Prof. Dr. Stefan Kluge  Fotograf: Ronald Frommann
Prof. Dr. Stefan Kluge Fotograf: Ronald Frommann

Wie sieht die bestmögliche intensivmedizinische Therapie von Patienten mit
COVID-19 aus? Die Behandlung der neuartigen Lungenkrankheit führt
beispielsweise zu Änderungen in der Beatmungstherapie, der
Medikamentenversorgung oder der Thromboseprophylaxe. Dazu haben heute
führende medizinische Fachgesellschaften aktualisierte Empfehlungen
publiziert, die jedem Mediziner bei der zielgerichteten Behandlung
betroffener Patienten helfen.

„Diese neue Leitlinie findet einen breiten Konsens unter den beteiligten
Experten sowie medizinischen Vereinigungen und gibt damit behandelnden
Ärzten mehr Sicherheit bei der Arbeit“, unterstreichen die Präsidenten der
beiden federführenden Fachgesellschaften, Professor Uwe Janssens von der
Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin
(DIVI) sowie Professor Stefan John von der Deutschen Gesellschaft für
Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN).

Unter dem Titel „Empfehlungen zur intensivmedizinischen Therapie von
Patienten mit COVID-19“ soll die bei der Arbeitsgemeinschaft der
Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) publizierte
S1-Leitlinie dazu beitragen, die vielen neuen Fragen zur Behandlung von
COVID-19-Patienten zu beantworten. Im Schwerpunkt geht es um die
Diagnostik, die Unterbringung und Hygienemaßnahmen sowie geeignete
Maßnahmen bei hochgradigem Sauerstoffmangel im Blut, beim
Kreislaufstillstand und einhergehender Herz-Lungen-Wiederbelebung. Gezielt
beleuchtet wird auch die Thromboseprophylaxe durch entsprechende
Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung. Auch für die medikamentöse
Therapie an sich werden Empfehlungen ausgesprochen. „Die invasive Beatmung
und wiederholte Bauchlagerung sind wichtige Elemente in der Behandlung von
COVID-19 Patienten mit schwerem Sauerstoffmangel im Blut. Prozeduren, die
zur Aerosolbildung führen könnten, sollten – falls nötig – mit äußerster
Sorgfalt und Vorbereitung durchgeführt werden“, sagt der Erstautor und
Intensivmediziner Professor Stefan Kluge, Mitglied des DIVI-Präsidiums und
Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-
Eppendorf.

Patientenwille muss erkennbar sein – Behandlung nur durch
multidisziplinäres Team

Darüber hinaus gehen die Wissenschaftler im Rahmen der Leitlinie auch noch
einmal auf die ethischen Gesichtspunkte einer intensivmedizinischen
Behandlung ein, die immer zwei Voraussetzungen erfüllen muss: Zum einen
müssen die behandelnden Ärzte dafür eine medizinische Indikation stellen,
zudem muss die Behandlung auch ganz klar dem Patientenwillen entsprechen.
„Alle intensivmedizinisch relevanten Fachgesellschaften haben sich an der
neuen Leitlinie beteiligt und geben Empfehlungen nach dem neuesten Stand
der Wissenschaft weiter“, betont Co-Autor Professor Gernot Marx, Präsident
elect der DIVI sowie Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und
Intermediate Care des Aachener Universitätsklinikums. „Wir raten auch
dazu, dass die Behandlungen immer durch ein multidisziplinäres Team
erfolgen sollten, zu dem in jedem Fall Intensivmediziner, Pflegekräfte,
Infektiologen und Krankenhaushygieniker gehören.“

Zehn Institutionen und Fachgesellschaften erarbeiten neue Empfehlungen

An der Erstellung und Überarbeitung der Leitlinie haben die folgenden
Institutionen mitgewirkt: die Deutsche Gesellschaft für Internistische
Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), die Deutsche
Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI),
die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), die
Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI),
die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI), die Deutsche
Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM), die Gesellschaft für
Thrombose und Hämostaseforschung (GTH), die Deutsche Gesellschaft für
Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Deutsche Rat für Wiederbelebung
(German Resuscitation Council, GRC) sowie das ARDS-Netzwerk Deutschland.
AWMF-Leitlinien werden in der Regel im Abstand einiger Jahre überarbeitet
– abhängig vom Themenkomplex. „Bei den zahleichen neuen wissenschaftlichen
Herausforderungen rund um COVID-19 gehen wir aber davon aus, dass unsere
Leitlinie auch schon in einigen Monaten weiter ergänzt werden könnte.
Wissenschaftlich wollen wir immer den neuesten Stand abbilden, um die
bestmögliche Behandlung zu gewährleisten“, blickt Pneumologe Stefan Kluge
in die Zukunft.