Zum Hauptinhalt springen

Unterschätzte Retinopathie: Zu wenig leitliniengerechte Augenarzt- Kontrollen bei Diabetes

Pin It

Wie Diabetespatienten Augenschäden vorbeugen können

Eine diabetische Retinopathie entwickelt sich lange Zeit unbemerkt. Zu
Sehstörungen kommt es erst, wenn die Netzhaut des Auges bereits
behandlungsbedürftige Schäden aufweist. Regelmäßige Augenarzttermine
gehören zu einer leitliniengerechten Diabetestherapie dazu, werden jedoch
zu selten umgesetzt, kritisiert die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG).
Wie das Augen-Screening im Idealfall aussehen sollte und welche
Behandlungsmöglichkeiten es gibt, darüber berichten Expertinnen und
Experten auf der DDG Herbsttagung, die vom 6. bis 8. November 2020 online
stattfindet.

Auf einer Online-Pressekonferenz zum Kongress am 4. November wird unter
anderem die neue Nationale Versorgungs-Leitlinie zu Diabetes Typ 2
vorgestellt sowie über aktuelle Erkenntnisse zu Diabetes und Covid-19
gesprochen. Anmeldung unter:
https://attendee.gotowebinar.com/register/5345795157631401228

In Deutschland hat rund jeder Vierte mit Diabetes Typ 1 eine Retinopathie
– beim Diabetes Typ 2 ist etwa jeder Sechste betroffen: „In Studien hat
sich jedoch gezeigt, dass bereits rund 30 Prozent aller
neudiagnostizierten Typ-2-Patienten Veränderungen an der Retina
aufweisen“, sagt Privatdozent Dr. med. Klaus Dieter Lemmen, Sprecher der
Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Auge“ der DDG. Umso wichtiger sei es,
die vorgesehene augenärztliche Untersuchung bei der Neudiagnose eines
Typ-2-Diabetes einzuhalten. „Leider findet diese Untersuchung nur bei
einem Drittel aller Patienten statt“, kritisiert Professor Dr. med. Hans-
Peter Hammes, Mitglied des DDG Ausschusses „Diabetologe DDG“ und Leiter
der Sektion Endokrinologie der Universitätsmedizin Mannheim. Auch nach
zwei Jahren Diabetesdauer sei noch immer erst die Hälfte der Patienten
einem Augenarzt vorgestellt worden. „Ein wichtiges Zeitfenster für die
Behandlung hat sich dann häufig bereits geschlossen“, so der Diabetologe.

Anders als der Typ-1- verursacht der Typ-2-Diabetes meist keine
auffälligen Symptome und bleibt nicht selten unentdeckt. Gleichwohl können
hohe Blutzuckerwerte bereits kleinste Blutgefäße in verschiedenen Organen
– auch in der Retina – schädigen. Die Gefäße werden für kleine Blutmengen
und Plasmabestandteile „undicht“, es kommt zu Blutungen und Schwellungen
vor allem der zentralen Netzhaut (Makula), was zu Sehschäden führen kann.
In einem späteren Stadium, der sogenannten proliferativen Retinopathie,
kommt es dann zur Neubildung von Blutgefäßen mit Einblutungen in den
Glaskörper des Auges und deutlichen Sehbeeinträchtigungen („Rußregen“).
„Besonders gefürchtet ist eine durch Narbenbildung verursachte
Netzhautablösung, die zur Erblindung führen kann“, so Lemmen, ehemaliger
Chefarzt der Augenheilklinik des St-Martinus-Krankenhaus Düsseldorf.

Die Krankheitsprozesse, die bei einer diabetischen Retinopathie in der
Netzhaut ablaufen, kann ein erhöhter Blutdruck beschleunigen. „Menschen,
die neben einem Diabetes auch einen Bluthochdruck aufweisen, sollten daher
besonders sorgfältig therapeutisch eingestellt und konsequent
leitliniengerecht zum Augenarzt gehen“, empfiehlt Hammes. Weitere
Risikofaktoren für die Entstehung einer Retinopathie sind neben einem
schlecht eingestellten Blutzucker die Diabetesdauer, ein eventuell
fortgesetzter Tabakkonsum sowie hormonelle Umstellungen in der Pubertät
oder während einer Schwangerschaft.

