Wissenschaftskommunikation: gerne kontrovers, aber bitte konstruktiv!
Stuttgarter Hochschule der Medien entwickelt mit Förderung der Klaus
Tschira Stiftung ein neues Dialogformat zu Zukunftsfragen.
Was braucht es, damit Menschen
wirklich ins Gespräch kommen darüber, was für die gemeinsame Zukunft
wichtig ist – und nicht bloß lautstark Meinungen austauschen? Darum geht
es im Projekt „Our Common Future“, das von der Klaus Tschira Stiftung
gefördert wird.
Die Projektleitung hat Alexander Mäder. Er ist Professor für digitalen
Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er und sein Team
entwickeln neuartige Beteiligungsformate der Wissenschaftskommunikation –
in öffentlichen Räumen, bei Veranstaltungen oder auch auf Marktplätzen.
Über 15 interaktive Bürgerdialoge hinweg soll es im Projekt um
Zukunftsthemen gehen, beispielsweise um die Frage, ob uns technische
Lösungen in der Klimakrise retten können. Die Debatte wird zunächst in
Präsenz im so genannten „Unterhausformat“ geführt und anschließend digital
fortgesetzt. Das Format ist nach dem britischen Parlament benannt, weil
sich das Publikum in zwei Fraktionen gegenübersitzt, während es
diskutiert.
Mit der Bewegung im Raum sortiert sich auch der Kopf neu
Nach kurzen Infoblöcken vom Moderationsteam mit Studien, Beispielen und
anderen Fakten werden den Teilnehmenden alltagsnahe Fragen gestellt. Mit
der Antwort entscheiden sich die Teilnehmenden für die Ja- oder Nein-Seite
im Raum. „Obwohl sich die Menschen gegenübersitzen, entsteht eine
konstruktive Debatte“, weiß Mäder aus der Erfahrung von über 50 solcher
Dialoge, die er mit Carina Frey und Rainer Kurlemann moderiert hat.
Wie geht das? Es bleibt nicht bei der zu Anfang gewählten Seite. Im
Verlauf des Dialogs werden Entscheidungen diskutiert, erklärt, revidiert.
Alle kommen zu Wort, Gemeinsamkeiten werden entdeckt, strittige Punkte
herausgearbeitet – und nicht selten lässt sich jemand überzeugen und
wechselt die Seite, verändert also im wahrsten Sinn des Worts seine
Position. „Mit der Bewegung im Raum sortiert sich auch im Kopf einiges
neu“, sagt Mäder und lächelt. Ihm und dem Team geht es auch um die
Vielfalt der Perspektiven. Es kann kontrovers, soll aber immer konstruktiv
diskutiert werden.
Von der Begegnung, ins Netz und in die Öffentlichkeit
Im Verlauf der Debatte erläutert das Publikum eigene Erfahrungen und
skizziert erste Lösungsideen und Szenarien. In der Diskutier-App
„Background“, die Sebastian Bock und Lawrence Fulton für dieses Projekt
weiterentwickelt haben, wird die Diskussion dann vertieft. Mit den
Teilnehmenden aus verschiedenen Orten entsteht eine diverse Community mit
dem gemeinsamen Interesse eines lebendigen Austauschs.
Darüber hinaus werden Beiträge bei RiffReporter.de, einer
genossenschaftlich verwalteten Online-Plattform, publiziert und die
Ergebnisse in Politik und Gesellschaft zurückgespielt. Während des ganzen
Projekts werden die Teilschritte evaluiert und schrittweise verbessert.
Zum Schluss soll ein Handbuch entstanden sein, das den Transfer des
Dialogformats ermöglicht.
„Wir möchten, dass unser Publikum am Ende urteilt: Wir haben nicht nur gut
miteinander geredet, sondern auch etwas bewirkt“, so Projektleiter Mäder.
Das stärkt seiner Ansicht nach die Demokratie, weil so Bürgerinnen und
Bürger merken, dass ihre Meinung relevant ist.
Derzeit werden in ganz Deutschland Orte und Plätze gesucht sowie
Organisationen und Verbände angesprochen, um „Our Common Future“
niederschwellig anzubieten und auch gezielt neue Gruppen anzusprechen, die
bisher schwer erreichbar waren.
Autorin: Kirsten Baumbusch (kirsten.baumbusch@klaus-tschi
