Vom Kleinkind bis zum Senior: Knochenmasse lässt sich in jedem Alter aufbauen
Weltosteoporosetag am 20. Oktober 2020: Tipps für gesunde Knochen
Der Aufbau von Knochenmasse ist in jedem Alter möglich und auch nötig.
Denn feste Knochen sind das Fundament für ein stabiles Muskel-Skelett-
System. Schwachen Knochen hingegen fehlt es an Festigkeit. Sie sind dann
von Osteoporose betroffen und brechen leichter. Eine gezielte Osteoporose-
Prävention beginnt bereits im Kindesalter und setzt sich im Erwachsenen-
und Rentenalter fort. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für
Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) anlässlich des Weltosteoporosetages
am 20. Oktober 2020 hin.
„Der Körper erneuert die Knochen lebenslang, um den Knochenapparat stabil
zu halten. Die Basis für feste Knochen wird jedoch schon in jungen Jahren
gelegt“, sagt DGOU-Präsident Prof. Dr. Dieter C. Wirtz, Direktor der
Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am
Universitätsklinikum Bonn. Die DGOU hat die wichtigsten
„Knochenstarkmacher“ für unterschiedliche Lebensabschnitte
zusammengetragen. Grundsätzlich gilt: viel Bewegung, kalziumreiche
Ernährung und viel frische Luft zur Anregung der körpereigenen
Vitamin-D-Bildung sowie die Vermeidung von „Knochenräubern“ wie Nikotin
und Alkohol. Der erste Knochenbruch sollte immer als Alarmzeichen für
Osteoporose beachtet werden.
Osteoporose ist weit verbreitet: 6,3 Millionen Menschen in Deutschland
leiden an dieser Krankheit (1). Dabei nimmt die Knochenmasse ab, die
Knochen werden schwach und zerbrechlich und das Risiko für Knochenbrüche
steigt. Nach Angaben der International Osteoporosis Foundation (IOF)
erleidet weltweit jede dritte Frau und jeder fünfte Mann ab 50 Jahren eine
osteoporotische Fraktur. „Prävention steht an vorderster Stelle, um das
Volksleiden in den Griff zu bekommen“, sagt Prof. Dr. Uwe Maus, Leiter der
DGOU-Sektion Osteologie und Leitender Arzt Endoprothetik und Osteologie an
der Universitätsklinik Düsseldorf. „Was vielen nicht bewusst ist: Wer in
jungen Jahren für seine Knochenfitness sorgt, profitiert auch noch im
hohen Alter davon“, sagt Maus. So werde die maximale Knochenmasse in der
Regel zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr erreicht.
Bei Osteoporose können schon kleinste Belastungen oder Verletzungen zu
einem Knochenbruch führen. „Im Falle eines Sturzes passiert das bei
älteren Menschen leider sehr oft hüftnah, also am Oberschenkelhalsknochen.
Das kann dann mitunter auch lebensgefährlich sein“, erklärt Prof. Dr.
Ulrich Liener, Leiter der Sektion Alterstraumatologie der Deutschen
Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Die Hüftfraktur ist die mit
Abstand am häufigsten im Krankenhaus behandelte Fraktur. Schon jetzt
werden in Deutschland derzeit mehr als 400.000 alterstraumatologische
Frakturen pro Jahr stationär behandelt (2). „Für viele alte Menschen
bedeutet ein Oberschenkelhalsbruch das Aus ihres selbstständigen Lebens“,
sagt Liener.