Als besonders starker Risikofaktor für eine rasche Progression einer
Retinopathie hat sich eine gleichzeitig bestehende diabetische
Nephropathie erwiesen. „Nieren und Augen werden im Verlauf des Diabetes
geschädigt, die jeweiligen Mechanismen sind bei Typ 1 und Typ 2 Diabetes
möglicherweise unterschiedlich“ erklärt Hammes. Die Augenschädigung gehe
der Nierenschädigung jedoch oft voraus. „Wenn bereits Nierenschäden
nachgewiesen werden, muss leider oft mit einer zunehmenden
Verschlechterung einer bestehenden Retinopathie, auch in visusbedrohende
Stadien gerechnet werden. Bei diesen Patienten ist leitliniengerechtes
Screening von besonderer Bedeutung, da hier sowohl diabetologisch als auch
ophthalmologisch häufig Handlungsbedarf besteht“.

In der Regel sehen die Leitlinien ein Vorsorge-Screening-Intervall von
einem bis zwei Jahren vor. Diese Termine werden jedoch von bis zu 30
Prozent der Diabetespatienten nicht eingehalten. „Damit wird eine Chance
vergeben, Netzhautschäden frühzeitig zu erkennen und zielgerichtet zu
behandeln bevor sie nicht mehr rückgängig zu machen sind. Einmal
eingetretene Schäden sind kaum reversibel“ mahnt Augenarzt Lemmen
eindringlich. Durch eine rechtzeitige Therapie mittels Laserbehandlung,
Medikamenteninjektionen und mikrochirurgische Eingriffe könne der
Sehverlust bei fortgeschrittener Retinopathie heute in vielen Fällen
gebremst oder gar gestoppt werden.

Tipps, um diabetischen Augenschäden vorzubeugen:

- Frühzeitige, regelmäßige Augenkontrolle: Direkt nach Manifestation des
Typ-2-Diabetes oder bei Menschen mit Typ-1-Diabetes im Alter von elf
Jahren oder nach fünf Jahren Krankheitsdauer
- den Blutzuckerspiegel möglichst gut kontrollieren – ein möglichst
normnahes HbA1c anstreben
- einen Bluthochdruck konsequent behandeln
- Vorsorge- und Kontrolltermine beim Augenarzt einhalten
- auffallende Sehstörungen umgehend dem behandelnden Arzt melden. Dazu
gehören: eine nicht durch Brillengläser korrigierbare Sehverschlechterung,
Veränderungen der Farbwahrnehmung, Leseschwierigkeiten, verzerrtes Sehen
oder „Rußregen“

Terminhinweis:

Online-Pressekonferenz
14. Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)

Termin: Mittwoch, 4. November 2020, 11.00 bis 12.00 Uhr
Online unter:
https://attendee.gotowebinar.com/register/5345795157631401228

Vorläufige Themen & Referierende

Diabetes Herbsttagung digital: warum und für wen sich das neue Format
besonders lohnt
Professor Dr. med. Ralf Lobmann
Tagungspräsident Diabetes Herbsttagung 2020; Ärztlicher Direktor der
Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie am Klinikum
Stuttgart – Krankenhaus Bad Cannstatt

Diabetes und COVID-19
Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Pressesprecher der DDG, Kommissarischer Direktor, Medizinische Klinik IV,
Universitätsklinikum Tübingen

Neue Nationale VersorgungsLeitlinie zu Typ-2-Diabetes
Professor Dr. med. Jens Aberle
Ärztlicher Leiter im Ambulanzzentrum und Fachbereich Endokrinologie,
Diabetologie, Adipositas und Lipide, III. Medizinischen Klinik und
Poliklinik am UKE – Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Diabetes-Schulungen im digitalen Zeitalter
Dr. rer. medic. Nicola Haller
Vorsitzende des Verbands der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe in
Deutschland e.V. (VDBD)

Werbeverbot, Lebensmittelkennzeichnung & Co.: welche Maßnahmen es zur
Prävention von Adipositas und Typ-2-Diabetes noch braucht
Professor Dr. med. Diana Rubin
Chefärztin und Leiterin des Zentrums für Ernährungsmedizin am Vivantes
Klinikum Spandau und Humboldt-Klinikum Berlin

Anmeldung unter:
https://attendee.gotowebinar.com/register/5345795157631401228