Gerinnungsstörungen bei Covid-19: Herzkranke dürfen Blutverdünner auf keinen Fall absetzen!
Deutsche Herzstiftung mahnt Herzpatienten zur Einnahme ihrer
Gerinnungshemmer für die Infarkt-Prophylaxe. Klinikärzte sind auf
Management von Gerinnungsstörungen bei Covid-19-Erkrankten vorbereitet
In medizinischen Fachkreisen und den Medien häufen sich Berichte über
Störungen des Gerinnungssystems bei Patienten mit einer
Covid-19-Erkrankung. Mediziner sehen gar einen Zusammenhang zwischen den
Gerinnungsstörungen und schwerwiegenden Verläufen der Covid-19-Erkrankung
mit Komplikationen wie tiefen Beinvenenthrombosen und Lungenembolien bis
hin zum Tod. Als Ursache hierfür wird eine übermäßige Aktivierung der
Gerinnungsfaktoren („Hyperkoagulabilität“) und der Blutplättchen mit einer
erhöhten Neigung zur Thrombenbildung in den Gefäßen vermutet. „Besonders
Patienten mit Herzleiden, die mit einer erhöhten Gefahr für Embolien und
Infarkte einhergehen und deshalb dauerhaft mit Gerinnungshemmern, den
,Blutverdünnern‘, behandelt werden, sind derzeit extrem verunsichert“,
berichtet der Kardiologe PD Dr. med. Gerian Grönefeld vom
Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung
(www.herzstiftung.de).
Millionen von Herzpatienten bedürfen langfristig einer Thromboseprophylaxe
mit Gerinnungshemmern wie den sogenannten oralen Antikoagulanzien
(Marcumar/Falithrom, oder die neuen DOAKs*). Dies betrifft insbesondere
Herzkranke mit der häufigsten Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern sowie
Patienten mit einer künstlichen Herzklappe. Auch Patienten nach
Herzinfarkt müssen ihre Plättchenhemmer wie ASS, Clopidogrel sowie
Prasugrel und Ticagrelor weiter zuverlässig und ununterbrochen einnehmen.
„Für diese Patienten besteht aktuell kein Grund zur Besorgnis. Kliniken,
die Covid-19-Patienten versorgen, sind in aller Regel auf solche erhöhten
Gerinnungsaktivitäten und damit verbundene medizinische Vorkehrungen zur
Verminderung von Embolierisiken vorbereitet“, versichert der Chefarzt der
I. Medizinischen Abteilung Kardiologie der Asklepios Klinik Barmbek. Mit
besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden von den Medizinern auch die mit
Gerinnungshemmern verbundenen Blutungsrisiken. „Besonders diese Patienten
mit Gerinnungshemmern sollten weiterhin auf die konsequente Einnahme ihrer
Medikamente für die Thromboseprophylaxe achten.“
Bei Covid-19-Erkrankung: Ärzte und Klinik über Blutverdünner-Einnahme
informieren
Im Fall einer Infektion mit dem Coronavirus sollten Patienten ihren Arzt
und die Klinikärzte über die bestehende Thromboseprophylaxe unbedingt
informieren, um somit eine unerwünschte Doppelbehandlung mit
Gerinnungshemmern zu vermeiden. Die Herzstiftung empfiehlt hier den
Notfallausweis für Herzpatienten, in den wichtige Angaben zur
Herzerkrankung und den Medikamenten eingetragen werden können. Der
Notfallausweis kann kostenfrei unter www.herzstiftung.de/notfallaus
oder per Telefon unter 069 955128-400 bestellt werden.
Intensiv- und Notfallmediziner forderten jüngst in einer Erklärung der
Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und
Notfallmedizin (DGIIN), dass eine Thromboseprophylaxe und Blutverdünnung –
abhängig vom Risikoprofil des Patienten - eine stärkere Rolle in der
Behandlung von Covid-19-Patienten spielen müssen.
Übermäßige Gerinnbarkeit des Blutes als Entzündungsreaktion
Experten schätzen, dass rund 20 Prozent der Covid-19-Patienten als
Begleiterkrankung schwere Gerinnungsstörungen mit der Folge venöser
Thromboembolien aufweisen. Solche Gefäßverschlüsse sind bei
Covid-19-Fällen aufgetreten, die einen schweren oder tödlichen
Krankheitsverlauf hatten. Die Gefäßverschlüsse können zu
lebensgefährlichen Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und
Lungenembolie führen. Den Grund für die häufige Thrombosebildung bei
Covid-19-Patienten vermuten Mediziner in einer übermäßigen Gerinnbarkeit
des Blutes, der Hyperkoagulation, die sie auf eine Entzündungsreaktion im
Zuge der Covid-19-Erkrankung zurückführen. Eine italienische Analyse von
Studien aus China (F. Violi et al., Thrombosis and Haemostasis 2020) ergab
bei Laborwerten von Covid-19-Patienten einen Anstieg des Proteins D-Dimer,
das gebildet wird, wenn sich in den Blutgefäßen Gerinnsel gebildet haben
und bei der körpereigenen Auflösung von Blutgerinnseln entstehen. Auch in
einer Obduktionsstudie von Hamburger Forschern am Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf (UKE) auf Basis von Autopsien von an Covid-19
Verstorbenen wurde bei der Mehrheit der Fälle eine Beinvenenthrombose oder
Lungenembolie festgestellt (Wichmann D. et al., Annals of Internal
Medicine 2020).
In Corona-Zeiten wichtig: Mit Bewegung und gesunder Ernährung das Herz fit
halten
In Zeiten der Corona-Krise ist ein gesunder Lebensstil mit gesunder
Ernährung und möglichst regelmäßiger Bewegung für Herzpatienten besonders
wichtig, um so auch das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung
zu verringern. Die Herzstiftung und Herzspezialisten empfehlen
Herzpatienten deshalb Laufen oder Radfahren an der frischen Luft und
Gymnastik zu Hause, z. B. mit Übungen in Trainingsvideos aus dem Internet,
vom Sportverein oder der Herzsportgruppe. Die körperliche Aktivität tut
nicht nur der Seele gut, sondern hilft dabei, die Durchblutung und
Gefäßelastizität zu fördern und sein Herz fit zu halten.
*DOAKs: Direkte orale Antikoagulanzien
Quellen:
F. Violi et al., Hypercoagulation and Antithrombotic Treatment in
Coronavirus 201
9: A New Challenge. Thrombosis and Haemostasis 2020; online erschienen am
29.4.2020
DOI https://doi.org/10.1055/s-0040
Wichmann D. Autopsy Findings and Venous Thromboembolism in Patients With
COVID-19 - A Prospective Cohort Study, Annals of Internal Medicine, 6th
May 2020, https://doi.org/10.7326/M20-20
https://www.acpjournals.org/do
Service für Herzpatienten: Der Notfallausweis der Herzstiftung kann
kostenfrei angefordert werden unter www.herzstiftung.de/notfallaus
oder per Tel. unter 069 955128400 und per E-Mail unter
