Strategietreffen Virushepatitis 2022 Aktuelles Positionspapier im Kampf gegen Hepatitis B und C
Gegen Hepatitis C gibt es hochwirksame Therapien – nun soll es mit
Aufklärung, Prävention und Früherkennung auch gelingen, sie zu den
Betroffenen zu bringen und die Virushepatitis bis 2030 in Deutschland zu
eliminieren. Auf entsprechende Maßnahmen haben sich Experten aus Medizin,
Wissenschaft, Politik und Versorgungspraxis am letzten Mittwoch im Rahmen
des 'Strategietreffens Virushepatitis' verständigt. Auf der virtuellen
Veranstaltung, die die Deutsche Leberstiftung in Kooperation mit der
Hepatitis B & C Public Policy Association durchführte, wurden im breiten
Konsens ein Positionspapier verabschiedet, das die Elimination der
tückischen Erkrankungen vorantreiben soll.
Chronische Virushepatitiden sind ein weltweites Problem: Schätzungen gehen
davon aus, dass rund 240 Millionen Menschen mit dem Hepatitis B-Virus
(HBV) infiziert sind und über 70 Millionen mit dem Hepatitis C-Virus
(HCV). Jedes Jahr sterben mehr als eine Million Menschen an den Folgen –
die Virushepatitis ist damit eine der tödlichsten Infektionskrankheiten
überhaupt. Bereits vor sechs Jahren hat die WHO daher das Ziel ausgerufen,
die Virushepatitis bis zum Jahr 2030 weltweit zu eliminieren. „Wir haben
hierfür exzellente medizinische Mittel“, sagt Prof. Dr. Heiner Wedemeyer,
Co-Direktor der europäischen Hepatitis B & C Public Policy Association
(HepBCPPA) und Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und
Endokrinologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Mithilfe neuer
antiviraler Therapien lasse sich die Infektion nahezu nebenwirkungsfrei
beherrschen, im Falle der HCV-Infektion sei binnen weniger Wochen sogar
eine vollständige Heilung möglich. Gegen die Hepatitis B stehe zudem eine
wirksame Impfung zur Verfügung. „Nun ist es eine ethische Frage, die
Therapie auch zu den Menschen zu bringen“, so Wedemeyer, der das von der
Deutschen Leberstiftung und der HepBCPPA organisierte Strategietreffen
leitete.
Die erste Hürde besteht jedoch bereits darin, das Ausmaß der
Virusverbreitung überhaupt zu erfassen. Aus Erhebungen des Robert Koch-
Instituts (RKI) geht hervor, dass mehrere Hunderttausend Menschen in
Deutschland mit Hepatitisviren infiziert sind. Genaue Zahlen fehlen
jedoch, wie Dr. Ruth Zimmermann, Epidemiologin am RKI, bei dem Treffen
darlegte. „Obwohl lange bekannt ist, dass die Infektionsrate bei Menschen
mit intravenösem Drogenkonsum, Inhaftierten, Wohnungslosen und Menschen
mit Migrationshintergrund deutlich erhöht ist, ist auch hier die Datenlage
noch dünn“, kritisiert Prof. Dr. Stefan Zeuzem, stellvertretender
Vorsitzender der Deutschen Leberstiftung und Geschäftsführender Direktor
des Zentrums der Inneren Medizin am Universitätsklinikum Frankfurt am
Main. Eines der im Positionspapier festgehaltenen Ziele ist es daher, die
Infektionsraten in den besonders gefährdeten Gruppen, wie auch in der
Gesamtbevölkerung, besser zu erfassen.
Als wichtigen Schritt, um bislang unbekannte HCV- und HBV-Infektionen zu
diagnos-tizieren, wertete die Expertenrunde das kürzlich eingeführte
Screening auf Hepatitis B und C im Rahmen der „Gesundheitsuntersuchung“
(vormals „Check-up 35“).
Erfahrungsgemäß werden allerdings gerade die vulnerablen Gruppen durch den
Check-up 35 weniger gut erreicht. Hier seien aufsuchende Strategien
vonnöten, die den Menschen dort ein Testangebot machten, wo sie sich
aufhielten – etwa in Einrichtungen der Drogen- oder der Obdachlosenhilfe.
In diesem Setting seien die Betroffenen sehr offen für Testangebote und
eine mögliche Therapie, die dann entgegen gängigen Vorurteilen meist auch
durchgehalten werde. Um Behandlungsbarrieren gerade im Suchtbereich
abzubauen, fordert die Strategierunde auch, kleinere Drogendelikte zu
entkriminalisieren – so könne Menschen mit intravenösem Drogenkonsum auch
der Zugang zu Safer Use-Praktiken erleichtert werden. Wenn es jedoch zu
einer Inhaftierung komme, berge der Aufenthalt im Justizvollzug
theoretisch auch gesundheitliche Chancen. Denn in Einrichtungen des
Strafvollzugs werde – ebenso wie in Suchtkliniken – oft konsequent auf
Hepatitisviren getestet und behandelt.