Um Brüche zu verhindern, kann jeder mit seinem Lebensstil dazu beitragen,
dass die Knochen gesund und fest bleiben. Hier die wichtigsten
Knochenstarkmacher im Überblick:
Knochenstarkmacher für Kinder und Jugendliche:
• Kalziumreiche Ernährung: Kalzium ist für die Festigkeit und die
Stabilität der Knochen verantwortlich. Kalziummangel in jungen Jahren kann
die nachhaltige Entwicklung der Knochenfestigkeit im Alter negativ
beeinflussen. Milch ist ein verlässlicher Kalzium-Lieferant zur
Entwicklung fester Knochen. Deshalb sollten Eltern darauf achten, dass
ihre Kinder ausreichend Milchprodukte zu sich nehmen. Auch kalziumreiches
Mineralwasser, Gemüse, wie Brokkoli, Fenchel und Grünkohl, sowie Nüsse
oder Kräuter, wie Schnittlauch und Petersilie, helfen, den Kalziumhaushalt
zu optimieren.
• Vitamin-D-Gabe bzw. körpereigene Bildung: Vitamin D hilft dem
Körper, das Kalzium aus der Nahrung aufzunehmen und im Knochen
einzulagern. Bis zum 2. Lebensjahr können Kinder Vitamin D nicht selbst
bilden. Daher sollten Kinder vom 12. bis zum 18. Monat zusätzliche
Vitamin-D-Gaben erhalten. Kinder ab dem 2. Lebensjahr können körpereigenes
Vitamin D bilden. Dazu braucht es Sonnenlicht. Kinder sollten daher viel
Zeit an der frischen Luft verbringen.
• Sport: Sportliche Betätigung fördert den Knochenstoffwechsel. Die
Muskeln, die am Knochen „ziehen“, regen den Knochenstoffwechsel an, mehr
Kalzium in das Skelettsystem zu transportieren und einzulagern. Zusätzlich
wird die Muskulatur gestärkt, die zur Entlastung der gefährdeten Knochen
dient. Krafttraining, Gymnastik und Schwimmen bauen vor allem in jungen
Jahren viel Knochenmasse auf.
• Expertenrat: „Kinder sollten sich viel bewegen, weil dadurch
Knochenmasse aufgebaut wird, und das möglichst an der frischen Luft. Denn
mindestens eine halbe Stunde Sonnenlicht täglich ist erforderlich für
gesunde Knochen“, sagt Prof. Dr. Robert Rödl, 1. Vorsitzender der DGOU-
Sektion Vereinigung für Kinderorthopädie (VKO) und Chefarzt der Abteilung
für Kinderorthopädie, Deformitätenrekonstruktion und Fußchirurgie am
Universitätsklinikum Münster.
Knochenstarkmacher im Erwachsenenalter:
• Muskeln stärken: Bewegung regt den Knochenaufbau an. Das gilt
nicht nur für das Kindesalter, sondern ein Leben lang. Krafttraining nach
Maß und Dehnungsübungen sind gut geeignet, um Muskelkraft, Gleichgewicht
und Koordination zu verbessern. Damit kann eine Verbesserung der
Knochenstabilität erreicht werden, was die Gefahr einer Fraktur im Alter
reduziert.
• Gesunder Lebensstil, Vermeidung von Knochenräubern: Eine
ausgewogene Ernährung ist förderlich, radikale Diäten sollten vermieden
werden. Knochenraubende Lebensmittel wie Cola, Schokolade und geröstete
Erdnüsse sollten nur in Maßen genossen werden. Sie enthalten zu viel
Phosphor, was die Knochen angreift. Auch der Konsum von Nikotin und
Alkohol stellt einen Risikofaktor dar.
• Körpereigene Bildung von Vitamin D: Gesicht, Hände und Arme
zwischen März und Oktober mindestens zwei- bis drei Mal pro Woche für
mindestens 30 Minuten in die Sonne strecken. Das regt die körpereigene
Vitamin-D-Synthese an. Im Winter wäre es ideal, wenn eine aktive
Mittagspause im Freien stattfindet, um genügend Sonne abzubekommen.
Vitamin D als Nahrungsergänzungsmittel sollte nur nach Rücksprache mit dem
Arzt genommen werden.
• Risikofaktoren ermitteln: Personen, die bereits einen Bruch
erlitten haben oder auf die andere Risikofaktoren zutreffen, müssten die
Knochengesundheit bzw. das Frakturrisiko durch einen Arzt ermitteln lassen
und ggf. geeignete Präventionsmaßnahmen frühzeitig einleiten.
