Altersmedizin: „Sarkopenie ist eine der wichtigsten Diagnosen in der Geriatrie“
Muskelschwung neu im Fokus der medizinischen Wissenschaft: Wenn wir an
Medizin denken, so denken wir an viele Organe und Organsysteme und die
verschiedenen medizinischen Spezialgebiete. Die Muskulatur kommt uns dabei
meist nicht in den Sinn. Allenfalls diejenigen, die Sport treiben,
bekommen sie manchmal schmerzhaft zu spüren. Für unsere älteren Patienten
ist die Funktion der Skelettmuskulatur allerdings ebenso relevant und
wichtig wie der Herzmuskel für den Patienten mit Herzinsuffizienz.
Diese Erkenntnis erscheint banal, jedoch ist die Sarkopenie im Sinne eines
übersteigerten Verlustes der Muskelmasse und der Muskelfunktion erst in
den vergangenen Jahren so richtig in den Fokus der Forschung gerückt.
Professor Alfonso J. Cruz-Jentoft, Leiter der Geriatrischen Klinik des
Universitätskrankenhauses Ramón y Cajal in Madrid, hat sich zusammen mit
einer Gruppe international renommierter Geriater intensiv und erfolgreich
um eine Europäische Konsensus-Definition und einheitliche diagnostische
Standards bemüht. Diese Definition wird heute nahezu weltweit als Referenz
betrachtet. Dazu und über die Rolle der Muskulatur im Alter spricht der
Mediziner bei der geriatrisch-gerontologischen Online-Konferenz, die vom
3. bis 5. September stattfindet und von der Deutschen Gesellschaft für
Geriatrie (DGG) mit Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für
Gerontologie und Geriatrie (DGGG) organisiert wird.
Die Muskulatur ist das größte Organ des menschlichen Körpers. Die Existenz
der Muskulatur erscheint uns mehr oder weniger selbstverständlich und sie
wird nur wahrgenommen, wenn wir zum Beispiel bei sportlichen Aktivitäten,
an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gelangen. Diese Grenzen erleben
ältere Menschen oft täglich, manchmal ständig, da sie sich mit ihren
Alltagsleistungen bereits an den Grenzen der muskulären Leistungsfähigkeit
bewegen. Verantwortlich hierfür ist ein kontinuierlicher
altersassoziierter Abbau der Muskulatur, der bereits im jungen
Erwachsenenalter beginnt und dessen Ausmaß stark abhängig ist von unserer
körperlichen Aktivität und von unserer Ernährung. So gehen Experten davon
aus, dass ältere Menschen jährlich durchschnittlich etwa ein Prozent ihrer
Muskelmasse und drei bis vier Prozent ihrer Muskelkraft verlieren.
Sarkopenie – eine der wichtigsten Diagnosen in der Geriatrie
Problematisch und krankhaft wird es, wenn dieser Abbau wegen geringer
körperlicher Aktivität oder Fehlernährung übersteigert abläuft oder wenn
durch katabole Krisen – also durch den Abbau körpereigener Substanzen – im
Rahmen von Erkrankungen innerhalb kurzer Zeit sehr viel Muskulatur
verloren geht. Erlangt dieser Verlust ein Ausmaß, das für den Patienten
von funktioneller Relevanz ist, so sprechen Mediziner heute von
Sarkopenie. Wie diese Diagnose gestellt wird, welche Formen der Sarkopenie
es gibt und welche Maßnahmen zur Prophylaxe und Therapie effektiv sind,
wird Professor Alfonso J. Cruz-Jentoft in seiner Keynote bei der Online-
Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) sowie der
Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) darstellen.
„Sarkopenie ist eine der wichtigsten Diagnosen in der Geriatrie“, sagt
Cruz-Jentoft. Der Geriater hat sich bei der Beschreibung des
Krankheitsbildes und der konsentierten Definition des Krankheitsbildes
ganz besondere Verdienste erworben. So ist er Erstautor der Europäischen
Konsensus-Definition, die im letzten Jahr noch einmal überarbeitet in der
Fachzeitschrift „Age and Ageing“ publiziert wurde.
Muskelabbau hat weitreichende Folgen: Sturzrate erhöht, Mobilität
eingeschränkt
Ist die Muskulatur soweit abgebaut, sodass die Diagnose der Sarkopenie
gestellt werden kann, geht dies mit erheblichen Konsequenzen für die
Betroffenen einher. Die Mobilität wird schlechter, die Sturzrate und die
Mortalität steigen erheblich. Auch Dinge, die Betroffene zunächst nicht
mit einer Sarkopenie in Verbindung bringen, sind von hoher Relevanz. So
konnte mehrfach gezeigt werden, dass Sarkopenie beispielsweise mit einem
deutlich erhöhten Risiko für Schluckstörungen einhergeht.
Prophylaxe ist besser als Therapie – wirksames Training auch im hohen
Alter möglich
Sarkopenie ist meist keine schicksalhafte Diagnose, sondern ihr kann
wirksam begegnet werden. Wie häufig ältere Menschen von einem Versagen der
Muskulatur betroffen sind, welche Auswirkungen dies mit sich bringt und
dass wir alle dem vorbeugend begegnen können, muss in der Bevölkerung
bekannter gemacht werden. Ist die Muskulatur erst verloren, so ist es
doppelt schwer, diese zurückzuerlangen. Doch auch dies ist möglich.
Inzwischen zeigen zahlreiche Trainingsstudien, dass auch im hohen Alter
wirksam trainiert werden kann. Auch die Ernährung spielt hier eine
wesentliche Rolle.
Zur Person:
Prof. Alfonso J. Cruz-Jentoft leitet die Geriatrische Klinik des
Universitätskrankenhauses Ramón y Cajal in Madrid und ist Professor für
Geriatrie an der Europäischen Universität Madrid. Vielen ist er bekannt
als Erstautor der Europäischen Konsensus-Definition zur Sarkopenie, die
das sichtbarste Produkt der Europäischen Arbeitsgruppe zur Sarkopenie
(EWGSOP) ist, die Professor Cruz-Jentoft leitet. Er war Präsident der
Europäischen Fachgesellschaft für Geriatrie (EuGMS), der er weiterhin als
Mitglied des Academic Boards dient. Neben seiner klinischen Tätigkeit ist
er Editor-in-chief der Fachzeitschrift „European Geriatric Medicine“ und
an vielen großen Europäischen Studien wie SENATOR, SPRINT-T oder MPI-AGE
beteiligt.
Termin:
Prof. Alfonso J. Cruz-Jentoft
Keynote-Lecture: „Sarcopenia – new approaches for diagnosis and treatment“
Geriatrisch-gerontologische Online-Konferenz
Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
Freitag, 4. September 2020
16 bis 16:40 Uhr