Im Bereich der Bekämpfung von Virushepatitis liegen medizinische und
gesellschaftspolitische Themen eng beieinander. „Patienten mit einer
Virushepatitis sind noch immer häufig von Stigmatisierung betroffen“, so
Prof. Wedemeyer. Neben der Angst vor dem Stigma ist auch mangelndes Wissen
ein Grund für viele Betroffene, sich der Diagnose nicht zu stellen. „Die
Annahme, es stünden keine wirksamen oder aber nur mit sehr starken
Nebenwirkungen behaftete Medikamente zur Verfügung, ist noch immer sehr
verbreitet“, betont Prof. Wedemeyer.
Nicht zuletzt kamen in der Runde auch rechtliche Hürden zur Sprache, die
die Elimination erschweren. Denn obwohl Psychiater und Suchtmediziner
überdurchschnittlich viele mit Virushepatitis Infizierte unter ihren
Patienten haben, verschreiben sie die wirksamen antiviralen Mittel aus
Angst vor Regressforderungen eher selten. „Hier wäre es wichtig,
Rechtssicherheit zu schaffen“, so Prof. Wedemeyer – eine Botschaft, die
die Politiker, die am Strategietreffen teilnahmen, mit in ihre Gremien
nehmen werden.
Denn die geforderten Maßnahmen umzusetzen kostet Geld. Eine wichtige
Forderung in dem aktuellen Positionspapier ist es daher, die Elimination
der Virushepatitiden als öffentliche Gesundheitspriorität zu benennen und
adäquat zu finanzieren. „Hier geht es zum einen um die Finanzierung der
Therapie selbst“, so Prof. Wedemeyer mit Blick auf die häufig nicht-
versicherten Patienten in den Risikogruppen. Zum anderen müssten aber auch
Einrichtungen vor Ort wie die Drogenhilfe mit einer besseren Personaldecke
ausgestattet werden, um die zusätzlichen Aufgaben bei der Hepatitis-
Testung und der Therapieanbahnung bewältigen zu können. „Daher ist es
wichtig, die Viruselimination seitens der Politik prioritär zu behandeln“,
so Prof. Dr. Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie der
Technischen Universität München (TUM) und bei Helmholtz Munich, bei der
Abschlussdiskussion, an der unter anderem der Bundestagabgeordnete Prof.
Dr. Andrew Ullmann (FDP) beteiligt war. Wie viel möglich sei, wenn die
Politik die Notwendigkeit erkannt habe, zeige die Corona-Pandemie.
Voraussetzung dafür sei es, Virushepatitiden in ihren vielen Facetten
jenseits der reinen Medizin anzuerkennen – das wurde auf dem
Strategietreffen deutlich. „Das WHO-Ziel kann nur im Schulterschluss von
Wissenschaft, Medizin, Wirtschaft, Patientenorganisationen und Politik
erreicht werden“, resümiert Wedemeyer.
Die acht Punkte des Positionspapiers im Überblick:
1. Die Elimination der Hepatitis-Virusinfektionen muss eine
öffentliche Gesundheitspriorität sein und sollte adäquat finanziert
werden.
2. Daten hinsichtlich der genauen Infektionszahlen sind nur begrenzt
vorhanden, eine Aktualisierung epidemiologischer Daten ist zwingend
erforderlich.
3. Soziale Ungleichheit und Stigmatisierung müssen bekämpft werden.
4. Aufklärung und Behandlung vulnerabler Gruppen müssen verbessert
werden.
5. Mikro-Eliminations-Strategien sind ein kosteneffizienter und
effektiver Weg zur Eliminierung von Virushepatitis in Hochrisikogruppen.
6. Barrieren für Menschen mit intravenösem Drogenkonsum müssen
reduziert und die Entkriminalisierung kleinerer Drogendelikte muss
vorangetrieben werden.
7. Die Hinzunahme des Screenings auf eine Virushepatitis in der
allgemeinen Gesundheitsuntersuchung („Check-up 35“) ist eine wichtige
Ressource auf dem Weg zur Elimination.
8. Eine adäquate Nachsorge ist wichtig, um Behandlungserfolge
sicherzustellen.
Deutsche Leberstiftung
Die Deutsche Leberstiftung befasst sich mit der Leber, Lebererkrankungen
und ihren Behandlungen. Sie hat das Ziel, die Patientenversorgung durch
Forschungsförderung und eigene wissenschaftliche Projekte zu verbessern.
Durch intensive Öffentlichkeitsarbeit steigert die Stiftung die
öffentliche Wahrnehmung für Lebererkrankungen, damit diese früher erkannt
und geheilt werden können. Die Deutsche Leberstiftung bietet außerdem
Information und Beratung für Betroffene und Angehörige sowie für Ärzte und
Apotheker in medizinischen Fragen. Weitere Informationen zur Stiftung
unter www.deutsche-leberstiftung.de. Auf der Website finden Sie unter
anderem umfangreiche Informationen sowie Bildmaterial für Betroffene,
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