Selbstbereicherung sind Luxusgüter.
Die deutsche Flugzeugindustrie hatte im Zweiten Weltkrieg Ressourcen im
Überfluss, war aber so schlecht organisiert, dass sie weit ins
Hintertreffen geriet. Weil das Militär ständig höhere Qualität und neue
Änderungen verlangte, kamen lange, effiziente Serien gar nicht erst
zustande. Die wirtschaftlich überlegenen Alliierten konnten sich solche
Fehler leisten – ihre Gegner nicht.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist zurück.
Die Größe einer Volkswirtschaft bestimmt, wie viel ein Land höchstens in
einen Krieg stecken kann. Japan mobilisierte rund 75 Prozent seines BIP
für den Zweiten Weltkrieg, weit mehr als die USA – doch die US-Wirtschaft
war fast fünfmal so groß. Dieser Größenvorteil verpufft nur, wenn eine
Seite entschlossener ist als die andere. Im Vietnamkrieg war die US-
Wirtschaft der nordvietnamesischen haushoch überlegen. Nordvietnam aber
war entschlossen, um jeden Preis zu kämpfen – und das gab den Ausschlag.
„Die geopolitische Rivalität ist zurück – und mit ihr das BIP. Russlands
BIP ist fünfmal so groß wie das der Ukraine allein. Zusammen mit ihren
Verbündeten kommt die Ukraine jedoch auf ein Vielfaches des russischen
BIP. Auf die Probe gestellt wird nicht nur die Wirtschaftskraft, sondern
auch die Entschlossenheit“, sagt Harrison.
Krieg ist nicht das einzige Risiko.
Industriepolitik für den Kriegsfall schafft Interessengruppen, die man nur
schwer wieder loswird. In Großbritannien schwächte die enge Verflechtung
von Staat und Industrie, die im Krieg entstanden war, über Jahrzehnte den
Wettbewerb und bremste das Wachstum. Dennoch hält Harrison diese Risiken
für geringer als die unmittelbare Gefahr eines neuen Krieges zwischen
Großmächten.
„Europa wird in den kommenden Jahren deutlich mehr für Verteidigung
ausgeben. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wie. Das 20. Jahrhundert
ist das größte Versuchslabor, das wir dafür haben. Mark Harrisons zehn
Lehren gehören auf den Schreibtisch jedes Verteidigungsministeriums in
Europa“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für
Weltwirtschaft.
Panel
Mark Harrison stellt den Report am 14. Oktober 2026 um 18 Uhr im
Bundespresseamt in Berlin vor – gemeinsam mit Sönke Neitzel und Moritz
Schularick. Es moderiert Anna Engelke (ARD). Veranstalter sind das Kiel
Institut, die Deutsche Atlantische Gesellschaft und die Universität
Potsdam.
Melden Sie sich gerne hier an: https://ata-dag.de/veranstaltu
from-history-building-the-indu
defence/
Lesen Sie den Kiel Report jetzt: „Industriepolitik für Verteidigung:
Lehren aus der Geschichte“/https://www.kielin
/industriepolitik-fuer-die-ver
