AE: Ein neues Hüft- oder Kniegelenk in Corona-Zeiten? Opioide zur Schmerzlinderung vermeiden
Seit Beginn des Lockdowns in der Corona-Pandemie mussten hierzulande
hunderttausende nichtakute Operationen verschoben werden. So verzeichnete
etwa das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) im März und April
dieses Jahres einen Rückgang von 79 Prozent der Operationen zum Arthrose
bedingten Hüftersatz im Vergleich zum Vorjahr (1). Auch wenn Ärzte
momentan viele dieser Implantationen nachholen, sind Patienten teilweise
verunsichert, ob jetzt schon wieder ein geeigneter Zeitpunkt für diese
Operationen ist. Einige warten lieber noch weiter ab – und müssen derweil
mit ihren Schmerzen und Bewegungseinschränkungen leben.
Zur Schmerzbekämpfung empfiehlt die AE – Deutsche Gesellschaft für
Endoprothetik e. V. bevorzugt Entzündungshemmer und warnt vor einer
unkontrollierten und längerfristigen Anwendung von Opioiden. Sie rät zudem
zu täglicher Dehnung und Kräftigung der Gelenkmuskulatur sowie zur
Gewichtskontrolle. Ist eine Operation unumgänglich, verweist die AE bei
Sicherheitsbedenken auf die verbindlichen und strengen Hygiene-Standards
in den Kliniken. Durch moderne Operationsverfahren und -management sei die
Aufenthaltsdauer zudem möglichst kurzgehalten.
Bei schwerer Gelenkarthrose ist ein Kunstgelenk die letzte
Behandlungsoption, wenn alle anderen nicht-operativen Möglichkeiten wie
Physiotherapie ausgeschöpft sind. „Nahezu alle Patienten sind nach dem
Eingriff beschwerdefrei und können wieder am normalen Leben teilhaben“,
sagt Professor Dr. med. Karl-Dieter Heller, AE-Präsident und Chefarzt der
Orthopädischen Klinik am Herzogin Elisabeth Hospital in Braunschweig. „In
den vergangenen Monaten haben jedoch viele unserer Patienten den Eingriff
aus Angst vor einer Infektion mit dem Corona-Virus abgesagt,
beziehungsweise die Krankenhäuser mussten ihre Kapazitäten für akute
Corona-Erkrankungen freihalten“, berichtet er.
In der Zwischenzeit sei eine gezielte Therapie der oftmals starken
Schmerzen notwendig. „Was viele nicht wissen: Es ist nicht der beschädigte
Gelenkknorpel, der weh tut. Denn der hat keine Nerven. Vielmehr ist bei
einer Arthrose die Gelenkschleimhaut (Synovialis) entzündet. Zusammen mit
dem oftmals begleitenden Gelenkerguss ist das die Hauptursache der
Schmerzen.“ Entsprechend müsse diese Entzündung gezielt bekämpft werden.
„Das funktioniert am besten mit sogenannten nicht-steroidalen
Entzündungshemmern (NSAR) wie Diclofenac, Ibuprofen und Naproxen“, so
Heller. Die zunehmend ebenfalls angewandten Opioide seien reine
Schmerzhemmer und wirkten nicht gegen die Entzündung in Hüfte und Knie.
Zudem können sie die Gefahr für Schwindel und Stürze erhöhen und weisen
ein Abhängigkeitspotenzial auf, so der Experte. „Daher sollten sie laut
aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Leitlinien (2, 3) – wenn
überhaupt – nur in der niedrigsten wirksamen Dosis und auch nur wenige
Wochen eingenommen werden“, betont Heller. Zudem müsse die Behandlung mit
Opioiden in jedem Fall sofort enden, wenn sie nicht helfe oder ihre
Wirkung nachlasse. Grundsätzlich sollten alle Medikamente nur unter
ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden.
„So paradox es klingen mag: Gegen Schmerzen hilft auch Bewegung“, sagt
Universitäts-Professor Dr. med. Carsten Perka, Generalsekretär der AE und
Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskelettale Chirurgie, Klinik
für Orthopädie und Unfallchirurgie an der Charité Berlin. Es gelte, die
Muskulatur rund um Hüfte und Knie durch tägliche, sanfte Übungseinheiten
möglichst kräftig und beweglich zu halten (siehe auch untenstehende
Tipps). Die Bewegung sorgt für die Versorgung des Knorpels mit
Nährstoffen, die gekräftigte Muskulatur stabilisiert das Gelenk und die
tägliche Dehnung des Gelenkes verhindert das Einsteifen. „Auch wenn
Bewegung bei Arthrose sehr schmerzhaft sein kann, lohnt es sich dennoch,
etwa eine Stunde am Tag mobil zu sein – es dürfen auch mehrere kleine
Einheiten sein“, so Perka.