• Expertenrat: „Knochenbrüche können ein erstes Zeichen einer
Osteoporose sein. Hier sollte unbedingt nicht nur der Knochenbruch
behandelt, sondern auch nach Osteoporose geschaut werden. Wird eine
spezielle Osteoporose-Therapie frühzeitig umgesetzt, kann das Risiko von
Osteoporose-assoziierten Folgefrakturen minimiert werden“, sagt Prof. Dr.
Wolfgang Böcker, Direktor der Klinik für Allgemeine, Unfall- und
Wiederherstellungschirurgie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Er leitet das Projekt „Koordiniertes Osteoporose-Management von
unfallchirurgischen Patienten mittels Fracture Liaison Service (FLS)“.
Knochenstarkmacher für „Best-Ager“ und Senioren:
• Sturzprophylaxe: Brüche bei älteren Menschen entstehen neben der
abnehmenden Knochenqualität auch aufgrund wiederholter Stürze – meist
durch Stolperstürze. Bereits ab dem 50. Lebensjahr nehmen Balance,
Muskelkraft, Ausdauer und Beweglichkeit ab, sodass mit zunehmendem Alter
das Risiko steigt, zu stürzen und sich einen Knochen zu brechen. Senioren
können dem mit gezieltem Training von Kraft und Balance entgegenwirken.
„Mit regelmäßiger Bewegung kann das Sturzrisiko relevant gesenkt und zudem
die Knochenqualität verbessert werden. Das muss kein Hochleistungssport
sein, sondern auch eine milde Form der Bewegung wie Tanzen, Spazieren in
der Natur oder Krafttraining sind geeignet“, sagt Prof. Dr. Benjamin
Bücking, stellvertretender DGU-Sektionsleiter Alterstraumatologie und
Chefarzt der Klinik für Orthopädie an den DRK-Kliniken Nordhessen.
• Vitamin-D-Gabe: Mit zunehmendem Alter nimmt die Möglichkeit für
die körpereigene Produktion des sogenannten Sonnenvitamins ab. Kann der
Vitamin-D-Bedarf über ein Sonnenbad oder über die Nahrung nicht abgedeckt
werden, sollten in Rücksprache mit dem Arzt Supplemente eingenommen
werden.
• Osteoporose-Therapie: Osteoporose-Medikamente hemmen den
Knochenabbau. Ältere Menschen sollten spätestens nach dem ersten Bruch
eine medikamentöse Osteoporose-Therapie erhalten. „Die hohe Anzahl von
Altersbrüchen muss durch eine konsequentere medikamentöse Osteoporose-
Therapie gesenkt werden. Denn der überwiegende Teil der Patienten mit
einem Hüftbruch hat bereits in den Jahren zuvor eine Fraktur erlitten, die
durch Osteoporose bedingt ist. Die Osteoporose-Therapie findet in
Deutschland aber nicht ausreichend statt“, kritisiert Alterstraumatologe
Prof. Liener. Daher müssten Strukturen geschaffen werden, die die
flächendeckende Sekundärprävention unmittelbar nach dem ersten Bruch
sicherstellen.
Hintergrund:
Der Weltosteoporosetag findet jährlich am 20. Oktober statt. Die
internationale Kampagne widmet sich der weltweiten Sensibilisierung für
die Prävention, Diagnose und Behandlung von Osteoporose. Der Aktionstag
zielt darauf ab, Osteoporose und Frakturprävention zu einer globalen
Gesundheitspriorität zu machen, indem Fachkräfte des Gesundheitswesens,
die Medien, politische Entscheidungsträger, Patienten und die breite
Öffentlichkeit erreicht werden.
Referenzen:
(1) S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
des Dachverbands Osteologie (DVO)
(2) Weißbuch Alterstraumatologie der Deutschen Gesellschaft für
Unfallchirurgie
