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Corona-Krise: Kinder in seelischen Nöten Kinderärzte beobachten Zunahme psychischer Beschwerden bei ihren jungen Patienten / Anzeichen für Entwicklungsprobleme

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Kinderärzte schlagen Alarm: In der
Corona-Krise beobachten sie eine Zunahme körperlicher und vor allem
seelischer Beschwerden. Schul- und Kitaschließungen sowie
Kontaktbeschränkungen belasten besonders die Psyche ihrer jungen
Patienten, so das Fazit der Mediziner: 89 Prozent beobachten vermehrt
psychische Probleme. 37 Prozent diagnostizieren eine Zunahme
körperlicher Beschwerden. Dies sind Ergebnisse der Studie
"Homeschooling und Gesundheit 2020" der pronova BKK, für die 150
niedergelassene Kinderärztinnen und Kinderärzte befragt wurden.

Besonders betroffen sind nach den Erfahrungen in den Sprechstunden
Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren. Eine Zunahme von
Verhaltensänderungen wie Antriebslosigkeit oder Rückzug aber auch
Reizbarkeit und Angststörungen beobachtet jeder zweite Pädiater. 46
Prozent berichten von vermehrt aggressivem Verhalten, 45 Prozent von
Schlafstörungen. Aber auch Bauchschmerzen, Depressionen,
Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten seien häufiger
geworden.

Kinder litten unter Corona-Beschränkungen

Die Ursache für die Zunahme der Beschwerden sehen die Pädiaterinnen
und Pädiater in den Einschränkungen im täglichen Leben während der
Corona-Krise. Kinder waren stark betroffen, die Einschnitte in ihren
Alltag erheblich. Besonders folgenschwer waren aus Sicht einer
Mehrheit der Mediziner die mangelnden Freizeitmöglichkeiten wie Sport
im Verein (70 Prozent) und dafür zu viel Zeit am Bildschirm von Handy
und Computer (69 Prozent). Hinzukamen die fehlende Tagesstruktur (69
Prozent) infolge von Kita- und Schulschließungen und Konflikte in den
Familien (67 Prozent). 66 Prozent der Kinderärzte sprechen von
Isolation ihrer jungen Patienten. Auch die Enge zu Hause in der
Wohnung, fehlende Rückzugsmöglichkeiten sowie die Übertragung von
Ängsten der Eltern auf das Kind machten dem Nachwuchs zu schaffen,
wie mehr als jeder zweite Kinderarzt feststellte. "Erst die
Wiederaufnahme der Routinetermine sowie die Rückkehr in Schulen und
Kitas dürfte den ganzen Umfang entstandener Probleme bei Kindern und
Jugendlichen ans Licht bringen", sagt Dr. Gerd Herold, Beratungsarzt
bei der pronova BKK.

Nicht nur die Erwachsenen, auch die Kinder haben die ersten Monate
der Corona-Krise als eine Ausnahmesituation erlebt und vielfach als
verstörend oder gar bedrohlich empfunden. Es ist nun die Aufgabe der
Erwachsenen, die Kinder bei der Bewältigung dieser Erlebnisse zu
begleiten und zu unterstützen", sagt Herald.

Anzeichen für Entwicklungsverzögerungen bei Heranwachsenden

Die Auswirkungen der Corona-Einschränkungen auf Kinder könnten sogar
noch tiefere Spuren hinterlassen: Knapp vier von zehn Kinderärzten
beobachten Anzeichen für Entwicklungsverzögerungen bei ihren
Patienten, die sie auf die Corona-Krise zurückführen. Bei motorischen
Fähigkeiten sind Kinder zwischen sechs und neun Jahren besonders
betroffen, bei kognitiven Fähigkeiten betreffen die Verzögerungen
Kinder zwischen drei und dreizehn Jahren. Ursachen für die
Schwierigkeiten vermuten die Mediziner wiederum im zu hohen
Medienkonsum, in der Überforderung der Eltern sowie fehlendem Kontakt
zu Gleichaltrigen.

Das hat direkte Konsequenzen für die Praxen: 54 Prozent der
Kinderärzte rechnen damit, dass mehr Kinder Hilfe von Ergo- und
Physiotherapeuten benötigen; 43 Prozent erwarten, dass sie häufiger
an Psychotherapeuten überweisen werden müssen. "In den kommenden
Monaten wird sich erst das gesamte Ausmaß der Corona-Folgen für die
Kindergesundheit abschätzen lassen", sagt Herold. 57 Prozent der
befragten Kinderärzte sagen, dass viele Vorsorgeuntersuchungen und
Impfungen in der Corona-Krise verschoben wurden. "Erst die
Wiederaufnahme der Routinetermine, aber auch die Rückkehr in Schulen
und Kitas dürfte entstandene Probleme bei Kindern und Jugendlichen
ans Licht bringen", so Herold.

Zur Studie

Die Kinderärztebefragung "Homeschooling und Gesundheit 2020" wurde im
Juni und Juli 2020 im Auftrag der pronova BKK im Rahmen einer
Online-Befragung durchgeführt. Bundesweit nahmen 150 niedergelassene
Pädiaterinnen und Pädiater daran teil.