„Doch sobald unsere Patienten trotz aller Maßnahmen nachts vor Schmerzen
nicht mehr schlafen können, beziehungsweise geringste Aktivitäten schon zu
starken Schmerzen führen, ist die Operation die einzige Möglichkeit zur
Schmerzreduktion“, sagt Perka. Das Risiko, sich im Krankenhaus mit dem
Corona-Virus anzustecken, ist derzeit sehr gering“, beruhigt der Orthopäde
und Unfallchirurg. „In den Kliniken greifen strenge Hygienekonzepte wie
Corona-Testungen bei der Aufnahme, Isolierung von Risikopatienten und
umfassende Quarantäneregeln. Dazu kommen regelmäßige Testungen von
Personal und Patienten. „Gemeinsam mit ihrem Arzt können Patienten Wege
besprechen, die Aufenthaltsdauer zu minimieren“, rät Perka. Beispiele sind
die Aufnahme erst am OP-Tag, eine minimalinvasive Operationstechnik und
die sofortige Mobilisation nach dem Eingriff. „Aus unserer Sicht steht
einer Operation momentan nichts im Wege, sofern die Pandemie-Situation in
Deutschland so stabil bleibt wie momentan“, sagt auch Heller.
Tipps für Knie und Hüfte – Bewegung ins Leben integrieren!
• Jede Gelegenheit kreativ zur Bewegung nutzen, zum Beispiel:
- häufiges Aufstehen vom Sofa und Büroschreibtisch
- bewusst Treppen steigen (kräftigt die Kniegelenkstrukturen sehr
gut)
- zwischendurch auf Zehenspitzen stehen und auf und ab wippen
- Einbeinstand beim Zähneputzen
• Mehrmals in der Woche schonende Sportarten im eigenen Tempo
ausüben:
- Schwimmen, Radfahren, Nordic Walking
• sich vom Physiotherapeuten ein individuelles, tägliches
Übungsprogramm zusammenstellen lassen
• Eventuell bestehendes Übergewicht abbauen, um die Gelenke zu
entlasten
• Wärme, Massagen und Krankengymnastik beseitigen
Muskelverspannungen und lindern Schmerzen.
• Hüftgelenk:
- Becken aufrichten – bewusst aufrecht gehen, Hohlkreuz vermeiden
- Im Einbeinstand, auf einem Bein stehen, das andere Bein frontal
anheben und um 90 Grad beugen, 20 bis 40 Wiederholungen täglich, auf
beiden Seiten
- Iliopsoas-Dehnung (Leistendehnung): Auf einem Bein stehen, das
andere auf einen Stuhl oder Treppenabsatz in 90 Grad Stellung abstellen
und kontrolliert Becken und Oberkörper der Standseite nach vorne schieben
und dabei das stehende Bein dehnen. Achtung: Nicht ins Hohlkreuz fallen.
Es sollte ein senkrechtes Ziehen im Leistenbereich spürbar sein. Zweimal
zwei Minuten täglich auf beiden Seiten.
- Beweglichkeit der Hüftgelenke trainieren, zum Beispiel: bewusstes
Treppensteigen mit aufgerichtetem Becken in Zeitlupe (kein Schlendergang
und Hüftschwung!)
- ergonomischen Bürostuhl und/oder Petziball öfter zum Sitzen nutzen
• Kniegelenk:
Knie möglichst oft aktiv in Streckung bringen – Streckung ist als erstes
bei Arthrose eingeschränkt, deshalb aktiv Beine strecken im Liegen und
Sitzen. Zum Beispiel: auf den Rücken legen, Knie aufstellen, Becken
anheben und jeweils im Wechsel ein Bein ausstrecken und mehrere Atemzüge
halten, mehrere Male wiederholen
- eventuell Kniegelenks-Bandagen tragen
- Schuh- und Orthesenversorgung überprüfen lassen – ist die
Achsenstellung der Beine damit bestmöglich korrigiert?
