Formel 1 als Reallabor
Beim Dutch Grand Prix testeten TU Berlin und FIA zwei Filtersysteme, die
Reifenabrieb und andere Schadstoffe aus Regenwasser auffangen sollen
Wenn es auf Straßen und Rennstrecken regnet, wird weit mehr als
gewöhnlicher Schmutz weggespült: Reifen- und Bremsabrieb, Mikroplastik,
Staub und andere feine Partikel sammeln sich auf der Fahrbahn und können
mit dem Regenwasser in Kanalisation, Flüsse und Seen gelangen. Wie sich
diese Stoffe möglichst nah an ihrem Entstehungsort zurückhalten lassen,
erforscht die TU Berlin mit dem Projekt URBANFILTER.
Am vergangenen
Wochenende, dem 22. und 23. August 2026, kam das an der TU Berlin
entwickelte Filterkonzept nun auf einer besonderen Teststrecke zum
Einsatz: beim Formel-1-Grand-Prix im niederländischen Zandvoort. Gemeinsam
mit dem Motorsport-Weltverband FIA – Fédération Internationale de
l’Automobile wurden zwei speziell für den Circuit Zandvoort entwickelte
Prototypen in das Entwässerungssystem der Rennstrecke eingebaut. Damit
wird URBANFILTER erstmals unter den besonderen Bedingungen des
internationalen Spitzenmotorsports erprobt.
Partikel auffangen, bevor sie in die Umwelt gelangen
URBANFILTER setzt dort an, wo Reifenabrieb und andere Verunreinigungen mit
dem Regenwasser von der Straße abfließen. Statt die Partikel erst
aufwendig aus Gewässern oder Abwassersystemen entfernen zu müssen, sollen
sie möglichst unmittelbar am Ort ihrer Entstehung aufgefangen werden. Das
seit 2020 am ehemaligen Fachgebiet Siedlungswasserwirtschaft entwickelte
Konzept besteht aus verschiedenen Filtermodulen, die sich an die
Bedingungen des jeweiligen Standorts anpassen lassen. Denn nicht jeder
Straßenablauf ist gleich belastet: Verkehrsaufkommen, Straßenführung,
Niederschlag und die Zusammensetzung der Schmutzpartikel unterscheiden
sich erheblich. Die Filter müssen deshalb nicht nur möglichst viele
Partikel zurückhalten, sondern auch gewährleisten, dass Regenwasser
weiterhin zuverlässig abfließen kann.
Das System wurde in den vergangenen Jahren im Labor und unter realen
Bedingungen erprobt, unter anderem in Berlin und Kopenhagen sowie auf
Teststrecken. Bei bisherigen Untersuchungen konnten je nach
Versuchsbedingungen sehr hohe Rückhalteraten von bis zu 99 Prozent
erreicht werden. Der Einsatz in Zandvoort markiert nun einen weiteren
Schritt: Erstmals wird untersucht, wie sich eigens angepasste Prototypen
bei einem Formel-1-Rennwochenende bewähren.
Zwei Prototypen für 3.300 Quadratmeter Rennstrecke
Bereits im Vorfeld hatten die Forschenden Proben am Circuit Zandvoort
genommen und untersucht, welche Partikel dort unter Motorsportbedingungen
auftreten. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurden zwei Filtersysteme für
die Streckenentwässerung entwickelt.
Die beiden Prototypen erfassen gemeinsam das Regenwasser von einer Fläche
von rund 3.300 Quadratmetern im Bereich der Boxengasse und der ersten
Kurve, der sogenannten Tarzanbocht. Bevor das Niederschlagswasser das
Gelände verlässt, sollen die Filter darin enthaltene Partikel
zurückhalten. Das gesammelte Material kann anschließend untersucht werden.
Zugleich liefert der Einsatz wichtige Daten darüber, wie leistungsfähig
und wartungsfreundlich die Systeme unter realen und stark wechselnden
Belastungen sind.
„Zandvoort ist einer der spektakulärsten Orte, an denen wir bislang Proben
genommen haben. Aus wissenschaftlicher Sicht bietet uns die Zusammenarbeit
mit der FIA eine einzigartige Gelegenheit, Partikelemissionen im
Motorsport unter realen Bedingungen zu untersuchen und zugleich zu sehen,
wie sich unser URBANFILTER-Konzept bei einem Formel-1-Rennen bewährt“,
sagt Dr. Johannes Neupert, der das Projekt nun am Fachgebiet
Wasserwirtschaft leitet.
Von Berlin nach Zandvoort – und zurück auf die Straße
Dass die Technologie nun bei einem Formel-1-Rennen getestet wird, ist das
Ergebnis einer Kooperation von Wissenschaft, Umweltschutz und Motorsport.
Die Grundlagen für URBANFILTER wurden an der TU Berlin mit Unterstützung
der Audi Stiftung für Umwelt und weiteren Partnern, wie ARIS, GKD und der
Wasserverband Weddel-Lehre, entwickelt. Für die aktuelle Erprobung
arbeiten die Forschenden mit der FIA und dem Circuit Zandvoort zusammen;
unterstützt wird das Vorhaben durch die FIA Foundation.
Innerhalb von etwas mehr als einem Jahr führte der Weg von den ersten
Proben an der Rennstrecke über die Analyse der dort vorkommenden Partikel
bis zur Konstruktion und Fertigung der beiden Prototypen. Nach dem Grand
Prix werden nun die gesammelten Partikel und Betriebsdaten ausgewertet.
Damit schließt sich der Kreis zum ursprünglichen Ziel von URBANFILTER:
Lösungen zu entwickeln, die Verschmutzungen nicht erst bekämpfen, wenn sie
bereits in Flüsse, Seen und Meere gelangt sind. Die Partikel sollen dort
aufgefangen werden, wo sie entstehen – auf der Straße.
